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Joch, das nur die Menschen tragen können, ist die Teokratie, und ich gebe die Versicherung, wie die Demokratie erst in's Volk griff, als ein römischer Priester, Lamennais, sie im kirchlichen Style populair machte, so wird auch der Socialismus, von dem Sie, liebe Gräfin, die Grundprincipien kennen werden, dann erst siegreich für die jetzige Gesellschaft anbrechen, wenn ein so hohler Commis-Voyageur-Kopf wie der des Herrn Proudhon von Lyon seine Ideen einem Priester abgibt, der über die Menschheit als Seher, nicht als merkantilischer Buchhalter spricht.

Helene hatte nicht umhin können, dieser Äusserung des Jesuiten einigen Beifall zu zollen. Sie war in der Literatur und den Zeitfragen nicht unbewandert. Ihr Salon war in Paris artistisch-literarisch. Ihr Tisch war von aufgeschnittenen und mit Lesezeichen gezierten Schriften nie frei. Weitläufig liess sie sich aber auf eine Prüfung nicht ein und erwiderte auch hier von dem Standpunkte, der ihr näher lag:

Was wollen Sie denn aber in diesem Norden? Was gibt es denn hier für Sie zu tun?

Rafflard hatte darauf geantwortet:

Wo fände ein Jesuit nicht ein Feld seiner Tätigkeit! Schicken Sie ihn nach Ceilon, nach Tombuktu, er findet Menschen, Priester, Religionen, Staaten. Wo Andere lehren, Andere glauben, hat auch ein Jesuit zu tun. Wir wissen bei jedem verhältnis sogleich, wo wir Partei zu ergreifen haben, für wen, für was? Deutschland fängt an, wie im Mittelalter, wieder der Schwerpunkt Europas zu werden. Es ist das Land, wo beide Principien, das römische und das protestantische, sich die Wage halten. Die Verwirrung ist gross. Es will sich das protestantische Princip, das im dreissigjährigen Kriege wenn nicht besiegt, doch erschöpft wurde, aufs neue erheben, nicht rein als Princip der Feindschaft gegen das katolische, aber doch in den eigentümlichsten Versetzungen mit allerhand andern Stoffen. Unsere Obern sind Politiker und denken weiter als die erbärmlichen Minister, die jetzt bei uns und hier auftauchen, morgen versunken sind und vergessen. Die fragen der Zeit gehen weiter als bis zur Herstellung einiger trügerischen, constitutionellen Scheinformen. Auch die Jagd auf Demokraten erscheint uns in der Rüe Jean Jaques Rousseau lächerlich; denn Republiken oder Monarchieen sind uns gleichgültig, wenn doch immer die grosse Frage wegen der Kirche und des Staates, d.h. des freien oder des gebundenen Menschen auftaucht. Unsere Abgesandte greifen hier und da schon in die deutschen Schicksale ein. Von der Schweiz und Belgien aus wird viel gewirkt und geschürt. Hier, im Herzen des Protestantismus, ist vorläufig wenig Anderes zu tun, als mit gleichgestimmten Bedürfnissen nach Kirchlichkeit anzuknüpfen. Wenn auch ketzerische Kirche ist auf irgend einem gewissen Standpunkte Kirche immer Kirche. Wir hatten schon einige Hofprediger in Deutschland, die Jesuiten waren. Ich will nicht sagen, dass auch hier unter ihnen Affiliirte sind, aber kirchliche, wie soll ich sie nennen, kirchliche Hochtories gibt es auch hier, und Mehreren, die ich nicht nennen will, steh' ich ziemlich nahe. Ich habe sie in einem gewissen Trotz gegen den gegenwärtigen hiesigen Staat bestärkt. Erst schienen sie zwar erschrocken von der Zumutung einer offenen Opposition; sie besitzen dafür zuviel Servilismus, angeboren und anerzogen, aber wir gewinnen doch, wenn wir die Kirche überall in Europa frei erhalten vom staat und ihm nicht, wie schon in dem absolutistischen durch und durch verweltlichten Russland geschehen, noch gar die Kraft des Prophetentums, die angemasste Bischofswürde zuführen. Was hindert uns, nach fünfzig Jahren, wenn hier die Zahl der katolischen Kirchen wächst, einen Bischof einzusetzen? Wir können alte Gerechtsame, alte Proteste wieder geltend machen. Es mag der protestantische Staat in seinem absolutistischen oder radikalen Gebahren forttaumeln, die in den tiefsten Wurzeln doch noch immer nach Rom hin sich verzweigende Kirche, auch die ketzerische, gibt ihm nichts von ihrer Kraft ab, wenn wir sie isoliren. Wir sind hier an Allem beteiligt, an jeder Frage des Cabinets und des Staatsrates, an der Gesetzgebung für die Provinzen, an der Gestaltung der Gesammtform Deutschlands, an der Übertragung der Lehrämter, an der Richtung des Geschmacks und der Wahl der Lektüre, ja wir haben hier zwei Katoliken, von denen der Eine die Stütze des Trons, der Andere die ganze Hoffnung der Demokratie ist und über deren geheimsten, innersten Gedanken noch ein grosses Dunkel schwebt.

Rafflard gab sich völlig unverdeckt. Einer so offenen, auf ihre Diskretion vertrauenden SpracheWie konnte Helene ihr widerstehen? Sie hatte zwar keine Neigung zu solcher Bewährung ihrer Geisteskraft wie Pauline, die von dergleichen Entüllungen elektrisirt worden wäre, aber die Hingebung Rafflard's glaubte sie doch vollständig zu erkennen, und da sie eine edle natur war und Vertrauen zu schätzen wusste, so liess sie den schleichenden Weltmann, der die vertraulichen Manieren eines Beichtigers geltend machte und alle Dinge von dem Zugeständniss einmal nicht zu ändernder menschlicher Schwäche auffasste, gewähren, nahm ihn öfter an, dankte ihm für die Bekanntschaften, die er ihr zuführte, und hielt seine schonende Sprache über Egon und ihre Liebe für den Beweis eines wirklichen Interesses. Und wenn sie nun auch erraten hätte, dass Rafflard nur die Trennung von ihrem Gatten betrieb, was lag ihr daran? Gut und Geld hatten keinen Wert für Helenen. Einiges mütterliche Vermögen besass sie. Sich um Anderes, was noch fehlen konnte, zu sorgen, lag nicht in ihrer natur. Wenn sie in ihre Börse griff, hatte es bis jetzt noch an den notwendigen Mitteln