war.
Es ist unverantwortlich, sagte Rafflard und nahm eine Prise, was er selten tat und hier als Beweis seines behaglichen Vertrauens einschaltete, es ist unverantwortlich, dass man die unglücklichen Opfer schlechter Erziehung, die unsre Gefängnisse bevölkern müssen, weil sie der allgemeinen Sicherheit und Ordnung schädlich sind, nach ihrer Entlassung niemals frägt: Was beginnst du nun? Was tust du nun, um dich mit der Gesellschaft, die dich fürchtet, auszusöhnen? Man stellt die entlassenen Sträflinge unter polizeiliche Aufsicht und lauert nur gleichsam auf den Augenblick, sich so rasch wie möglich wieder ihrer bemächtigen zu können.
Mit einem aufwallenden Gefühl der Übereinstimmung und der innerlichsten Überzeugung sagte Murray:
O Das ist wahr!
Rafflard erschrak fast vor dem eigentümlichen edlen Ausdruck, mit dem Murray diese Worte, aus tiefster Seele, sprach. Murray bemerkte Dies und überhörte fast die Frage, die nun Rafflard an ihn richtete:
Man hat Euch, Murray, unter Aufsicht gestellt?
Rafflard musste diese Frage wiederholen.
Murray zog die Achseln, machte eine komisch verlegene Miene und deutete mit den Händen gleichsam an: Was weiss ich? Das sagt man Einem nicht!
Ich weiss es, Murray, sagte Rafflard, der nun fast gewiss war, einen geheimen, sehr schlauen Verbrecher vor sich zu haben; ich erfuhr es beim Oberkommissär Pax. Ein gewisser Hackert, der bei ihm arbeitet, sagte mir's, als ich nach Euch fragte, dass man Euch für gefährlich hält.
Murray zuckte wieder die Achseln mit gleicher Miene, gleicher Zweideutigkeit ...
Es nahte sich jetzt der schwierige Augenblick, wo Rafflard in der notwendigkeit war, durch eine geschickte Wendung den Übergang zu gewinnen, um über Das, was er mit Murray vorhatte, die Maske zu lüften.
Ihr werdet wohl schon gemerkt haben, Meister Murray, sagte er, dass mich reine Menschenliebe, nicht Frömmelei oder sonst ein pedantischer Beweggrund in die Gefängnisse führt. Ich suche dort Menschen, die mir nicht einfällt, in Engel verwandeln zu wollen. Ich kenne unsre natur. Ich weiss, wieviel dazu gehört, um ein praktischer Mensch zu sein, reell, zuverlässig, gehorsam, verschwiegen. Die Tugenden, die den Engel ausmachen, mag vollends einst der Himmel in uns bilden. Für diese Erde ist schon viel gewonnen, wenn wir z.B. in den gebesserten Verbrechern tätige Menschen wiederbekommen, unschädliche, nützliche Glieder der Gesellschaft, wie sie einmal ist. Seid Ihr nicht meiner Meinung, Murray?
Murray lachte und meinte:
Herr, wenn Einer herauskommt und gleich etwas zu arbeiten, zu verdienen findet, nimmt er sich wohl in Acht, dass sie ihn sobald wieder bekommen.
Diese Ausdrucksweise ermutigte Rafflard.
Das ist's, was ich meine, sagte er. Etwas verdienen! Arbeit! Arbeit! Irgend eine Beschäftigung finden, die ihren Mann nährt! Und da will ich Euch etwas sagen, Murray! Glaubt Ihr, dass ich Euch zum Bussepredigen hergerufen habe?
Die Kirchen sind ja Sonntags offen, antwortete Murray trocken.
Sehr wahr! Und nun, Murray, wenn Ihr mir vertrauen wollt, will ich Euch gelegenheit geben, etwas zu verdienen.
Danke, Herr! Danke!
Ich bin, begann Rafflard mit schlauer Miene, forschend nach dem Eindruck, den er auf sein Gegenüber hervorbringen würde, ich bin in ein sehr schwieriges, sehr wichtiges Familienverhältniss verwickelt. Eine glückliche Lösung desselben wird durch einen abscheulichen, schlimmen Menschen verhindert, der auf jede nur erdenkliche Weise diese Lösung zu unterbrechen sucht. Diesen Menschen aus der Nähe der edlen Wesen, die er nur quält, nur belästigt, zu entfernen, ist mir eine heilige Pflicht. Mit Gewalt ist nichts auszurichten. aufsehen darf es keins geben und so bin ich von der notwendigkeit durchdrungen, die Entfernung dieses schlimmen Menschen auf eine stille, besonnene und doch zum Ziele führende Art zu bewerkstelligen.
Murray mit unverstellter Spannung horchte hoch auf.
Dieser Mensch, fuhr Rafflard fort –
Wie heisst er, Herr? sagte Murray rasch mit dem Ausdruck der bereitwilligsten Ergebenheit.
Der Name tut vorläufig nichts zur Sache –
Vielleicht kennt ihn Unsereins –
Nein, nein, er ist sehr gefährlich, aber es ist nicht notwendig, da auf ihn nicht gewirkt werden kann, dass sein Name genannt wird. Dieser gefährliche Mensch, sag' ich, hat ein Mädchen, das er liebt ... nicht eigentlich eine Braut oder Verlobte ... wohl aber ein Wesen, für dessen Wohl und Wehe er sich in einem Grade interessirt, den man seinem bösen Charakter kaum zutrauen möchte. Ich bin der festen Überzeugung, wenn man bewirken könnte ...
Rafflard stockte.
Nun, Herr? ermunterte ihn Murray mit scheinbarer Ungeduld.
Ich bin der Überzeugung, dass dieser Störenfried die angedeuteten edlen Menschen nicht ferner beunruhigen, bis aufs Blut quälen wird, wenn man jenes Mädchen, an dem er leidenschaftlich hängt, plötzlich von hier in aller Stille entfernen könnte ... Versteht Ihr, Murray –
Wohl! Wohl!
Ich bin überzeugt, dass jener schlimme Gesell, auf den nichts wirkt, den keine Drohung von hier fortzubringen im stand ist, augenblicklich bis an's Ende der Welt reisen würde, wenn es plötzlich hiesse: Jenes Mädchen ist nach Hamburg verschwunden oder man hat seine Spur am Rhein verloren oder man glaubt, dass sie ein gewisser Murray oder ein gewisser Sylvester, wählt jeden beliebigen Namen, nach London entführte! Man glaubt, dass sie dieser Wagehals mit sich zu