eigentlich gerade die Hauptperson des Festes; denn er hatte versprochen, es durch Kunstfeuerwerkerei, die er meisterhaft verstand, zu verschönern und auf das Brillanteste zu beschliessen. Er war es, der schon am Tage zuvor einen stattlichen kleinen Böller von einigen Arbeitern der Willing'schen Maschinenfabrik, natürlich verdeckt in einem grossen Kasten, hatte in den Garten fahren lassen. Er war es, der mit der Dämmerung Heusrück, Alberti und den hochgeschulterten Danebrand erwartete, um mit ihnen gemeinschaftlich unter dem klaren Sternenhimmel des Herbstes Pulver und Arsenik unter den mannichfachsten Formen in Brand zu setzen.
Gegen vier Uhr sass die ganze Gesellschaft beim schönsten Sonnenschein auf dem Gartenparkett in der Runde und schlürfte einen vorzüglichen Mokka. An Süssigkeiten ein Überfluss. Neben den gebetenen waren Bienen und Käfer die ungebetenen Gäste. Alles atmete Luft und Behagen. Es war ein heiterer Anblick, dieser blaue Himmel, dieser grüne Rasen, die vollen Obstbäume, die Blumen, die festlichen Anordnungen, die geschmückte Gesellschaft. Und die Trompetta führte das Wort! Das war nicht minder lebendig! Auch Anna war sehr angeregt. Die Gute fühlte sich immer glücklich, wenn sie von den Pflichten in Tempelheide, die sie gern übte, doch einmal erlöst war. Gelbsattel gab manche gewichtige Meinung anzuhören ... seine Gattin, die Pröpstin, war freilich stumm. Die drei Töchter aber, sonderbarerweise sitzengebliebene und doch sehr angeregte junge Damen, schossen mitredend auf Alles zu, was nur erörtert und berührt wurde. Leidenfrost, wie man es erwarten konnte, im Überrock ohne alle Festestoilette, mit seinem grauen Hut, ohne Handschuhe, hielt sich glossirend zurückgezogen. Siegbert dagegen machte fast den Wirt, umsomehr, als Rudhard etwas auf dem Herzen hatte und nicht recht auftauen konnte. Die Flottwitz schien etwas ungeduldig. Dankmar fehlte noch. Sein Bruder entschuldigte ihn durch die vielen Mühen, die ihm der Process koste, wobei er einen fast abbittenden blick auf den Propst warf, der seinerseits das Wort ergriff und sogleich mitten in jene Stimmungen hineinfuhr, die in ihm diese inzwischen immer mehr vorgeschrittene Angelegenheit wecken musste.
Seine älteste Tochter, Emmy, warf ihm einen verweisenden blick zu, als er so polterte; er möchte sich mässigen, die Umgebungen in Anrechnung bringen ...
Allein, noch erwärmt von dem Besuche Sylvester Rafflard's, der eben bei ihm gewesen war, legte der Propst seinem Redeeifer keinen Zügel an, sondern versetzte alle Anwesende rasch auf den Standpunkt, in dem sich gegenwärtig die merkwürdige Johannitererbschafts-Angelegenheit befand.
Fünftes Capitel
Gegensätze
Es ist erstaunlich, begann Gelbsattel, wie tief diese Sache in Fleisch und Blut der wichtigsten Interessen eingreift. Ich will von einigen kleinen Stiftungen nicht sprechen, die selbst in dem Falle, dass der Staat den Process gewönne, verloren wären ...
Davon nicht sprechen? unterbrach den Propst sogleich voll Eifers Frau von Trompetta. Von frommen Stiftungen nicht sprechen?
Allerdings, sagte der Propst. Wenigstens solche Stiftungen, die in einem frommen Sinne begründet wurden –
Zu denen du doch, fiel Rudhard ein, nicht etwa die Sonnabendspredigt rechnen wirst, die regelmässig in der kleinen Dreieinigkeitskapelle ein Candidat zur Judenbekehrung halten muss?
Lieber Freund, antwortete Gelbsattel, ich teile vielleicht ganz dein Bedenken gegen diese hundertjährige Veranstaltung, der es noch nicht gelungen ist, nur einen einzigen Juden zu bekehren, allein es ist die äussere Form eines Stipendiums für einen jungen Candidaten, der sich auf diese Art homiletisch übt und unter dem Schirm eines christlichen Zweckes die noch christlichere wirkung einer Wohltat geniesst –
Bester, sagte Rudhard lachend, das ist sehr hübsch gesagt für den Candidaten Oleander, der gegenwärtig diese Predigten hält und dein Schwiegersohn werden soll; allein nimm mir nicht übel, diese Art von Überlieferungen taugt nichts. Geht's nicht mit dem ganzen Christentum so, dass man es gleichsam für ein Vermächtniss hinnimmt, das Niemand untersucht und das nur für den Schild eines völlig heterogenen, ihm untergelegten Begriffes dient?
Anna von Harder blickte bei Erwähnung des Schwiegersohnes teilnehmend auf Emmy Gelbsattel, die sich verfärbte und über den Namen Oleander in Verlegenheit zu geraten schien. Anna wollte mit holdem Blicke der ältesten Tochter Gelbsattel's, der sich schon viele Partien zerschlagen hatten, zu dieser Glück wünschen. Aber das nicht mehr junge Mädchen erschien ihr plötzlich keine Braut. Sie unterdrückte ihren guten Willen und wagte es, sich in das Gespräch der Männer zu mischen. Während sie den Kindern Früchte abnahm, die diese ihr verschwenderisch anboten, wagte sie eine bescheidene Äusserung, die sie schüchtern und beklommen genug vortrug.
Ich will die Verstellung nicht in Schutz nehmen, sagte sie, ebensowenig wie eine gleichsam für gültig erklärte Täuschung, aber ist es nicht wirklich mit dem Glauben so, dass sich das angeborene und durch schmerzliche oder dankbar aufgenommene freudige Lebensschicksale in uns entwickelte gläubige Bedürfniss an die Wahrheiten des christentum anschmiegt und ohne viel zu prüfen, was sich davon beweisen lässt, soviel als nur beseligend auf uns einwirkt, in sich aufnimmt?
natürlich! sagte die Trompetta mit verklärtem aber stolzem und verächtlichem blick. So ist es! Nicht anders. Schleiermacher hat Das jeden Sonntag gepredigt.
Und gleichsam, als wollte sie fernere vorwitzige Erörterungen heiliger fragen abschneiden, setzte sie hinzu:
Würden denn auch Witwen und Waisen unter der Entscheidung dieses merkwürdigen Rechtsfalles leiden, Herr Propst?
Das zwar nicht unmittelbar, sagte der Gefragte, seine Tasse mit Würde haltend, allein wo fliessen in dieser Welt aussergewöhnliche Hülfsquellen, die nicht irgendwie auch mit den Bedürfnissen der Witwen und Waisen