da oben angekommen ist.
Siegbert antwortete nicht; auch der Fremde schwieg eine Weile, ordnete sein Hemd, zog an seinen Pantalons, an denen er die gelösten Sprungriemen wieder befestigte, zog eine Taschenbürste und strich sich sein rötliches Haar. Als diese Toilette, die er immer noch im Liegen machte, vorüber war, warf er, auf Siegbert's Arbeit deutend, leicht hin:
Sie zeichnen die Kirche? Ist denn die Kirche da hübsch?
Das müssen Sie doch selbst beurteilen können, erwiderte Siegbert, ein wenig empfindlich über diese Bemerkung, die fast spöttisch klang.
Wie soll ich Das wissen! antwortete der Fremde. Hübsch? Der Münster in Strasburg soll hübsch sein. Er ist gross, und der Dom in Köln soll noch grösser werden. Auch unser Dom ist schön – Hm, hm – Die Kirche da! Ei ja! Die Linden machen sich ganz artig und bei Mondenschein lässt sich's vielleicht noch schöner an! Dann präsentirt man so was einer schönen Demoiselle, die legt's in ihr Album und schreibt darunter: Liebe mich, ich liebe dich – junger Maler – blondes Haar – Calabreser – gestern kennen gelernt, heute geliebt – morgen vergessen. kennen Sie solche Albums?
Diese wieder mit grosser Bitterkeit gesprochenen fast fein satirischen Worte aus dem mund eines sich doch so roh geberdenden Menschen überraschten Siegbert. Waren ihm schon seine frühern Äusserungen befremdlich gewesen, so widersprach doch diese letzte so sehr der Vorstellung, die man von dem Bildungsgrade eines wie ein Vagabond sich ankündigenden Menschen haben konnte, dass er voll Erstaunen fragte:
Haben Sie sich in der grossen Welt bewegt?
Wie so? lachte der Fremde höhnisch und stand jetzt auf.
Indem er seine Kleider abputzte, die Weste zuknöpfte, den zerknitterten Hut bürstete, erschien er, wenn auch kleiner, doch stattlicher als vorhin und zeigte sich als ein junger blasser Mann mit hellblauen scharf durchdringenden Augen, zartem Teint und fast weiblichen Gesichtsformen. Er war nicht so gross, als er im Korn liegend erschien. Alles an ihm war schmächtig, zart, unausgebildet. Er schien im Anfang der zwanziger Jahre zu sein, während um den Mund, um die bitter sich zuweilen aufwerfenden Lippen viel ältere Erfahrungen zuckten. Das ganze erscheinen war verstört, überwacht, wie an einem Menschen, der den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage macht.
Sie denken wohl Wunder, was Einer sein muss, sagte er die Augen fast verletzt zusammenkneifend, um von Albums zu sprechen? Dazu braucht man nur ein Buchbinder oder ein Bedienter zu sein. Ein Lakai, der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, könnte bessere Geschichten erzählen, als die er seinem fräulein aus der Bibliotek zum Lesen holen muss. übrigens bin ich weder ein Buchbinder noch ein Lakai. Adieu!
Siegbert erschrak. Er war gutmütig genug, dem Fremden, der wirklich ging, nachzurufen:
Wer hat Sie denn für etwas so Geringes gehalten! Bleiben Sie doch, Sie empfindlicher Mann!
Seine Worte verhallten aber. Der Fremde war schon den Hügel hinaufgestiegen, weniger, wie es schien, um sich ganz zu entfernen, als um dort oben sein zweckloses Schlendern fortzusetzen.
Siegbert machte sich nun Vorwürfe, ihn verletzt zu haben. Er gehörte zu den rücksichtsvollen Naturen, die Jeden gern in seiner Art gewähren lassen. Dazu kamen seine Begriffe über die sittliche Hebung der niedern Stände, die Ideale, die auch er, wie jetzt soviel edle und träumerische Menschen, sich über die mögliche Änderung der bisherigen Zusammensetzung unserer Gesellschaft gebildet hatte.
Betriffst du dich nicht immer, klagte er sich in Gedanken selber an, auf dem Widerspruch, dass du wohl die Menschheit im Ganzen und Grossen liebst und den Menschen selbst geringschätzest! Du fühlst mit dem Unterdrückten, hassest diese ungerechte Verteilung der Erdengüter, bewunderst die wohlmeinenden Geister, die das Geld abschaffen wollen, um von dem Ersatz dafür Jedem soviel zu geben, als er für sein Dasein braucht, und jedes mal, wenn du wirklich mit dem volk in Berührung kommst, wird es dir so schwer, über schlechte Kleider, entstellte Mienen, rohe und menschenscheue Manieren hinwegzukommen!
Siegbert war über sich selbst so misgestimmt, dass er aufstand und seine Arbeit für beendigt erklären wollte.
In diesem Augenblick sah er von der Seite des Schlosses her auf den Pavillon zuschreiten eine schwarz gekleidete nicht junge Dame, die einen uralten gebückten Greis am arme führte. Ein gleichfalls alter Diener folgte in bescheidener Entfernung. Unstreitig war dies der Präsident des Obertribunals, der wohl jetzt erst unter dem Dach des Pavillons sein Mittagsmahl nehmen wollte. Die sanftblickende Dame ging schweigend, in liebevoll herabgebeugter Haltung, neben dem Greise, der noch in würdiger schwarzer Amtstracht, an den heissen Sonnenstrahlen seine Freude zu haben schien. Langsam die Stufen zum Pavillon hinanschreitend, nahm er Platz vor einem der gedeckten Couverts, die sorgende Begleiterin an dem zweiten Couvert. Der kleine sauber gedeckte Tisch war nur für zwei Personen, höchstens noch einen Gast berechnet. Ein solcher sass auch schon am Tisch, kein Mensch, sondern ein grosser Rabe, der mit seinem Schnabel die Ordnung des Tisches nachzumustern schien und mit klugem Ernst sich umschaute, ehe er von einigen Körnern pickte, die auf dem Tische für ihn ausgeschüttet lagen. Ehe der alte Herr nicht den Löffel zur inzwischen von einem zweiten Bedienten aufgetragenen Suppe ergriffen hatte, rührte der verständige und höfliche Vogel selbst nichts an, wofür ihn die Dame mit freundlichen Worten, deren sanfter Ton bis zu Siegbert herüberdrang