hatte, zu sprengen, deutlich genug hervorschimmerte.
Dankmar Wildungen zu entfernen, fuhr Rafflard ruhig und in seiner Überlegenheit sich wiegend fort, ist schwieriger. Sein grosser Process liegt Niemanden schwerer auf dem Herzen als meinem Freunde Gelbsattel. In erster Instanz wird die Zulässigkeit dieses Processes schon heute oder morgen entschieden sein. Wie die Entscheidung auch ausfallen möge, man weiss schon jetzt mit Bestimmteit, dass die Familientraditionen des kühnen Waghalses werden angezweifelt werden. Vierundzwanzig Stunden nach Mitteilung der Sentenz sitzt Dankmar Wildungen im Dampfwagen und eilt nach dem Harzgebirge, wo er teils in einem dorf Namens Taldüren, teils in der alten Stadt Angerode eine vollständigere Herstellung seines Stammbaumes versuchen wird. Man kann leicht darauf rechnen, dass diese Untersuchung so lange dauert, um bei seiner guten in Angerode lebenden Mutter gleichfalls noch nach deutscher Sitte wenigstens die Martinsgans verspeisen zu können ...
Helene atmete so auf, war so überrascht, so erregt von diesen Berechnungen, dass sich sogar ein ihr sonst nicht eigener Anflug von Humor einstellte und sie ausrief:
Renegat! Wollen Sie Ihren Spott lassen über Dinge, die mir heilig sind. Ich bin eine Luteranerin! Lassen Sie mir die Martinsgänse ungerupft!
So wäre denn, sagte Rafflard, dem einige kleine Schläge mit einem naheliegenden Fächer von Helenen's Hand so wenig wehe taten, dass er sich vielmehr gekitzelt duckte und mit faunischer Miene zu der schönen Frau aufblickte, so wäre denn auch Dankmar Wildungen entfernt. Es früge sich jetzt nur noch, wie ist der schwierigste von Allen zu beseitigen, Louis Armand?
Das ist unmöglich, sagte Helene. Louis ist an Egon gebunden wie sein Schatten. Egon würde ruhelos werden, vielleicht kalt, vielleicht lieblos gegen mich, wenn er jemals zu bereuen hätte, diesen Louis aus seiner Nähe entfernt zu haben ...
Wer sagt, dass er ihn entfernen solle?
Louis selbst lässt nicht von ihm. Er kann nicht einmal von Egon gedemütigt werden. Denn wenn Egon in der Lage wäre, ihn wie einen Diener zu behandeln, so gibt sich Louis wie einen Diener. Ich hörte, dass Louis hier bleibt, sich eingerichtet hat, Bestellungen annimmt. Dies ist ein Bund, der gerade deshalb, weil er anomal ist und Louis in seiner Sphäre bleibt, nicht zu trennen ist.
Will ich denn, sagte Rafflard, einen Bund trennen? Ich will nur vorläufig für einige Wochen die Kette dieser Vereinigung sprengen. Wenn ich erreichen könnte, dass Louis nur auf einige Wochen, wie Siegbert und Dankmar Wildungen, aus diesem tollen Freundschaftscirkel fern gehalten wird –
In diesem Augenblicke klopfte ein Diener und trat sogleich ein.
Was ist? fragte Helene.
Der Diener meldete, dass ein wunderlicher alter Mann im Vorzimmer stünde und den Herrn Professor zu sprechen wünsche. Er war hierher bestellt ...
Ah, sagte Rafflard. Er nennt sich –
Murray!
Gestatten Sie, Gräfin, wandte sich Rafflard zu Helenen, gestatten Sie, dass ich drüben in Ihrem Zimmer einen Mann empfange, den ich hierher bestellte, weil er zu unsren Plänen gehört und meine Zeit dermassen zersplittert ist, dass ich meine Gänge zusammenziehen muss. Doch muss ich ihn allein sprechen ...
Drüben im gelben Zimmer! sagte die Gräfin. Der Diener ging, um Murray in das gelbe Zimmer zu führen.
Als sie allein waren, sagte Rafflard:
Helene, dieser Murray gehört zu dem Experiment, den Ring, der sich um Egon zieht, zu sprengen. Benutzen Sie aber diese Zeit und fassen Sie nun auch einen ernsten Entschluss, um sich vor Qualen, wie die sind, die Sie jetzt foltern, in Zukunft zu sichern. Sammeln Sie sich nun zur endlichen Energie gegen Egon!
Wohlan, sagte Helene, ich will versuchen, ob die Liebe denn so ganz Dasjenige, was man sonst Charakter nennt, ausschliesst. Zurücksetzung da, wo man sein ganzes Dasein zur Verfügung hingegeben, Alles geopfert hat, ist der Tod. Ich ertrage diese Halbheit nicht länger. Ist Egon auf diese neue Laufbahn des Ehrgeizes angewiesen, hat Pauline Recht, als sie mir sagte, die alten zeiten sind vorüber, die gesetz der freien Selbstbestimmung haben nirgends mehr einen Platz, um neben den Gesetzen der Sitte, die in eisernen Tafeln geschrieben wären, mit goldenen Buchstaben zu glänzen, soll es eine Ehe sein, so muss ich dem armen Desiré die Hand zum Lebewohl reichen. Was Sie aber auch beginnen, Rafflard, um mich glücklich zu machen, ich kann nichts billigen, was gewaltsam ist oder eine Verantwortlichkeit erfordert. Wollen Sie Zufälligkeiten durch die Gewandteit Ihrer Erfindung herbeiführen, so lassen Sie mich nichts von der Maschinerie, die dies Alles kostet, mit ansehen. Es ist demütigend genug, wenn man das Glück der Liebe nicht als ein freies Geschenk, sondern als ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen empfängt. Ich kann Ihnen sagen, Rafflard, dass ich sehr unglücklich bin, aber denn doch wirklich Egon behalten will und ihn auf sein Versprechen, in die Ehe zu willigen, noch heute zurückbringe. Einstweilen werden Sie Toilette machen, sagte Rafflard, ihr die Hand küssend und den nackten runden Arm wiegend, der unter den grossen offenen Ärmeln des Schlafrockes selbst für ihn verlockend hervorsah ... Ich will Toilette machen! sagte Helene traurig und mutlos. Rafflard aber hustete sich noch einige Augenblicke aus und ging dann durch einen grossen mit Blumen geschmückten Salon in das gelbe Zimmer hinüber.
Drittes Capitel
Der Meister des Meisters
Als Murray sich an jenem Samstag Abend