Grund, warum sich Dankmar zurückzog, lag doch lediglich nur darin, dass er mit den drei andern Freunden Farbe halten wollte. Sie bauten soviel auf Egon und sahen ihn nun umstrickt von einer entnervenden Liebe! Sie wirkten, sie liefen, sie arbeiteten für ihn und wenn sie ihn für die Wahlen, die Kammern, für ihre idealen Pläne plötzlich zu sprechen wünschten, hiess es: Er ist bei der Gräfin, oder: Die Gräfin ist bei ihm! Das nahm besonders Dankmar, der seine Zeit schätzen lernte, gegen Egon ein und Niemanden mehr als Louis, den Helene deshalb auch geradezu für ihren Widerdämon und für Egon's "böses" Princip hielt. Rafflard hatte den Gedanken einer dauernden Vereinigung in ihr Herz gepflanzt und sowenig eigentlich dieser Plan ihrer natur entsprach, so ungern sie den armen kranken philosophischen Gatten in Paris zu äussersten Entschliessungen veranlassen wollte und lieber auf seinen von den Ärzten für gewiss vorausgesagten Tod wartete, so ergriff sie doch diese idee ohne alle Rücksicht auf ihre Zukunft eben darum so lebendig, um diesen sogenannten Freunden ihres Freundes als Alleinherrscherin über Egon zu imponiren und sie durch einen Machtspruch entweder als Untergebene sich zu gewinnen oder sie als Fürstin von Hohenberg ganz entfernen zu können.
Diese vier Männer waren es, die in Egon diejenige Flamme schürten, auf die Helene wie auf die Gunstbezeugungen der schönsten Frau der Erde eifersüchtig war, die Flamme des Ehrgeizes. Ein Weib, das unter solchen Verhältnissen liebt wie Helene d'Azimont, wird niemals ertragen können, dass sich der Gegenstand ihrer Liebe teilt. Nur die Liebe, die die Sitte heiligt, erträgt im Mann den Aufblick zu einem grossen Berufe und jene geteilte Stimmung, die immer im Gefolge eines Wirkens für die Welt sein wird. Die sittenreine Liebe erfasst den ganzen Menschen, nicht den sinnlichen nur. Sie wächst mit seinem Wachstum empor. Sie schmiegt sich wie der Epheu zu den Ästen des Baumes hinan und folgt ihm bis in die Krone seiner Triebkraft. Der Ruhm ist wohl eine schöne Zugabe zu jedem Verhältnisse zwischen Mann und Weib. Aber der Ruhm will erworben, will behauptet sein und an die stille Werkstatt des Geistes soll da die Liebe nie zur unrichtigen Stunde pochen! Egon war nicht der Mann, der seinen Ideen entsagt hätte, um einer Liebe willen! Er lächelte wohl zu Helenen's Befürchtungen und sagte ihr oft: Du fürchtest nur mein graues Haar, das sich schon durch mein Fieber lichtete, fürchtest die Nachtwachen, denkst an die Staatsmänner, die du kennst, die nach ihrer ersten Rede zehn Jahr jünger und nach der minder gutaufgenommenen zweiten zehn Jahr älter wurden! Dazu schüttelte Helene den Kopf. Sie sagte, dass Egon immer schön sein würde, aber sie müsse ihn allein haben! Wie litt sie schon jetzt unter diesen Vorbereitungen zur Wahl in die kammer! Welche Verhandlungen, welche Zeitverluste, welcher Ärger, welche Absorption der Gedanken! Sie wollte Egon nach Italien entführen. Er dachte nicht daran, ihr zu folgen. Er gönnte sich nicht einmal die Zeit, in Hohenberg, wie er gewollt, Ackermann zu besuchen, von dem er soviel Treffliches und Beruhigendes erfahren hatte.
Seit einigen Tagen erlebte sie noch vollends, dass Egon, der schon von den vier Männern genug in Anspruch genommen war, mit Pauline von Harder in eine Beziehung kam, die sie nicht verstand. Rafflard sagte ihr zwar: der Fürst ist nun gewählt, er ist in die kammer getreten, Pauline von Harder spielt eine neue politische Rolle, es sammeln sich Männer von Ruf und Einfluss in ihrem Salon- Nein, nein, hatte sie ihm geantwortet. Das kann es nicht sein! Sie hassten sich doch! Er nannte sie die Todfeindin seines Hauses und sie beklagte es ewig, dass ich einen Mann liebte, der ihre beste Freundin aus Familieninstinct verfolgen würde! Nun sind sie einig. Jeden Abend haben sie ein tête-à-tête! Was ist Das? ... Ein tête-à-tête, an dem Heinrichson nicht teilnimmt, doch nicht etwa? hatte Rafflard mit lachen dazwischen geworfen ...
Er wollte damit sagen, dass Heinrichson viel öfter bei Helenen, als noch bei Paulinen war und der Gräfin eine grosse Aufmerksamkeit widmete ...
Helene hatte dagegen nichts eingewendet, als dass sie flüchtig von einem jungen Mädchen, einer wahren Schönheit sprach, die seit einiger Zeit von Egon erwähnt würde als Verschönerung der Cirkel der Geheimrätin ... Melanie Schlurck! Rafflard hatte darauf nichts erwidert als den einfachen Vorschlag: Helene sollte, da die Verhältnisse doch nun in der Tat dringend und schwierig würden, gegen Egon mit offener Sprache heraustreten und von ihm eine Erklärung über ihre beiderseitige Zukunft verlangen! Helene, gereizt durch die Erinnerung an Melanie Schlurck, fand diesen Rat weise, hatte ihn in der Tat befolgt und harrte nun an einem Octobermorgen, der sich freundlicher anliess als die bisher vorübergegangenen Wochen, auf den Besuch des Vertrauten, dem sie die Ergebnisse einer gestrigen Unterredung mit Egon mitteilen, vielleicht gar den Auftrag zu einer Scheidung geben wollte zwischen ihr und dem Grafen d'Azimont.
Zweites Capitel
Eine Intrigue
Die liebliche junge Frau lag in einem sehr gefälligen Schlafrock von weissem Kaschmir, bunt gefüttert und mit Bordüren besetzt, auf dem Sopha und blätterte in Briefen und Sendungen, die sie von Paris erhalten hatte. Die Herbstsonne hatte sich wieder eingestellt und fiel neubelebend und so erwärmend durch die Fenster, dass man von den Rosetten die Vorhänge lösen musste, deren