Chronik doch auch gar zu gewissenhaft war und unterbrach ihn mit aristokratischer Aufwallung:
Was weiss ich, wer sich Alles mit gemeiner Berührung an den Prinzen klettet! Genug, ich hatte Ihren Rat und meine eigene Eingebung für gestern zusammengenommen und beschloss, ihm den ganzen Zustand meiner Seele offen und treu zu entüllen. Vormittag war er in der kammer-Sitzung ...
Nachmittag in dem volkswirtschaftlichen Ausschuss, in dem er einstimmig als Präsident gewählt worden ist ...
Erst um acht Uhr kam er nach haus, wo ich ihn erwartete. Er kam, begleitet von seinen Freunden, die nicht übel Lust zu haben schienen, zu bleiben. Ich sagte ihm sehr entschieden: Mein lieber Freund, ich bitte dich, sei heute der Meine! Ausserordentlich liebenswürdig küsst' er mir die Hand und entliess die Aufdringlichen, Unausstehliehen, Widerwärtigen! Egon war verstimmt. Egon, sagt' ich, du hast Kummer. Ja, antwortete er. Entdecke dich mir! Was hast du seit acht, seit vierzehn Tagen? Du bist mein Egon nicht mehr. Ich weiss es, dass man mir dich rauben will, Egon? Raubt man dich dir selbst?
Sehr fein! unterbrach Rafflard.
Er lächelte ...
Wie billig über den Ausdruck!
Und reichte mir die Hand ... Ja, Rafflard, glauben Sie mir's, er war dem Weinen nahe.
Egon?
Triumphirend fuhr Helene fort:
Mein Egon sagte: Helene, ich bin nicht glücklich. Denken Sie sich meinen Schmerz über dies geständnis, Rafflard! Ich sank ihm zu Füssen, ich bedeckte seine hände mit Küssen. Egon, sagt' ich, du leidest! Warum leidest du? Weil du andre Quellen des Glücks suchest als im Arm deiner Geliebten! Warum diese politische Laufbahn? Sich gleichstellen mit dem Pöbel? Ich habe der ersten Sitzung beigewohnt, habe dich gesehen unter Bauern, Pächtern, Gastwirten ... ah, mein Freund, welche Verwirrung!
Ich bin gespannt. Sie sind hier aristokratischer, Helene, als Sie es in Paris waren ... unterbrach der Neophyt.
Er gab mir Recht, Rafflard!
In der Tat? Egon ist Sozialist, denke' ich?
Er sagte: Helene! Ich fühle wie du! Ich bin nun acht Tage in der kammer. Was ist geschehen? Nichts! Man streitet über die erbärmlichsten Förmlichkeiten. Jeder ringt nach Einfluss, nach Geltendmachung seiner geringfügigen Persönlichkeit, und so bedeutend manche Intelligenz ist, ich habe gefunden, dass sie in den Schatten tritt gegen Denjenigen, der eine starke Lunge hat und seine Trivialitäten mit einer stimme, die durchdringt, geltendmachen kann.
Gut! Er kommt zur erkenntnis –
Ich sagte ihm: Egon, du wirst deine Ruhe, deine Heiterkeit preisgeben, wenn du dich nicht von diesen fruchtlosen Kämpfen losringst. Seit du Paulinen kennst und dich mit ihrem gefährlichen, unternehmenden geist ausgesöhnt hast, ist der Friede deiner Seele gewichen. Er seufzte und sah mich schmerzlich an, mit einem Blicke, Rafflard, so voll Rührung und Vernichtung, dass mir die stimme erstickte und ich alle meine Vorsätze vergass –
Aber ...
Was verlangst du von mir, Helene? sagte er nachdenkend. Egon, das Erste, was ich verlange, ist, dass du mich liebst! Und dann, fügte ich lächelnd hinzu, dass du dich entschliessest diese Stadt zu verlassen, mit mir nach Italien zu gehen und dort, wenn mein Bund mit d'Azimont gelöst ist, unsere Liebe legitimirst.
Ich höre mit hundert Ohren – sagte Rafflard und lauerte auf die entscheidende Antwort des Prinzen, um sie noch heute an den Quai d'Orsay nach Paris zu berichten.
Helene, in völliger Sicherheit sich wiegend und bei Rafflard nur die Teilnahme für ihr Glück voraussetzend, fuhr fort:
Egon nahm diese Worte nicht stürmisch, aber auch nicht kalt auf, Rafflard, und ich fand dies ermutigend für mich. Es ist doch, meinen Sie nicht, Professor, es ist doch ein Entschluss für das Leben, den ich von ihm verlangte? Du stellst mir Alternativen? sagte Egon ruhig lächelnd und fügte hinzu: Helene, Das ist doch eigentlich nicht schön von dir und nicht deiner würdig, nicht Helenisch! Lieber Egon, sagt' ich, ich stelle dir keine Alternativen. Ich werde dich lieben, das weisst du, auch wenn du mich mit Füssen trittst. Leider kennst du meine Schwäche. Aber ich will dein eigenes Glück. Ich ehre dein sittliches Gefühl, es quält dich, mich nicht durch die Bande der Ehe an deine teure geliebte person gekettet zu sehen. Oder willst du die Ehe selbst nicht, lass uns wenigstens nach Italien gehen und unter milderen Voraussetzungen, als die hier üblichen sind, glücklich leben. Dieser Boden kann niemals die Heimat meines Glückes werden – Das fühl' ich, Egon ... Ich konnte nicht weiter; denn Tränen erstickten meine stimme ...
Sie sind noch jetzt gerührt, Helene! Fassen Sie sich! sprach Rafflard in grösster Spannung. Er war Menschenkenner genug, Egon's Antworten keineswegs so beruhigend zu finden, wie sie sich Helene dachte ...
Egon war sehr lieb, sehr gut, Rafflard! Wirklich, er zog mich an sein Herz und sah mir so kindlich in's Auge, so gut, wie in unsern glücklichsten Tagen am See von Enghien. Helene, sagte er, wie ich dich liebe, weisst du! Ich