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Schiffe nach Amerika nimmt! Genug, ein solcher Glaube, begründet auf ein Unternehmen, das in dieser Weise nicht einmal braucht ausgeführt zu werden, nur vier Wochen unterhalten, dies Gerücht nur etwa vier Wochen geschürt, würde die einzige Art sein, die edle Familie von dem lästigen Störer gerade beim Abschluss einer wichtigen Verhandlung fernzuhalten. Ein solcher Dienst, mit einer gefüllten Börse belohntwas sagt Ihr dazu, Murray?

In Murray kochte der Zorn. Alle zurückgehaltene Glut drang ihm in die Brust. Er war nahe daran, aufzuspringen, den Heuchler an der Brust zu packen und ihn zu schütteln mit den Worten: Elender, wofür hältst du mich? ... In seiner ihm fast die Rede erstikkenden Aufregung konnte er nichts hervorbringen, als die Frage:

Wer ist das Mädchen?

Eine unbedeutende, arme Nähterin, sagte Rafflard. Ein Mädchen, ohne allen Anhalt, ohne alle Verwandte. Ich kann Euch den Namen sagen und muss es, da Ihr Euch nach ihren Verhältnissen doch erkundigen werdet. Sie heisst Franziska Heunisch.

Franziska Heunisch?

Kennt Ihr sie?

Nein! Nein!

Aber Murray musste sich bei diesen Worten bekämpfen. Gerade dies Mädchen war ihm für gewisse geheime Pläne, die er verfolgte, schon längst von Wichtigkeit geworden. Ihr galt die Berechnung eines, wie er schon durchschaute, abscheulichen Planes. Er sollte sie mit Gewalt überfallen, entführen! Und nun galt es die letzte Kraft seiner Verstellung zusammenzuraffen und mit dem Scheine der grössten Ruhe und dienstfertigsten Ergebenheit zu sagen:

Herr! Das ist ein Stück Arbeit! Ich will's wagen; aberwie greif' ich's an?

Das, Murray, müsste eben Eure sorge sein!

Hm! Hm! simulirte Murray und schlug sich an die Stirn. Meine Fäuste, Herr, sind nicht mehr die stärksten. Wenn es gelten sollte, Einen zu knebeln und mit verbundenem mund Abends an den Toren in einen Wagen zu schleppen ...

Ihr müsstet Unterstützung haben.

Das wäre nicht gut, Herr.

Bedenkt, ein schwaches Mädchen!

Ein schwaches Mädchen! Franziska Heunisch ... Wo wohnt sie?

In der Wallstrasse Nr. 14 im Hinterhofe.

Darf ich mir's aufschreiben?

Ich rate Euch Das. Merkt Euch jeden Umstand. Sie wohnt bei einem Tischler, hat Verwandte im kleinen Fürstentum Hohenberg, einen Förster des Prinzen von Hohenberg ... sie näht, bald hier, bald dort, bald zu haus, bald auswärts ... verschwände sie plötzlich, so liesse sich, wenn Ihr Euch auch verborgen hieltet, Murray, die Vermutung, dass sie nach Hamburg, von da nach England entführt wäre, wohl jenem Menschen mitteilen, der sie augenblicklich verfolgen würde. Man kennt Euren Geschmack, Alter. Auf dem Fortunaball habt Ihr Euch verraten! Der Kummer, den Ihr empfinden würdet, die Unannehmlichkeit, diese schöne Stadt zu meiden, würde sich leicht verschmerzen lassen und eine grosse Schuld ladet Ihr nicht auf Euch. In drei Tagen könnt Ihr das Mädchen wieder freigeben, wenn sie nur bewacht, an der Rückkehr, am Schreiben verhindert wird.

Murray hatte das Portefeuille auf seinen Knien und schrieb mit einer Hand, die vor Erregung zitterte.

Als er mit seinen Notizen scheinbar fertig war, fragte Rafflard:

Also Ihr übernehmt es, Murray?

Ich brauche drei Tage, sagte dieser, um mir doch zu überlegen, wie so einem Fange beizukommen ist. Mädchen sind Forellen.

Rafflard fand dies Bild charmant und so gut gewählt, dass er von der grösseren Bildung, die sich bei dem ihm Anfangs stumpfsinnig erschienenen Murray zu erkennen gab, jetzt nur noch mehr befriedigt wurde. Es lag ihm daran, lieber einen Helfershelfer von Verstand zu finden.

Das ist mir recht, sagte Rafflard, ich brauche ebensoviel Zeit, um die Vorkehrungen zu treffen, dass der Verfolger erst nach Hamburg und von da nach England dirigirt wird.

Teufel, Herr! Wie stellt Ihr das Alles an?

Durch Freunde, die sich gern geneigt zeigen, eine edle Unternehmung zu unterstützen, sagte Rafflard.

Und wo find' ich Sie wieder, Herr? fragte Murray fast kopfschüttelnd.

Am liebsten sprech' ich Euch hier!

Hier? Fürchtet Ihr für die silbernen Leuchter da nichts, Herr?

Ich denke, Ihr behandelt uns als Gentleman! Besonders wenn wir uns einstweilen gleichfalls als solchen zeigen ...

Damit überreichte Rafflard Murray ein schon vorbereitetes Papier, in welchem Goldstücke in reicher Anzahl hin- und herrutschten.

Murray nahm sie ohne Bedenken mit künstlicher Gier und versprach schon morgen um diese Zeit, an dieser Stelle Bericht zu erstatten.

Rafflard schlug ihm auf die Schulter und begleitete ihn durch den Salon, wartete aber wohlweislich, bis Murray die Türklinke ergriffen hatte und hinaus war. Dann harrte er noch einige Sekunden, um zu lauschen, ob der halbe Bandit auch wirklich ging und die Drohung mit den silbernen Leuchtern nicht wahr machte. Dann aber wandte er sich, um zur Gräfin zu gehen; denn der Bediente begegnete ihm und sagte, er hätte eben Herrn Heinrichson angemeldet. Heinrichson musste also im Vorzimmer sein. Unangenehm berührt von diesem Namen, aber unendlich befriedigt von dem glücklichen Erfolg des Kaufes, den er an dem Entführer eines jungen Mädchens gemacht zu haben glaubte, trat Rafflard wieder zur Gräfin ein ...

Murray aber, noch verwirrt von dem Erlebten, stand eine Weile in dem Vorzimmer. Sollte er doch die Maske fallen lassen und mit hohnlachendem Ingrimm