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Da wir ihn aber trafen, haben wir ein Verbrechen begangen!.. Es lag in dieser scharfen Entgegnung eine Wahrheit, die auf die Fürstin entwaffnend wirkte. Aber ihre Niederlage dauerte nur einen Augenblick. Von stunde' an begann sie fortwährend an Olga zu tadeln, sie eitel, verkehrt, nachlässig zu schelten, während Olga schwieg und sich nur zuweilen durch irgend ein kurz hingeworfenes scharfes Wort gegen die Anklagen ihrer Mutter zu verteidigen suchte. Rudhard, zu sehr in Anspruch genommen von der wiederangeknüpften Freundschaft für Egon, von der Entdeckung einer mit dem Bilde der Fürstin Amanda vorgenommenen Gewalttätigkeit, liess diese Störungen des häuslichen Friedens so hingehen und bemerkte sie kaum, da er wenigstens dann, wenn Siegbert kam, eine Art Waffenstillstand fühlte. Mutter und Tochter schwiegen dann und zeigten sich in dem natürlichen Verhältnisse, dass die Eine befahl, die Andere gehorchte. Es muss schon eine grosse Verwilderung in den Sitten einer Familie eingerissen sein, wenn man die Verstimmungen, die im innersten Schoosse derselben herrschen, auch vor dem Auge Anderer zeigt. Siegbert gehörte wohl schon wie ein Sohn oder ein Bruder zur Wäsämskoi'schen Familie, aber Mutter und Tochter fühlten doch noch eine tiefinnerliche sittliche Veranlassung, sich ihm so zu zeigen, wie es in der Ordnung der natur und dem feineren Zartgefühle des Herzens eigentlich begründet war. Takt ist die einzige erlaubte Notlüge der Tugend.

Die Fürstin war ihrer Absicht, zurückgezogen zu leben, treu geblieben. Sie hatte nur wenige Namen der grossen Welt besucht und sich auf die Menschen beschränkt, die sich so zu sagen selbst bei ihr einführten. Die Oberhofmeisterin konnte nur selten kommen. Anhänglicher war Anna von Harder, die sich oft die Kinder nach Tempelheide citirte und sie an der Tierwelt des alten Schwiegervaters sich ergötzen liess. Es lag so etwas Mütterliches in ihrer ganzen Art, dass die Kinder sie Tante Anna nannten und sich freuten, einmal einen ganzen Sonntag oder wohl eine Nacht in jenem kleinen schloss und bei dem Tannenparke bleiben zu dürfen, in welchem es so viele kleine chinesische, mit Geflügel bevölkerte Pavillons, so viele Ställe und Hürden und bei allem Geblök und Geschnatter so viele melodische Windharfen gab. Anna von Harder hatte versprochen, zur Weinlese zu kommen und kam auch mit einem prächtigen vom Bedienten aus dem alten Wagen nachgetragenen Kranze von Georginen, den sie nach dem Willen der Kinder sich über die Schulter werfen sollte, aber bescheiden ablehnend auf das Gewinde an den sinnig geordneten Fruchttisch wie eine bescheidene Opferspende zum Feste hängte.

natürlich fehlte auch die unvermeidliche Frau von Trompetta mit ihrem ebenso unvermeidlichen Inseparable fräulein von Flottwitz nicht.

Unsere gute Frau von Trompetta war seit einiger Zeit gar verstimmt. Der Hof hatte den Ankauf des Getsemane abgelehnt und sich nur zu einigen Aktien oder Loosen bereit erklärt. Sie war darüber in eine doppelt begründete Betrübniss verfallen. Einmal schmerzte sie's der nun gehinderten rascheren Beförderung wegen, andernteils war sie in grosser Besorgniss, nicht mehr in der Gunst des Hofes zu stehen. Die Altenwyl, die strenge Richterin der Sitte, sollte, wie ihr "gesteckt" wurde, in den "kleinen Cirkeln" etwas von der "Ruhmsucht der Wohltätigkeit" gesagt haben. Man hatte, erfuhr sie, viel Anekdoten von ihren Zwangsmassregeln, um ihre Sammlungen einmal den Künstlern, ein andermal den Dichtern abpressen zu können, erzählt, und wie gern man das herrliche Werk, dies bunte fromme Getsemane, bei hof besessen hätte, man gab sich doch wieder jener besorgten Rücksicht hin, ob nicht an so hoher Stelle eine Unterstützung dieser Zwangs- und Ruhmsuchtswohltätigkeit ein schlimmes Gerede geben und Anstoss erregen könnte. Die Trompetta fand jedoch ihr Unglück in noch hundert andern Ursachen. Sie sah Feinde, Verleumdungen, sie projektirte einen Fussfall bei der Königin und wurde vor Kummer und Nachgrübeln über ihr "Malheur" um einige Linien magerer. Sie mistraute ihren besten Freunden. Von Pauline von Harder, die sie schon längst geringschätzig behandelt hatte, glaubte sie sich zuerst zurückziehen zu müssen, was ihr bei der plötzlich so wunderbar gestiegenen Bedeutung jener Frau schwer, fast unmöglich wurde. Für Anna von Harder, die bei hof in so hohem Ansehen stand, wurde sie eben deshalb eine unerträgliche Plage. Sie ruhte nicht, bis eine Aufführung des Judas Maccabäus "innerhalb der Gesellschaft" zur Unterstützung einer Kleinkinderbewahranstalt angebahnt war. Sie sang geistlich, wo sie nur konnte, und hatte auch für diesen Weinlesenachmittag einige Oster-Lamentationen aus der römischen Peterskirche mitgebracht. Auch der Flottwitz, ihrem unermüdlichen Trabanten, mistraute sie zuweilen und machte ihr Vorwürfe, dass sie seit dem verunglückten Hinterhalt auf der Terrasse von Solitüde so oft mit Neigung von jenem Dankmar Wildungen spräche, der doch allgemein durch seine Grundsätze sowohl, wie seinen vermessenen Process, als ein Feind des Staates und der Kirche bekannt wäre. Sie hatte von Gelbsattel, der durch Rudhard's alte "Zeltkameradschaft" von Schulpforte her gleichfalls bei der Fürstin Wäsämskoi eingeführt war und für heute Nachmittag mit seiner Gattin und seinen Töchtern erwartet wurde, die ganze Bedeutung der von den Brüdern Wildungen erhobenen Ansprüche vernommen und war nicht wenig in Verlegenheit, als sie sich gefasst machen musste, ihnen hier Beiden zu begegnen. Vor Siegbert schämte sie sich sogar, ihres Getsemanes wegen, das der Hof nicht angekauft hatte!

Propst Gelbsattel nahm die Einladung in nicht geringer Spannung an. Hätte er gewusst, dass er seinen scharfen Antagonisten, den demokratischen Maler Max Leidenfrost, gleichfalls finden sollte, wer weiss, ob er gekommen wäre! Leidenfrost aber war recht