Wühlen und Schleichen liegt nun am Tage. Er hatte Franziska später in ihrer bescheidenen Existenz aufgesucht, sich die Mühe gegeben, scheinbar ihre Sprachstudien zu leiten, aber bald dem Plane entsagt, sie für seine niedrige Sinnlichkeit erobern zu wollen. Dennoch behielt er das schöne Mädchen im Auge, als er bemerkte, wie wert sie jenem Louis Armand geworden war, der über den Prinzen Egon eine herrschaft übte, die er brechen musste, um eine Verbindung zwischen Egon und Helenen zu stand zu bringen. Sein Späheramt, das er auf Louis Armand unter dem Namen eines Italieners, Signor Barberini, ausüben wollte, wurde gestört, da er als Besitzer eines Quartiers, das er nie bewohnte, bald verdächtig werden musste. Er hatte Louis Armand der Polizei als Communisten angezeigt, doch davon noch keinen Erfolg bemerken können. Die alte Gräfin d'Azimont schrieb Brief auf Brief und hoffte von ihm die baldigste Bestätigung, dass Helene auf eine Scheidung von ihrem Sohne dringe, den sie selbst beerben wollte. So entschloss sich Rafflard zu Gewaltschritten. Dankmar, Siegbert Wildungen schienen ihm schon so gut wie von Egon entfernt. Rudhard, der für die Kinder seiner Pflegebefohlenen, der Fürstin Wäsämskoi, auf Helenen's künftiges Vermögen rechnete, hatte zwar auch das lebhafteste Interesse, diese Scheidung und die neue Heirat mit dem mittellosen Fürsten von Hohenberg zu hindern; aber auch für Rudhard sann der Jesuit auf eine gelegenheit, ihn unschädlich zu machen. Am liebsten wär' er in den Kreis der Fürstin Adele selbst eingetreten. Doch nahm man ihn dort nicht an. Er stand der inneren Verwickelung dieser Familie fern und konnte nur durch den Propst Gelbsattel und besonders dessen Töchter erfahren, was sich in jenen Kreisen begab; denn Gelbsattel hatte die alte Schulfreundschaft mit Rudhard, wenn nicht wegen Rudhard, doch wegen einer Fürstin, bei der Rudhard so einflussreich war, wieder angeknüpft.
Rafflard hatte nun den Trost, dass Egon plötzlich allein stehen würde; denn Louis Armand durch einen gefährlichen Anschlag auf Franziska Heunisch mindestens bis London zu jagen, schien ihm nun ein Leichtes.
Er wandte sich der alten Propstei zu, um seinen dortigen Beschützern noch einmal an's Herz zu legen, dass man über Alles, was heute Nachmittag auf einer von der Fürstin Wäsämskoi in ihrem Garten veranstalteten Weinlese sich ereignen würde, ihm den genauesten Bericht erstatten sollte. Auch hatte der Propst dem Jesuiten schon lange versprochen, ihn mit einigen bedeutenden, tonangebenden, ausserhalb der Partei stehenden Männern der Residenz näher bekannt zu machen, mit Franz Schlurck, mit Drommeldei, mit Guido Stromer, ja, wenn es irgend ginge, bei zufälliger Begegnung sogar mit dem General Voland von der Hahnenfeder, der schwer zugänglich und stets vom hof in Anspruch genommen war. Der Propst hatte ihm gesagt, es müsste Dies an irgend einem dritten Orte geschehen, damit es den Schein der Zufälligkeit gewänne. Die Welt wäre mistrauisch und das Unschuldigste verfiele der Beurteilung; die Harmlosigkeit der alten Tage wäre vorüber und selbst die Loge, dies sonst so friedliche Asyl der reinsten Bruderliebe und der duldsamsten Neutralität, böte nicht mehr den alten Schutz, wo denkende Menschen sich unbefangen aussprechen und eine gewisse Universalität der Standpunkte voraussetzen könnten.
So sehen wir einen Menschen mehr aus angeborener Lust am Bösen, als um eigener Vorteile willen die harmlos dahinlebenden, uns liebgewordenen Wesen umwühlen, und ausser den Gruben, die sich jede lebhafte Empfindung und starke Willenskraft schon durch ihre eigene leidenschaft gräbt, ihnen noch neue Gefahren bereiten, unvorhergesehene, unverschuldete, verderbenschwangere.
Viertes Capitel
Mutter und Tochter
Zur Freude der kleinen Wäsämskoi's hielt sich das Wetter und über Mittag war keine Wolke mehr am Himmel. Das tiefdunkelste Blau überzog den ganzen Horizont. Die hier und da schon halbentlaubten Bäume liess die letzte Fülle der hochgewachsenen Herbstblumen vergessen. Den gelbgewordenen Schmuck der Gärten entfernte die geschäftige Hand des Gärtners. Man hatte noch Grün, man hatte noch Blumen die Fülle. Niemand konnte glauben, dass es schon zum Winter ging.
Der grosse Garten, der sich an die auch für den Winter behaltene wohnung der Fürstin Wäsämskoi lehnte, war an Blumen nicht minder wie an Obst und allen Früchten reich. Das grosse Rebenspalier mit seinem gewölbten dach, unter dem man im Sommer kühlenden Schatten, ja Schutz vor dem Regen gefunden hatte, kennen wir schon. Der Gärtner hatte schon im September die reiche Traubenernte für reif zum Abnehmen erklärt und die Kinder hatten ihn in dieser Meinung unterstützt, da sie selbst abbrachen, was sie nur erreichen konnten. Die letzte Hand aber anzulegen, verhinderte das darauf eintretende Regenwetter. Nun ist's aber Zeit, die Trauben verderben! hiess es. Da musste man sich entschliessen, einen Tag zur Lese zu bestimmen. Die Kinder hatten soviel von der künftigen Lese der Trauben, von den Festlichkeiten, dem Gebäck, dem Feuerwerk hören müssen, dass sie nun auch trotz des Wetters darauf bestanden, dass es Festlichkeiten, Kuchen und Feuerwerk geben sollte. Kein Einwand konnte helfen. Man lud auf einen bestimmten Nachmittag einen Kreis von Freunden des Hauses ein, gleichviel, ob sie drinnen oder draussen dem jubel der Kinder zusehen wollten. Und nun spannte der Himmel einen sonnigen Baldachin über diese Freude aus, gab Wärme, trocknete die Wege, die Bänke, lachte mit der Freude der Menschen.
Die Fürstin zeigte heute ein gewisses Anordnungstalent. War doch überhaupt ihre Bequemlichkeit, ihr Phlegma schon seit einiger Zeit gewichen! Sie nahm sich der Ordnung des Hauses mehr, als sie sonst gewohnt