gelber Schein dem weissen Teint Helenen's einen zarten orientalischen Überhauch gab. Auf dem Tische vor ihr stand eine Vase mit Blumen, die sie sehr liebte. Mit Ungeduld blickte sie auf eine Pendüle, die über dem geöffneten Schreibbureau stand und schon auf elf zeigte. Sie erwartete Rafflard. Der Bediente brachte bald diese, bald jene Meldung. Die Modistin wurde an ihr Mädchen verwiesen. Concerte, zu denen sie die Billets nahm, ohne sie zu besuchen, wurden rasch bezahlt. So oft sie fühlte, dass der Zeiger der Pendüle doch auch gar zu langsam vorrückte, sprang sie auf, dass die Troddeln und Schnüre ihres Schlafrocks klapperten und setzte sich an ein geöffnetes Piano, das in einer Ecke des Zimmers stand und phantasirte in Tanzrhytmen eine Weile auf und ab. Dann fiel ihr ein, dieser oder jener neuen Bekanntschaft rasch ein kleines Billet zu schreiben, einen Roman zu schicken, über den gesprochen wurde, oder sie jagte die Diener, Dies und Das zu besorgen. Endlich gaben ihr einige Zeilen von Heinrichson eine veränderte Stimmung. Heinrich Heinrichson schrieb ihr, dass er drei der gemeinschaftlich gearbeiteten Bilder in zierlichen, entsprechenden Rahmen mitbringen würde und schloss seinen Morgengruss mit einigen Worten, die in seinen vielen, an Helenen schon gerichteten Briefen immer Dasselbe sagten, nämlich, dass sie schön, gut und liebenswürdig wie ein Engel wäre, Huldigungen, die jedesmal eine neue Wendung hatten, seine Weltbildung und Esprit verrieten.
Endlich war Rafflard da.
Eilig, wie bei Helenen immer, trat er ein, nachdem ihn sein Husten schon im Vorzimmer angekündigt hatte. Rafflard war es in seinem langen, plumpen, ungeschlachten, tappigen Wuchse. Die weisse Halsbinde um den Hals, der schwarze Frack, die weisse Weste, die weissen Handschuhe milderten etwas die hartknochige und unedle Physiognomie. Von der Seite aus gesehen, würde man ihn, wenn er etwas korpulenter gewesen wäre, leicht für einen verkleideten Kapuziner haben halten können.
Rafflard küsste Helenen die Hand und überreichte ihr einen Strauss von frischgeschnittenen Orangenblüten.
O, rief sie, das haben Sie gut getroffen, Professor! Diese Blüten versetzen mich nach Italien. Den nächsten Carnaval feir' ich in Rom.
Mit –? fragte Rafflard gedehnt.
Mit? Mit Egon? Sie haben ihn verleumdet, Professor! Er liebt mich wahr und treu und kann mir jedes Opfer bringen. Wie heiter, wie glücklich schloss gestern die Stunde, als ich mich an ihn schmiegte und die schwierige Aufgabe sich vom beklommenen Herzen trennte ... Aber Alles ist erörtert, besprochen, entschieden! Setzen Sie sich, Professor. Trinken Sie Chokolade?
Danke, meine Freundin! Erzählen Sie, sagte Rafflard und spitzte die Ohren.
Ich schelle ... Cacao?
Meine beste Gönnerin, ich habe heute schon einige Gefängnisse besucht und mir die Morgensuppen der Verbrecher zu kosten erlaubt. Sie können sich denken ...
Also Maraschino!
Helenen's Gutmütigkeit war schon in Bewegung zu schellen. Der Bediente kam. Sie gab ihm einen Wink. Er verstand, was sie sagen wollte. Rafflard lächelte erfreut. Die Verbindung mit Egon war das Werk, das er um jeden Preis zu vollbringen hatte ...
Sie sollen überrascht werden, sagte Helene; ich will nicht, dass Sie einen schlimmen Tausch gemacht haben, als Sie statt mit der Mama mit mir vorliebnehmen mussten ...
Der Bediente brachte ein Kästchen, das sie öffnete. Rafflard war überrascht. Gerade ein solches Kästchen stellte jeden Morgen die alte Gräfin d'Azimont auf ihren Tisch, wenn Rafflard seine erste Visite auf dem Quai d'Orsay machte und sie gemeinschaftlich kleine Pasteten assen. Es befand sich darin ein halbes Dutzend Krystallflaschen mit Likören, kleinen Gläschen, einem silbernen Teller, Alles sehr zierlich und höchst portativ eingerichtet.
Rafflard hustete jetzt gerade sehr; dann aber küsste er der jungen Gräfin die Hand und fand diese idee, einen Comfort der alten Schwiegermama hierher zu verpflanzen, allerliebst. Der Bediente kredenzte. Rafflard stärkte sich an Maraschino und klagte dabei über den verdammten Geschmack, den er von der Gefängnisssuppe noch im mund hätte. Die Zunahme seines Hustens erklärte er folgendermassen:
Ich war vorgestern in der benachbarten Festung Bielau in einem Loche, das man vor dreissig Jahren in dieser schon damals doch sehr aufgeklärten Verwaltung ein gefängnis nannte. Denken Sie sich, meine Gnädige, eine Höhle unter dem Niveau eines übelriechenden Flusses. Man zeigte mir eine jetzt vermauerte Nische, durch die sich ein gefährlicher Verbrecher, der verurteilt war, in einer solchen Cloake zu leben, in den Fluss durchgebrochen hatte. Er soll, da das wasser auf ihn hereinströmte, ertrunken sein. Die feuchte Atmosphäre liegt mir noch auf der Brust. Doch, liebe Helene, erzählen Sie nur!
Helene nahm auf ihrem Sopha Platz und schickte sich an, dem ehemaligen Lehrer, dessen vertrauter Ton ihr eine angenehme Erinnerung an die Jugendtage von Osteggen war, von dem gestrigen Abend Bericht zu erstatten.
Ich bin ganz Ohr, sagte Rafflard und nippte an seinem Maraschino, den er sehr lobte und dabei still vor sich hin sagte:
Echter Zara!
Mein Entschluss, begann Helene, stand gestern fest. Es hatte mich zu tief verletzt, dass mich vorgestern Egon warten liess, während er zu Paulinen fuhr und dort wie ich höre en petit comité mit ihr und dem schmuzigen Schriftsteller – wie heisst er?
Guido Stromer –
Zu Nacht ass –
Sie vergessen fräulein Melanie Schlurck.
Helene errötete, dass Rafflard's