wenn nur ihre Zeitungen trocken blieben!
Einmal schon war er im Begriff gewesen, sich nun selbst bei Fränzchen Heunisch einzuführen. Er suchte ihre wohnung auf. Da fiel ihm sein abschreckendes Äussere, seine zweideutige Lage ein. Er fürchtete, das junge Mädchen zu entsetzen und noch mehr sich durch eine zur Schau gestellte Neugier in seinem Zusammenhange mit Dingen zu verraten, die er tief verschleiern zu wollen schien. Schon stand er an dem haus, Wallstrasse Nr. 14, schon wollte er die Hausflur betreten, als an ihm ein Mann vorüberhuschte, den er sich entsann schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Er konnte sich auf diese langgeschenkelte Kreuzspinne nicht besinnen. Es war allerdings jener philantropische Besucher des Gefängnisses, in dem er acht Tage lang hatte ausharren müssen, und doch war er es wieder nicht. Er erkundigte sich bei einer Magd, die eben aus dem haus trat und ihm sagte, dieser Herr wäre ein italienischer Sprachlehrer, Namens Barberini, wenig zu haus und auch im Begriff, binnen einigen Tagen auszuziehen. Um so gespannter war Murray, als er zu haus ein Billet fand, worin ihm Sylvester Rafflard – so hiess jener Philantrop, der ihn schon einmal hatte besuchen wollen – schrieb, er nähme an ihm so viel Interesse, dass er ihn auffordere, ihn morgen, am achten October, in der wohnung der Gräfin d'Azimont, im Hotel garni, am grossen Markte, gegen zwölf Uhr zu besuchen. Aus Neugier, oder richtiger gesagt, aus einem gewissen Fatalismus, der ihn bestimmte, keinem vom Schicksal ihm zugeworfenen Winke aus dem Wege zu gehen, entschloss sich Murray wirklich, das ihm bezeichnete Hotel garni aufzusuchen.
In seiner ruhigen bedächtigen Weise, unter dem Schutze der schwarzen Binde, die ihm erlaubte, von unten herauf scharf zu spähen, folgte er dem Bedienten, der ihn durch den grossen Salon rechts in ein geschmackvoll möblirtes gelbes Zimmer führte. Ein gewisses Vorgefühl, eine scharfe Menschenkenntniss sagte ihm, dass auf dem Antlitze jenes Philantropen Etwas gelegen hatte, was ihm eine grosse Behutsamkeit zur Bedingung machen musste. Jedenfalls, sagte er sich, hält dich dieser Menschenfreund für einen Verbrecher. Deine Lage, das Mistrauen der Polizei, dein Äusseres führte ihn darauf. Will er dich beten lehren, bessern, will er deiner Zukunft den guten Weg der Tugend bahnen? Ich bin begierig!
Wie erstaunte Murray nun, als Sylvester Rafflard eintrat und in der Tat völlig dem Professor Barberini glich, der so windschnell an ihm vorübergeschlüpft war. Weit entfernt, diese Vermutung, dass beide Personen eine und dieselbe wären, laut auszusprechen, nahm er jetzt nur umsomehr die Miene der grössten Harmlosigkeit an und beschloss sogar, einen gewissen Kretinismus zu zeigen, dem gegenüber die Menschen, die sich etwas dünken oder die etwas mit uns vorhaben, immer am offensten ihr wahres Gesicht zeigen.
Er verbeugte sich höflich und schüchtern und tat fast, als wüsste er nicht, in welcher Hand er seinen Hut halten sollte.
Rafflard, durch diese Zaghaftigkeit sogleich ermuntert, bedeutete ihn Platz zu nehmen.
Murray sah sich ängstlich nach einem stuhl um und zögerte.
Ei, so setzt Euch doch! sagte Rafflard mit ziemlich geläufigem Deutsch und rückte ihm mit dem langgestreckten fuss einen Sessel hin, während er selbst ihm gegenüber Platz nahm.
Murray nahm den Sessel, putzte ihn sorgfältig ab, zog sein karrirtes Taschentuch, schwenkte es aus und breitete es auf das gelbseidene Polster, das er sich Mühe gab ja nicht verunzieren zu wollen.
Ihr kennt mich? fragte Rafflard.
O Herr, sagte Murray ... von da!
Er machte eine Miene, als wenn seine arme übereinandergeschlossen wären und deutete das gefängnis an.
Ihr kennt mich also. Ihr habt mich seitdem nicht wieder gesehen?
Murray schüttelte getrost den Kopf.
Ich war schon einmal bei Euch, Murray ...
Danke, Herr. War nicht zu haus. Ich weiss es.
Ihr wohnt in einem elenden Käfig. Ich habe Euch eine halbe Stunde suchen müssen.
Danke, Herr!
Ich wollt' Euch Glück wünschen, dass Ihr so rasch losgekommen seid ...
Danke, Herr!
Das weiss man schon, ein Engländer seit Ihr nicht ...
Nein, Herr! Haha!
Ihr seid ein ehrlicher Deutscher und reis't zu Eurem Vergnügen als Gentleman?
Murray lachte fast stumpfsinnig.
Habt Euch gewiss von Euren Geschäften zurückgezogen und wollt Eure Tage in Ruhe beschliessen?
Murray lachte mit gleichem Ausdruck.
Wie kann man, wenn man Incognito leben will, auf Bälle gehen und am Putze seines Frauenzimmers verraten, dass man viel Gold zu versilbern hat?
Murray tat verschämt, als wollte er sagen: Was macht nicht aus dem Menschen die Liebe!
Rafflard hatte so rasch gesprochen, dass er in's Husten geriet und sich erst ruhen musste.
Recht schlimmer Husten Das! sagte Murray fast mitleidig.
Katarrhalisch! Die Sumpfluft meines Berufes, die mephitischen Ausdünstungen unsrer lieblosen altmodischen Burgverliesse ...
Murray hustete, als läg' es auch ihm auf der Brust.
Auch davon schon viel eingeatmet? fragte Rafflard schlau lauernd.
Murray, sich unschuldig stellend, stöhnte:
Das englische Klima!
O das ist gut für das Astma – feuchte Luft ist gut! Freilich solche Kerker wie hier! Unterirdisch, unter dem Niveau einer Kloake, die man einen Fluss nennt –
Murray horchte hoch auf. Wenn sein bedecktes Auge ihn nicht geschützt hätte, würde Rafflard gesehen haben, dass er plötzlich erschrocken