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zusammenhingen?

Max Leidenfrost verzog die immer sarkastischen Mienen zu einem entschiedenen Lächeln und platzte hervor:

Nun Das muss ich gestehen, ich wollte eben eine Mücke todtschlagen, als mir einfiel, dass sie vielleicht einen alten Vater zu ernähren hat!

Man lachte wohl über dieses Gleichniss, aber Propst Gelbsattel, der das Bild von der Academia della Crusca, das Leidenfrost einst bei Louis Armand mit Anspielung auf Gelbsattel's Kunstansichten angegeben, nicht vergessen hatte, warf einen verächtlichen blick auf den Sprecher, der sich in dem Bewusstsein, die Gesellschaft heute noch als Pyrotechniker unterhalten zu dürfen, ganz behaglich auf seinem Gartensessel wiegte und mit den Kindern allerhand Kurzweil trieb, auch Siegberten dadurch neckte, dass er sich stellte, als wenn er nicht wüsste, wie man in solcher Gesellschaft Kaffee tränke und Gebackenes ässe. Er fasste den Teelöffel manchmal absichtlich verkehrt oder gab sich die Miene, als wollte er sein Getränk in die Untertasse giessen und aus dieser schlürfen, worüber Siegberten, der gleichsam hier für ihn wie für ein wildes Tier gut stand, ein Schrecken überfiel. Leidenfrost machte, als er seine Tasse auf den Tisch zurück stellte, sogar einmal die Miene, als wenn er den Tassenkopf, wie die Bauern tun, umwenden wollte. Siegbert merkte wohl, dass ihn Leidenfrost nur neckte; aber er dachte sich doch die Möglichkeit, dass ihm der wilde Cyniker wirklich einen solchen Streich vor der Fürstin spielen konnte. Dass er ihm seinen Überrock und den Slowakenhut nicht vorhalten durfte, peinigte ihn schon genug.

Ich habe mich, fuhr Leidenfrost fort, ganz genau nach allen wohltätigen Dependenzen jener Erbschaft erkundigt. Mein Freund Siegbert ist zu gewissenhaft, Mücken todtzuschlagen, die einen alten Vater ernähren müssen. Er würde, wenn der Familie Wildungen Das wird, was von Gott und Rechtswegen ihr gebührt, sicher Niemanden entgelten lassen, dass das Unrecht früherer zeiten ihm Wohltaten spendete, die das Recht der Gegenwart ihm entzöge. Was ist nun da zum Vorschein gekommen? Nichts, was sein Gewissen beunruhigen könnte. Die alten Häuser werden luxuriös verwaltet und verfallen in Trümmer. Wo man Familienwohnungen für die Armut hätte bauen sollen, duldet man den Fortbestand von Höhlen des Lasters und des Elends, deren Ertrag zu Zwecken verwendet wird, die keine innere notwendigkeit haben. Diese Häuser, diese Liegenschaften und Grundzinsen bringen enorme Summen ein. Wozu werden sie verwendet? Zur Herstellung eines Überflusses neben dem Notwendigen, für das schon von anderer Seite gesorgt ist. Gründlichen Besitz wagte die Stadt nie von jener Verlassenschaft zu nehmen. schulen, Witwen und Waisen sind nicht darauf angewiesen, wohl aber frivole, überflüssige Zwecke, als da sind: Judenbekehrungspredigten, Missionsbeiträge, Bibelgesellschaftsunterstützungen und dergleichen Frivoles mehr. Das einzige Praktische sind die bedeutenden Vergrösserungen der Emolumente des hohen Rates der Stadt, der Geistlichkeit, derjenigen Kirchen, über die der Magistrat das Patronat hat, eine Kutsche für jeden der vier Syndici, eine Kutsche fürich bedaure es sagen zu müssenfür die Propstei und damit ich nichts verschweige, allerdings der sehr ehrenwerte Fond für diejenigen Geistlichen, die an den drei Hauptkirchen der Stadt angestellt sind und Töchter haben, um deren Ausstattung sie in Verlegenheit sind. Denn jede Pfarrerstochter, die ein drittes Aufgebot nachweist, bekommt eine Aussteuer von tausend Talern. An dieser philantropischen Institution versündigen sich allerdings die Gebrüder Wildungen sehr, wenn sie den Process gewinnen sollten.

Leidenfrost unterbrach sich hier selbst und bat um Entschuldigung, da ihm der Gärtner wegen einiger Vorbereitungen zum Feuerwerk in angemessener Entfernung winkte.

Er erhob sich rasch und ging. Paulowna und Rurik sprangen ihm nach und verliessen die Gesellschaft, die über die bittern Worte des schroffen Mannes fast erschrocken war. Es währte einige Zeit, bis sich eine harmlose Stimmung wiederfand. Man wollte das Tema der Erbschaft verlassen, fing über zufällige andere Veranlassungen eines lauten Urteils zu sprechen an, aber die Trompetta konnte sich nicht mässigen. Man hatte die ihr heiligsten Dinge, jene Stiftungen, jene Zweckvereine frivol genannt. Da half nichts, sie musste die hände zusammenschlagen und mit einem blick hinter dem in den Gängen des Gartens mit den Kindern verschwindenden Leidenfrost her ausrufen:

grosser Gott! Was man nicht Alles hören muss in dieser Zeit! Die Bibelgesellschaften frivol!

Die Fürstin wollte Leidenfrost seiner Sonderbarkeit wegen entschuldigen. Siegbert sprach von seiner gewöhnlichen rücksichtslosen Art, aber die Trompetta verlangte von den Männern ein Urteil, ein Verdammungsurteil, eine entrüstete Äusserung, eine Indignation, ein Anatem!

Gelbsattel wollte da gar nicht recht mit der Farbe hervor. Er pries die Bibel, nannte sie das Buch aller Bücher, rühmte die Tätigkeit der Bibelgesellschaften, gab statistische Angaben über die Zahl der von England herübergekommenen und verteilten Exemplare ...

Das war aber Alles nichts. Die Trompetta beruhigte sich nicht und forderte dadurch den etwas unwirschen und verdriesslichen Rudhard heraus zu der Äusserung:

Meine gnädige Frau! Die Bibel ist ein herrliches Buch! Sie ist gar kein Buch, sondern ein Stück von der geschichte selbst! Sie ist das Leben selbst und wohl von Gott eingegeben, wie alle Zeugnisse seiner Grösse, seiner Allmacht, wie alle Wunder, wo man die Züge seines Atems zu hören glaubt. Allein, beste gnädige Frau, die Bibel will gelesen, will verstanden sein. Ich bin dieser Tage einmal in den Fall gekommen, einem Menschen, der mich fragte, ob er die Bibel lesen solle, zu sagen: Guter Freund, hier habt Ihr ein Buch! Les't darin! Es ist nicht die Bibel, aber