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denn sonst dieses rastlose und die Menschenwürde beschämende Drängen nach Auszeichnung? Eine Unzahl von Ehrenzeichen und Titeln wird in massen verschleudert, die allgemeine Militairpflicht untergräbt das kräftige Selbstgefühl der Heimat und ordnet Jeden einer abstracten Ehre, der Soldatenehre, unter. Wo Sie im Bereich dieser Monarchie hinkommen, überall bilden sich die Menschen ein, in unmittelbarer Beziehung zum Fürsten zu stehen. Jeder glaubt sich von ihm persönlich gekannt; Jeder drängt sich vor, um irgendwie zur Notiz der hohen Behörde genommen zu werden. Wie eilt nicht Alles zu Unterschriften, zu namentlicher Nennung bei jeder gelegenheit! Streiten Sie mit diesen Menschen, so hat Jeder eine Meinung für sich, Jeder weiss es besser als der Andere, und wenn man sich unterordnet, so ist es nur einem hochgestellten und betitelten mann. Einer Berühmteit die Schleppe zu tragen, die Kundschaft einer Excellenz zu geniessen, von einer erlauchten person angeredet zu werden, Das ist dort wie in Russland der Bindekitt des öffentlichen Geistes und die Bedingung seiner Formen. Wenn Montesquieu die Ehre als das Wesen der Monarchie bezeichnete und er es aufrichtig meinte und nicht etwa damit seinem Souverain ein leeres Compliment machen wollte, so kommt dieses Merkmal, das nur aus Mangel eines tiefern Begriffes erfunden zu sein scheint, in jenem staat zu seiner kleinlichsten, aber auch gefährlichsten Anwendung.

Der Fremde schwieg eine Weile. Dann nahm er, als er Hackert wirklich schlafend fand, das Wort und sagte:

Auch ich hasse die gedankenlose Hingabe an den flüchtigen Glanz des Bestehenden, nur um an diesem Glanze teilzuhaben; besonders ist mir, trotz meiner conservativen Gesinnung die Coquetterie mit dem Heere unerfreulich. Es ist Dies ein Stolz, der denn doch auf nur höchst unglückliche, den grossen Menschheitszwecken widerstrebende Anomalieen sich begründet! Nie wird ein Staat eine Zukunft haben, der sich nur auf die Institutionen der Gewalt stützt und darauf hinarbeitet, im volk das Staatsleben nur wie einen Formel- und Götzendienst zu begründen. Auch das Beamtenwesen ist eine solche morsche Stütze des dauernden Bestandes. Eine einzige verlorene Schlacht stürzt alle diese blankgeputzten und zierlichen Götzen und was nicht unendlich Wichtigeres mit ihnen! Aber dennoch sind Sie ungerecht, wenn Sie glauben, dass die Dynastie von dieser Hingebung allein zehren will. Ich hoffe doch, sie strebt nach der Befestigung durch jene tiefer wirkenden Hebel der Industrie, des Handels, der Ackerbauerleichterungen. Freilich auf gewöhnlichem Beamtenwege wird hier nichts bewirkt. Solange nicht die Arbeit selbst an den Tron für sich redend tritt und die Bureaukratie aufhört, der Dolmetscher der Interessen der Arbeit zu sein, kann es nicht besser werden. Es fehlen uns Staatsmänner, die ihre Schule im volk gemacht haben.

Dankmar fühlte sich durch die Ideen seines Reisegefährten oft so angezogen, dass er sie für die seinen erkannte, oft aber auch wieder ganz von ihnen abgestossen. Er schwieg eine Weile und überlegte das Gesagte. Als ihn darauf der Fremde ersuchte, anzugeben, wie er sich's denn möglich dächte, jenen Geist der eitlen ehrsüchtigen Selbsterniedrigung in der Monarchie zu dämpfen, antwortete er:

Dadurch, dass man diesen falschen und unwürdigen Royalismus auf seine wahren Quellen zurückführt, die Quellen der Eitelkeit und der speculirenden Selbsterhaltung. Denn leider auch deshalb wird jetzt ein so übertriebenes Spiel mit monarchischen Formen getrieben, weil man einen Damm sucht gegen die drohenden Fluten der allgemeinen Zerstörung, gleichviel aus welchem Material gebaut. Ehrlich sind unter den Reubündlern nur Die, welche sich einbilden, vom Glanz der Monarchie falle etwas auf sie selbst, und unehrlich alle Die, welche zum Royalismus aus Angst für ihr Eigentum flüchten oder die sich, wie dieser Schlurck, vor dem Auffallenden fürchten und der Mode folgen, weil sie Mode ist. Es muss Etwas erfunden werden, mein' ich, was das Individuum vernichtet, ohne die person zu zerstören.

Das ist ein tiefes, aber dunkles Wort! unterbrach ihn der Fremde. Das Individuum vernichten, ohne die person zu zerstören?

Wir müssen, erläuterte Dankmar, eine andere Gleichheit predigen als z.B. die der Volksversammlungen. Gleichheit mit dem Pöbel ist die sehnsucht der Denkenden nimmermehr. Gleichheit der Ansprüche auf die grosse Ehre, die in einem Allgemeinen, uns Alle Bindenden liegt, Ehre, zurückstrahlend auf Alle von einem Begriff aus, der Ehre verdient, da ist Etwas zu suchen, zu erfinden, was uns rettet vor dem Rückfall in die Barbarei, dass wir aus Furcht vor Revolutionen der Anbetung des Bestehenden verfallen.

Als Schlurck's Name genannt wurde, erwachte Hackert. Die beiden Andern schwiegen, und die notwendigkeit, dem Pferde einige Ruhe zu gönnen, trennte vor einem am Wege gelegenen wirtshaus auf einige Zeit die drei gefährten. Als der Fremde, um nach einem Mittagsimbiss zu fragen, ins Haus getreten war, winkte Hackert Dankmarn und zeigte ihm ein Taschentuch, das Jener hatte liegen lassen. Mit geheimnissvoller Miene bedeutete er ihn näher zu treten und hielt ihm verstohlen den Zipfel des Tuches hin. Es war sehr fein eine Krone mit dem Zeichen 100 und dem Buchstaben E darin gestickt.

Das heisst, sagte Hackert, der Mensch, von dem er dieses Taschentuch gestohlen, hatte deren hundert, war mindestens kein Tischler und fängt in seinem Vornamen mit einem E an.

Oder es gehört ihm wohl selbst, sagte Dankmar.

Das ist auch möglich, antwortete Hackert trocken und rief einen Knecht, für das Pferd zu sorgen. Dann knöpfte er sich den Rock zu, streifte Beinkleider und Rockärmel glatt und benahm sich affectirt genug wie ein Gentleman.

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