Absichten verbarg, und zog die tausend Falten desselben glatt in eine Fläche, in die Fläche der Aufrichtigkeit und Bonhommie. Er sprach so natürlich, so sich selbst ironisirend, dass Helene schon lächelte. Er verspottete die alte Dame vom Faubourg St.-Germain, er ahmte der Gräfin so treffend nach, dass Helene sie völlig wiedererkannte und mit zu lachen anfing. Seine grauen Augen wurden fast kindlich; ja als ihn sein böser Husten überfiel, griff Helene in die Schubfächer ihres Schreibtisches und bot ihm, mitleidig wie sie war, von der Pate Regnauld aus Orleans an, die er täglich kaute, aber doch kostete, doch als etwas ihm Unbekanntes annahm, nur um dabei über das schöne Paris sentimental werden zu können und Helenen zu rühren. Und vollends umstrickte er Helenen dann durch das offene Vertrauen, das er ihr zeigte, als sie ihm seine Verbindung mit den Jesuiten vorwarf. Er bekannte ganz offen, mit den ehrwürdigen Vätern in Verbindung zu stehen. Sie sind Priester? hatte sie gesagt. Nein, antwortete er, ich gehöre zu jenem amphibischen Teile des Bundes, der in- und ausserhalb der Kirche steht. Ich bin zu weltlichen Zwecken affiliirt. Und Sie gestehen mir Das so offen? hatte Helene erstaunt gefragt. Warum sollt' ich denn verhehlen, was Sie wissen, war seine Antwort gewesen; verhehlen, setzte er hinzu, was Sie verschweigen werden! Die Vorsicht, die ich brauche, dass ich in philantropischen Zwecken, zur Verbesserung der sittlichen Gefangenenpflege, reise, öffnet mir viele Türen: selbst die Türen der Gefängnisse sind nicht unwichtig. Man entdeckt dort oft Menschen, die gewandt und brauchbar sind. Helene wies ihn mit dieser Moral entsetzt zurück; aber er hatte ihr damals in französischer Sprache gesagt:
Liebe Comtesse! Sie müssen diese Welt betrachten wie ein grosses Chaos, in das die Vernunft, die Philosophie, die tausendfach verzweigte gute Absicht der Menschen Licht und Frieden bringen wollen. Ich habe früher als Protestant, als Erzieher zu diesem Zwecke der vernünftigen Verständigung mitzuwirken gesucht und meine Überzeugung war zuletzt die, dass ich das Übel zur eignen Qual nur vermehrte. Da lernt' ich Jesuiten kennen und fand eigentümliche, am Dasein merkwürdig erfreute Menschen. Sie reisten und wandelten da und dort. Hier kannte man sie, dort nicht. Sie hatten Zwecke, deren notwendigkeit sie nicht untersuchten, deren Durchführung sie unterhielt und sie im Zusammenhang mit einer grossen geschlossenen Kette kluger Mitverbundener persönlich stärkte und erheiterte. Ich finde in den Jesuiten die Apostel des reinsten Menschentums. Was wollen sie denn anders, diese Vielverschmähten, als die Menschen von dem staat, der sie quält, von der Kirche, die sie verdüstert, etwas lockerer und loser lassen? Was wollen sie herstellen? Nur die grosse, bequeme Ordnung der römischen Religion, die am Ende, wenn man aufrichtig sein will, nichts als ein freundlicher Verkehr zwischen dem Laien und dem Priester und eine Art von Gewissens-Arkadien ist. Arkadien ist überall, wo es keine Gewissensbisse gibt. Die Jesuiten können, was sie bezwecken, kaum sagen. Es sind die eigentlichen Triebkräfte der Welt, die mehr die Freunde des gedrückten Volkes heissen dürfen als alle Demagogen im Purpur und in der Blouse. Was ist denn Das gross für Sklaverei, zum römischen stuhl zu gehören? Die leichteste, die lindeste ist's! Eine viel lindere, als der weltlichen Obrigkeit ganz und gar verfallen zu sein, wie Dies nun durchaus der gang der geschichte werden soll. Gegen diesen gang allein stemmen wir uns. Wir wollen nicht Rom retten, sondern den Menschen, der Niemanden, nur Gott gehorche! Wir müssen die absolutistischen Ideen der Könige verfolgen, weil sie den Begriff der Teokratie, d.h. der grossen GottesRepublik der Welt vernichten; aber wir müssen auch die Revolution bekämpfen, nicht weil sie den Kömgen schadet, sondern weil sie ihnen zuviel nützt, weil sie immer und immer auf Centralisation dringt, weil sie die Menschen zu Maschinen eines grossen Staatszweckes macht, von dem die Priester, d.h. die Anwälte des reinen Menschentums ausgeschlossen bleiben. Lieber Himmel, man spricht von Verdummung, die wir beförderten! Wir finden nur, dass die Menschen selbst nicht wissen, was das Salz der Erde ist. Absolute Staatszwecke, ob die der Republiken oder der Monarchieen, sind nicht das Salz der Erde, und wenn wir sagen, von Rom gehen die Adern, dieses Salzlagers aus, so kämpfen wir ja nicht für den Papst, sondern durch den Papst für die ewige Macht Gottes, die grösser ist als die der irdischen Gewalten. Unser Orden denkt viel über die Zeit nach. Es gibt in ihm eine rechte und eine linke Seite. Die rechte verdirbt leider viel, was die linke gut gemacht hat. Es ist so schlimm, dass man den Namen Gottes nicht nennen kann, ohne gleich zu sehen, dass die Menschen niederfallen und darunter die Aufforderung zur Bigoterie verstehen. Unsere Bundesgenossin ist leider die fanatische Religiosität, leider die Verfolgung des rationalistischen Lichtes; allein wir verfolgen das Licht nicht um des Lichtes, sondern um des Leuchters willen, auf dem es gemeiniglich steht, und um der Wände willen, die das Licht gemeiniglich erhellen soll. Eine Aufklärung, die uns verderben will, müssen wir verfolgen und wir verfolgen sie nicht um unsertwillen, sondern zu Gunsten der Menschheit, denn alle Aufklärung bringt wieder neue Anmassungen, neue Fesseln. Das ewig sich Gleichbleibende ist Rom. Das mildeste