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war, an. Veranlassung genug, mit Olga, die von einem gleichen Drange nach Betätigung beseelt war, fortwährend dabei in Conflict zu geraten. Wie lebhaft hatten sie nicht den ganzen Vormittag gestritten über die Anordnungen, die zu dem kleinen Feste getroffen werden sollten! An der Stelle, wo in schöneren Tagen Abends der Tee getrunken wurde, sollte ein grosses Parquet von Bretern gelegt werden, um die feuchte Erde den Füssen nicht fühlbar zu machen. Darüber war Mutter und Tochter einig. Nun aber wollte die Fürstin ein Zelt geschlagen wissen, das sich von diesem Parquet erheben und die Gäste vor jeder Laune der Witterung schützen sollte. Olga protestirte gegen das Zelt und berief sich auf das schöne Wetter und die erquickende Gewalt der freien Luft. Man stritt, ob das Wetter Bestand haben würde. Olga behauptete, es fest verbürgen zu können. Die Mutter fand diese Bürgschaft lächerlich, kindisch; sie erhitzten sich darüber bis Rudhard dazwischen kam und oben von seinem Zimmer hinunterrief, der Sensenmann an seiner Uhr, der lange gestockt hätte, wäre wieder von selbst in Tätigkeit, das bedeute schönes Wetter. Ärgerlich über diese Entscheidung entfernte sich die Fürstin und sagte, sie wolle Olga nun ganz gewähren lassen. Lass du mich nur! sagte diese ruhig und traf ihre Anstalten. Das Parquet war geschlagen und mit Teppichen belegt. An der einen Seite wurde ein Tisch für die Erfrischungen, die genommen werden sollten, aufgestellt. Auf der andern liess Olga einen grossen Fruchttisch errichten. Sie hatte schon gestern den ganzen Tag Blumengehänge flechten und verbinden lassen. Diese wurden an dem haus und den nächsten Bäumen befestigt und hier und da noch von grünen Stäben unterstützt. So gab das ein freundliches Dach, unter dem sich der grosse Fruchttisch ganz malerisch ausnahm. Sie hatte ihn mit bunten Decken belegt und mit allen in dem Garten gewonnenen Früchten geziert. In Porzellankörben, in krystallenen Schalen lagen hochaufgetürmt Äpfel, Birnen, Zwetschen, im höheren Centrum Pfirsiche, Aprikosen, und eine Melone bildete den höchsten Mittelpunkt. Dazwischen lagen Weinblätter, mit denen die Gefässe garnirt waren. Man konnte diesen Tisch kaum mit dem Verlangen betrachten, davon zu essen. Man konnte nur wünschen, dass dies schöne Ensemble unangerührt und ungestört bliebe. Die Mutter würdigte diese ganze Veranstaltung kaum eines Blickes und war doch so eifersüchtig, dass sie Olga anwies, sich nun um das Weitere, was die Weinlese selbst betraf, nicht zu bekümmern. Aber auch da ging es ihrer Autorität schlimm. Die Fürstin verlangte, dass alle gewonnenen Trauben von den Dienern und Mägden auf einem grossen Tische, wo Jeder nach Belieben davon nehmen könnte, in der Mitte des Gartens aufgehäuft würden und rückte nun an diesem Tische und liess ihn da-, dortin transportiren. Olga fand diese Einrichtung komisch und der Weinlese nicht im mindesten entsprechend. Sie sagte Das in aller Ruhe, reizte aber die Mutter gerade durch diese Ruhe mehr, als durch Heftigkeit. Wie denkst du dir's denn, Olga? fragte Rudhard gelassen. Olga sagte: Es müsste sogleich in die Stadt auf den Markt geschickt und ein Dutzend kleiner Handkörbe gekauft werden und ein Dutzend kleiner Gartenmesser von krummer Gestalt; Messer zum Einschnappen. Diese Körbe und diese Messer müsste dann die Hausfrau jedem gast, der helfen wolle, mit höflicher Bitte feierlich überreichen und so müsse zu gleicher Zeit von Allen der Wein geschnitten werden. Rudhard konnte auch diesen Vorschlag nur billigen und der Fürstin, so peinlich es ihm war, wieder Unrecht geben. Diese kopfschüttelnd rief verdriesslich einem ihrer Diener und schickte ihn in die Stadt, sogleich zwölf kleine längliche Handkörbe und zwölf krumme Messer zu kaufen. Der Diener ging, nachdem er vorher Rudhard einen soeben für ihn von dem Postboten gebrachten Brief überreicht hatte.

Rurik und Paulowna hatten, wie Das unter Kindern bei solchen Anlässen immer ist, eine so überselige Erwartung, dass keine Wirklichkeit ihr hätte gleichkommen können. Bei Tisch entspann sich neuer Zwiespalt zwischen Mutter und Tochter. Man ass ausnahmsweise, weil die Gäste um drei Uhr erwartet wurden, sehr früh. Die Fürstin wollte, dass die Kinder sich wie gewöhnlich satt assen, damit sie von den spätern Torten, Früchten und dem Eise nicht zu gierig naschten und ihrer Erziehung Schande machten. Olga verlangte gerade im Gegenteil, dass sie wenig assen und sich nachher desto unschädlicher an den Näschereien erfreuen könnten, die einmal doch nicht unterbleiben würden. Rudhard hörte absichtlich nicht auf den Streit. Er legte mechanisch die speisen vor. Er schien zerstreut; der Brief, den er empfangen, hatte ihn übellaunig gestimmt. Fast mechanisch, fast gedankenlos gab er zuletzt doch wieder Olga Recht, worüber die Mutter sich so erzürnte, dass sie aufsprang und weinte. Rudhard folgte ihr und bat sie, sich zu beruhigen. Er verwies Olga dies ewige Streiten und Rechtaben. Worauf Olga, ganz kalt, fast trotzend erwiderte: Ja! Es ist sehr Unrecht, Recht zu haben!

Dieser gereizte Ton zwischen Mutter und Tochter war seit der eigenmächtigen Partie nach Solitüde eingerissen. Die Fürstin hatte damals nicht Worte genug finden können, um ihre Missbilligung über diesen kekken Einfan zu erkennen zu geben. Nichts von den Erzählungen der Kinder konnte sie beruhigen. Der Gruss der Königin war ihr beklemmend, ja compromittirend, wenn sie sich sagen musste, dass diese drei Kinder ohne Aufsicht am schloss zu Solitüde waren gesehen worden. Olga antwortete keine Sylbe, bis sie plötzlich hinwarf: Hätten wir Siegbert nur nicht getroffen, so würdest du uns ausgelacht haben.