über Sylvester Raffland, den Philantropen, in ein Strafgericht ausbrechen?
Wie er noch stand, ging ein Herr vorüber, um in den Salon zu treten. Er streifte seine Kleider. Murray blickte auf und erkannte Heinrichson, den er bei dem Maler Reichmeier angetroffen hatte, als er diesen besuchte, um den Versuch zu machen, ob man nicht durch eine Malersitzung die wahnsinnige Auguste heilen könnte, da Auguste unaufhörlich von ihrem Bilde phantasirte ...
Ha! Ha! rief er mit einem wilden Anfalle bitterster Ironie: Sie hier? Gibt es hier auch Modelle, Herr?
Heinrichson wandte sich und sah zu dem Sprecher verächtlich zurück.
Murray hatte bei Reichmeier nur seinen Namen erfahren und Heinrichson war gegangen, als er merkte, dass dieser wunderliche alte Mann mit seinem Kunstgenossen allein zu sprechen wünschte. Schön und gefällig wie Heinrichson war, hatte er Murray's Interesse erregt und damals die Frage nach ihm veranlasst.
Sie kennen mich nicht! sagte Murray. Ich habe die Ehre, Herrn Heinrichson – eine junge Verwandte wollte ich von Ihnen malen lassen. Sie wollte aber nicht sitzen, als ich Ihren Namen nannte – Auguste Ludmer, Herr Heinrichson!
Heinrichson erschrak über diese Zudringlichkeit und wollte zur Gräfin.
Murray hielt ihn fest und sagte ihm mit einem Tone, der sich durch scheinbaren Scherz selber mässigte:
Sie sollten sie malen, Herr, wie ich ein Stück in London gesehen habe, als ich im Teater war. Ein tolles Mädchen trat auf, der Einer den Kranz zerrissen hatte, Stroh und Blumen trug sie auf dem Kopf, sang Lieder und war toll ... Malen Sie Das, mein Herr! Auguste Ludmer kann Ihnen dazu im Narrenturm sitzen. Die Mutter Ihres toten Kindes sitzt im Narrenturm.
Wovon sprechen Sie denn? Was wollen Sie? stotterte Heinrichson, der zu den Männern gehörte, deren Mut nur bei solchen Gelegenheiten sich bewährt, wo ein witziger Einfall die Stelle einer Handlung vertritt. Wo die ernsten Tatsachen des Lebens sprachen, verlor er jedesmal die Gegenwart seines sonst immer schlagfertigen Geistes.
Wer ist der Mann da? fragte er ungeduldig fortdrängend den Bedienten und riss sich los ...
Ich bin Murray, sagte der Alte und hielt ihn nun zum Schrecken des feigen Bedienten gewaltsam fest, Murray, ein Engländer! Von Auguste Ludmer sprech' ich, die in allen Ihren Bildern die Menschen entzückt hat und jetzt im Tollhause sitzt. Herr, wie hiess die Prinzessin, die ich in London sah? Sagen Sie mir, wie das Mädchen mit einem Strohkranze um den Kopf, mit Maasliebchen im Haare, geheissen hat?
Ophelia wahrscheinlich! sagte Heinrichson zitternd und riss sich mit letzter Gewalt von dem unheimlichen mann los, der ihn am Rocke zerrte.
Murray stand und grinzte ihm zornfunkelnd nach.
Der Bediente schien, als Heinrichson zur Gräfin eingetreten war, nicht zu wissen, ob er mit diesem kecken Alten höflich sprechen oder ihn wegen seiner Unverschämteit zur Tür hinauswerfen sollte. Nur der Gedanke, dass doch Herr Professor Rafflard sich mit ihm so lange unterhalten hatte, mässigte seine schlimmen Voraussetzungen ...
Bester Freund, sagte Murray mit einem eigenen Ausdruck von verwirrter Ironie, der den inneren Zorn verbergen sollte; bester Freund, ja, ja, das Stück hättet Ihr in London sehen sollen. Ein Mädchen kam darin vor, das sich vernünftig stellte und toll war und ein junger Mensch, schwarz von Kopf bis zur Zehe, der sich toll stellte, der aber ganz vernünftig sprach. Freund, der Mann spielte seine Rolle so natürlich, dass man hätte schwören mögen, er käme geraden Weges vom Irrenhaus. Aber ein Spitzbube war's! Ein echter Spitzbube!
Der Bediente warf ärgerlich die Tür hinter dem vorlauten, unheimlichen, wie irr redenden Alten zu.
Murray, Atem schöpfend, seine Brust an der Luft erweiternd, stieg bedächtig die mit Decken belegte, von Gypsstatuen gezierte Treppe hinunter und überlegte sich, ob er da wiederkommen würde oder nicht; ob es besser wäre, zu einem bösen Anschlage sein falsches Angesicht zu zeigen oder sein wahres ... Als er auf der Strasse war und das Gewühl der Menschen sah, die aneinander vorüberrannten, Jeder geschäftig im Bewusstsein seiner eigensten Interessen, da überkam ihn fast die Lust, es mit Sylvester Rafflard auf dem Wege, den dieser eingeschlagen hatte, nun weiter zu versuchen, das ihm gegebene Geld einstweilen zu behalten und Franziska in der Tat, wenn auch nur scheinbar, zu entführen ...
Übereinstimmung ist der Köder, sagte er sich, mit dem man die Füchse hervorlockt aus ihren Gruben, wenn man sie fangen will! Diese Welt ist nicht für die Ehrlichkeit. Jedes geheimnis hat seinen eigenen Schlüssel. Die Weisheit soll die Klugheit zu ihrer Dienerin haben. Jene tront, diese regiert. Nur Die sind übel daran, die in ewiger Klugheit immer die Sprache der Menschen reden müssen und darüber die Sprache des himmels vergessen. Das Flammenschwert der Wahrheit, das auf einmal alle Truggespinnste durchschneidet, darf man nie aus der Hand geben. Aber man soll es auch nicht ewig schwingen, man soll es auch nicht brauchen gegen Jeden. Mit diesem Elenden willst du gehen, bis du ihn entlarvt hast!
Der Jesuit aber verliess bald darauf freudestrahlend die Gräfin, um den Propst Gelbsattel zu besuchen. Sylvester Rafflard war in einer ewigen Bewegung, wie damals, als er auf dem Fortunaball Fränzchen Heunisch umschwirrte, die ihm gefiel und für seine Huldigungen unbefangen genug schien. Sein ganzes