, den wir von der Erzählung der Harder'schen Diener kennen, überzeugt hatte, dass der traurige Zustand der Tochter seines Wohltäters, des Gefangenwärters in Bielau, nur durch eine geregelte psychische Behandlung in einem Krankenhause geheilt werden konnte, machte er sich die bittersten Vorwürfe, dass er den Seelenzustand des verzweifelten jungen Mädchens zu heftig geweckt, die Ohnmacht ihres Gewissens zu gewaltig aufgerüttelt hatte ... Auch die Reue bedarf der milden Übergänge. Kein menschliches Herz ist wie ein eisengegossenes Gefäss, dass es bald eiskaltes, bald siedendheisses wasser in rascher Abwechslung ertragen kann. Es wird immer springen, wenn man es nicht allmälig erkalten, allmälig erwarmen lässt ... Die Kraft des Gebetes hatte Murray schon oft in wunderbarer Macht kennen gelernt. Wie glücklich fühlte er sich, als er hoffen konnte, Auguste in einer fernen Gegend mit einem guten mann zu einem neuen Leben aufblühen zu sehen! Und wie schmetterte ihn da gleich der Auftritt mit Mangold nieder, zu dem er doch nur schweigen konnte! Er hoffte, der Starrkrampf, der sich damals auf Augusten's Brust gelegt hatte, würde vorübergehen und ihm Raum geben, sie auch über diese vernichtende Erfahrung zu einer stillen Ergebung zu führen. Umsonst! Das Gefäss ihres Geistes war zersprengt. Es lag in Trümmern. Der Wahnsinn hatte alle seine Hoffnungen vernichtet.
Auguste kannte Murray nicht mehr als den Freund ihrer Seele wieder; sie behielt nur die Vorstellung seines Alters, seiner scheinbaren Schwäche, seiner Freigebigkeit. Sie putzte sich unter den Irren mit jedem Lappen, den sie erhaschen konnte. Stolz, Gefallsucht, Tanzlust, Liebe waren die bösen Geister, die auf dem gesprengten Boden ihres Geistes nun doch das Feld behaupteten. Kein Wort des Zuspruches mehr konnte sie auf andere Gedanken, als die der alten Richtung führen. Murray musste es aufgeben, in dies Dunkel noch irgend einen Lichtstrahl werfen zu wollen. Er dachte zwar an manches Heilmittel. Er war bei dem Maler Reichmeier, um den Versuch einer Sitzung der Kranken zu machen, da Auguste immer von ihrem Bilde phantasirte. Er traf dort einen jungen Gentleman, dessen Name, als er sich entfernt hatte, ihm Heinrichson genannt wurde; Reichmeier selbst versprach auch, sich den Vorschlag zu überlegen. Seiter geschah aber nichts Weiteres in diesem Versuch, Auguste Ludmer zur Besinnung zu bringen. Murray empfahl sie der Pflege der Ärzte, bezahlte ihren Unterhalt und kehrte zu der eigentümlichen, sich widersprechenden Lebensweise zurück, die in ihrem innersten Kerne irgend einen bedeutenden Gedanken, eine gefahrvolle und ihm doch unendlich notwendige Unternehmung zu bergen schien.
Als er an jenem Donnerstage nach haus gekommen war, schlief schon die Eisold'sche Familie. Am Freitage lehnte er den Ring entschieden ab, den ihm Louise wiedergeben wollte. Am Samstag, als sie wiederkam, wurde er, von innerster Teilnahme um Augusten bewegt, fast zornig über die erneuerte Rückgabe. Am Sonntag, als er schon ganz früh ausgegangen war, um zu sehen, wie Auguste in ihrer neuen Lage die erste Nacht zugebracht hatte, war er weicher gestimmt und bat Louisen seine heftigen Worte ab, die auf nichts Anderes hinaus gingen, als dass er ihr zugerufen hatte: Halten Sie mich denn für einen Betrüger? Ich bin ja reich! Ich habe nur meine Ursachen für arm zu gelten! Er setzte sich zu seiner Nachbarin und fragte sie, warum sie traurig wäre? Sie zeigte auf den Regen, der in Strömen an die Fenster schlug und erzählte ihm die getäuschte Hoffnung auf eine ländliche Erholung. Daraus war manches Wort, hinüber und herüber, entstanden. Man hatte Erfahrungen und Ansichten ausgetauscht. Als Louise unter den Teilnehmerinnen der vereitelten Partie auch Franziska Heunisch nannte, war ihm dieser Name aufgefallen und Louise hatte nichts Arges darin gefunden, dass er sich genauer nach den Verhältnissen dieses Mädchens erkundigte. Sie hing mit Heunisch dem Förster, mit dem Jägerhause im wald von Hohenberg, mit Ursula Marzahn zusammen, und schon einige male hatte er Louisen gefragt, ob sie niemals von diesem gewiss artigen kind einen Besuch empfinge. Louise sagte ihm darauf: Wir Menschen, die wir arm sind und arbeiten müssen, können mit unseren Freunden wenig Anderes tun, als sie recht von Herzen lieb haben und nur nicht vergessen. Die Zeit und gelegenheit, eine Freundschaft zu hegen und zu pflegen, findet sich selten. Da muss man wissen, Der oder Die denkt an dich, wenn sie arbeiten und plötzlich sieht man sich dann einmal und gibt sich die Hand, gleich als hätte man sich gestern gesehen, oder man umarmt und küsst sich so herzhaft, dass es gleich für ein halbes Jahr wieder genug ist. Und so fleissig las das seltsame Mädchen in dem seit einiger Zeit sich ganz besonders prächtig entfaltenden Journale: "Das Jahrhundert," das von ihrem Linchen und ihrem Wilhelm colportirt wurde, dass sie von ihrem Lieblingsschriftsteller Guido Stromer sogleich folgende Stelle zu citiren wusste:
O wer kennt die geheimen Wege der wunderbaren natur, die den kleinen See auf dem Sankt Gottard doch mit dem grossen Weltmeere verbinden! Wer ahnt den Zusammenhang der Geister, die sich niemals sahen und niemals kannten und die doch an dem gemeinsamen Ziele der Menschenerlösung mitarbeiten!
Murray musste lächeln über die Anwendung dieser Worte auf Louise Eisold und ihre kleinen Verhältnisse. Er erfuhr, wie die Literatur, die Zeit und ihre gährende Richtung in diese bescheidene wohnung drang und hatte zunächst das innigste Mitleid mit den Kindern, die im strömenden Regen sich gern bis auf die Haut durchnässen liessen,