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mache mir Vorwürfe, dass mein Herz geteilt ist. Ich bin nicht so sehr Egoist, dass ich dir nicht nachempfände, wie es dich schmerzen muss, mich in so vielen Beziehungen zu wissen, die in keiner Verbindung mit den zarten Fäden stehen, in denen dein Herz sich einzuspinnen liebt. Auch meine Beziehung zu Paulinen erfreut dich nicht. Ich bin aus mancherlei Rücksichten verpflichtet, wenn nicht die Freundschaft, doch die Schonung dieser Frau zu wünschen. Sie hat sich mir mit grosser Hingebung anvertraut ...

Sie wird ihn benutzen, so lange er gilt, schaltete Rafflard ein, um Helenen's Befremden über Das, was sie selbst erzählte, zu mildern; sie wirft ihn weg, wenn er sich überlebt hat, was in unserer Zeit und bei der Gattung von Politik, die jetzt auf dem offnen Schauplatze getrieben wird, das Werk eines halben Jahres ist.

Er selbst, fuhr Helene fort, räumte mir die gleiche Bemerkung, die ich machte, gern ein und verwünschte den Einfluss, unter den er so plötzlich geraten wäre. Ich sprach nun von seinen Freunden ... mit Energie, mit Zornesworten flammt' ich auf. Ja Rafflard, ich glaube, dass sie anfangen ihm lästig zu werden.

Rafflard horchte ungläubig ...

Doch! Doch! Er sprach von grosser Verschiedenheit der Ansichten und von chimärischen Auffassungen, die auf dem Boden der gegebenen Verhältnisse nicht Stand hielten. Er hatte, Sie kennen diese Pläne, sich vorgenommen, fast alle seine Leute zu entlassen, sein Hauswesen bis zur Entsagung eines Diogenes zu vereinfachen. Alle diese Pläne sind aufgegeben. Er wird seinem stand gemäss leben und sich sogar nicht scheuen, in Hoffnung auf seinen umsichtigen Generalpächter, Ackermann, mit dem Bankier Reichmeier ein neues Geldgeschäft zu machen ...

Rafflard hörte nur und hustete ...

Ich gebe Ihnen mein Wort, Rafflard, er sprach so vernünftig, so klar, so seinem stand angemessen ...

Und die Heirat? unterbrach der Späher ...

Freund, ich mochte doch nun auf dies Tema nicht wieder gewaltsam zurückkommen! Er vermied es nicht. Nein! Aber ich begnügte mich, ihm nur meinen Refrain: Italien! Italien! zu wiederholen. Und da versprach er mir, allen diesen Beziehungen, die ihn hier fesseln, hier zerstreuen, meiner Liebe entziehen, sobald es irgend mit seiner Ehre vereinbar wäre, zu entsagen und mit mir über die Alpen zu ziehen. Ist Das nicht himmlisch?

Rafflard stand auf. Er war mit diesem Ergebniss nicht im Geringsten zufrieden. Er sah, wie leicht die eigentümliche natur Helenen's zu täuschen war. Doch hütete er sich wohl, ihren Verdacht zu wecken und seine Zweifel zu laut auszusprechen. Er räusperte sich, hustete und wiederholte nur:

Sehr schön! Sehr schön! Helene wird so glücklich werden, wie sie es verdient. Sehen Sie Italien! Ich wünschte, ich dürfte Sie begleiten und Abends auf dem Corso von Florenz spazieren gehen.

Mit einem raschen Übergang kam Rafflard auf Briefe, die vor Helenen ausgebreitet lagen und Pariser Poststempel trugen. Er wusste schon, dass der Graf todtkrank war. Seine Mutter hatte ihm geschrieben und die dringendste Eile für die Verbindung Helenen's mit Egon angeraten. So stellte er sich unwissend und fragte, was sie von Paris Neues hätte ...

Desiré ist sehr leidend, sagte Helene. Die Ärzte wollen ihm kein Jahr mehr geben. Ich lese mit Rührung die Scherze, die er mir schreibt. Er ist so gut! Er will mich unterhalten, und hofft, dass ich glücklich bin!

Glücklich? In Italien? Zum Carnaval? Nicht? Desiré hört es vielleicht gern, wenn Sie mit ihm von Egon's politischen Plänen sprechen?

Rafflard warf diese Worte so lauernd und forschend hin, um ihre wirkung zu beobachten ...

Nein, nein! rief Helene gequält. Die kammer gefällt Egon wirklich nicht. Er wird die lästigen Freunde abschütteln. Wir sehen keinen deutschen Winter mehr. Ich schreibe' es Desiré. Ich sehe Egon in Italien.

Rafflard zog die Augenbrauen in die Höhe und trat nun, da er Helenen zu befangen, zu beherrscht von Egon's gewaltiger Persönlichkeit sah, machtvoll mit der entschiedensten Ungläubigkeit hervor.

Guter Engel! sagte er mit schneidender Schärfe, Sie sind, wie ich Sie immer gekannt habe. Ich habe Ihnen in Osteggen Märchen erzählt von Menschen, die so gross sind, dass sie in einem Fingerhut wie in einem prächtigen Palaste wohnen können, von Riesen wieder, die so gross sind, dass sie über den Arc de l'Etoile hinweg den Tuilerien guten Tag! sagen könnten ... Sie haben an die Zwerge geglaubt und haben an die Riesen geglaubt. Wissen Sie, dass, so lange Egon in den Händen Paulinen's, Guido Stromer's, Rudhard's, der Gebrüder Wildungen und dieses melancholischen Brutus Louis Armand ist, für Sie keine Hoffnung blüht, kein Glück, keine sichere Stunde der Zärtlichkeit, keine Minute jener phantastischen Idyllen, die jeder empfindenden Frau vom Glücke der Liebe unzertrennlich sind? Egon sagt, die Politik ekle ihn schon an? Ich war einen Augenblick, als ich aus den Gefängnissen kam, auf der Zuhörertribüne der kammer. Wissen Sie, dass Alles gespannt ist auf eine Rede, die Egon heute oder morgen halten wird? Er ist Berichterstatter des volkswirtschaftlichen Ausschusses und wird über Dinge, die er versteht, seine Meinung