doch mit einer Voraussetzung von uns fort, die nicht zutrifft! Es sind doch nicht meine Gedanken, die er da als die meinen mit fortnimmt! Himmel, er wird sie verbreiten, er wird mich nach ihnen beurteilt machen, er hat mich nicht ausreden lassen und macht mich unglücklich.
So lagen auch offene Gewalttätigkeiten Dankmar's politischen Meinungen ganz fern. Er wollte immer nur das Notwendige und Vernunftgemässe und hier fühlte er nun, dass er doch weit mehr noch hätte sagen müssen, um ganz verstanden zu sein. Diesem drückenden Gefühle half etwas die Ankunft in Dassel ab. Es zerstreute doch, durch eine kleine gewerbfleissige Stadt zu fahren, und wenn auch nur im Vorüberfluge hier und da von einem freundlichen gesicht begrüsst zu werden.
Hinter Dassel belustigte Dankmarn, der sich eine Cigarre angezündet hatte und um zu gleicher Zeit fahren und rauchen zu können, schweigen musste, ein Gespräch, das Hackert mit dem Fremden anfing. Hackert hielt diesen für Das, was er gleich anfangs vermutet hatte, einen Spion, redete ihn aber für Das, für was er sich ausgab, an und sagte ganz dreist:
Tischlergesell bist du?
Tischlergesell – wiederholte nach einigem Zögern der Fremde.
Wo bist du her?
Hier aus dem Hohenbergischen.
Wo standest du zuletzt in Condition?
In Paris.
Donnerwetter, Das ist weit. Von da kommst du direct und verlegst dich nicht aufs Fechten? Hast wohl in Paris geschafft? Ich sehe' es. Deine Mütze ist bei Noack in der Fischerstrasse ganz neu gekauft und deine Blouse, glaube' ich, hab' ich schon 'mal auf dem Maskenball im Opernhause gesehen.
Diese Wendung frappirte den Fremden.
Dankmar lachte in sich hinein:
Siehst du! dachte er; du kommst da an den Rechten.
Tischler ist kein übles Handwerk, fuhr Hackert behaglich fort. Aber immer Wiegen zu machen, wäre mir zu läppisch, und immer Särge, zu schwermütig. Wobei hast du denn am meisten den Hobel angesetzt?
Ich bin ein Kunsttischler, mehr zum Luxus ....
Aha! Luxus ... Mahagony? Nicht wahr? Drum gefiel dir auch wohl die neue Dreschmaschine beim Heidekrüger?
Der Fremde liess sich durch diese verschmitzte Frage nicht irremachen, sondern setzte umständlich das Getriebe einer solchen Maschine auseinander, trotzdem, dass sie nicht von Mahagony war. Er wollte eben zeigen, dass er die Praxis verstand.
Dankmar, der aufmerksam zuhörte, musste fortgesetzt lachen; denn Hackert verstummte plötzlich über die Schrauben, Ventile, Stempel, von denen der Fremde sprach. Sein Plan, den verkleideten Regierungsassessor Müller aufs Glatteis zu führen, war gescheitert.
Das darauf eintretende Stillschweigen währte längere Zeit. Dankmar rauchte. Hackert schickte sich zum Schlafen an. Der Fremde sah auf die Gegend und notirte sich zuweilen Etwas, was ihm plötzlich einzufallen schien, in einem kleinen zierlichen buch. Das dauerte so fort, bis er hinter einem dorf, das sie wieder zurückgelegt hatten, Namens Helldorf, zu Dankmar sagte:
Da sind wir jetzt in einem land, wo ja mit einem Fürsten, wie wir vorhin sagten, reiner Tisch gemacht worden ist! Es ist wahr, es lebt sich darin nach wie vor. Die Menschen gehen und wandeln, die Bäume tragen schwer an den Ästen, die Ernte ist reif, das Gras schon zum zweiten male gemäht. Es hat sich nichts verändert.
Wo wären wir denn da? wandte sich Dankmar um.
In dem Fürstentume Hohenberg, sagte der Fremde; hier beginnt die kleine herrschaft, die so verschuldet ist, dass selbst eine Lotterieanleihe sie nicht mehr retten konnte. Heben Sie den Glanz und das Glück der kleinen Herrscher auf und sie gehen von selbst.
Und die grossen? fragte Dankmar, der nicht abgeneigt schien, das begonnene Gespräch fortzusetzen.
Halten Sie es für möglich, sagte der Fremde, unbekümmert um den in politischen Dingen schweigsamen und nun schlafenden Hackert; halten Sie für möglich, dass jemals Staaten wie Preussen, Österreich, Baiern ganz aufhören können? Diese Sondergeschichte ist nicht auszulöschen und in den Fürsten erhalten sich die Erinnerungen der Völker und werden durch sie getragen.
Dankmar antwortete ironisch:
Ich bewundere, wie Sie glauben, die Hebel der Gesellschaft, die Organe der Menschheit in Bewegung setzen, neue Sitten, neue Gesellschaftsformen bilden zu können und doch an dem Bestande von Dynastieen wie an etwas Ewigem haften! Wie gern auch söhnt' ich mich mit diesem Bestande aus, wenn ich darin nur die Fortbildung unserer Freiheit gesichert sähe! Wissen Sie, was mir durch diese Monarchieen allein gesichert scheint? Ein Übel, das mir noch gefährlicher dünkt als die von Ihnen gerügte allgemeine Genusssucht. Es ist Dies die allgemeine persönliche Eitelkeit, begründet auf eine durchgreifende Erniedrigung des Menschengeschlechts. Wir hörten ja gestern vom Reubunde. Wie erscheint der Ihnen?
Ein wenig lächerlich, war die Antwort.
Mir scheint er gefährlich, sagte Dankmar. Gefährlich deshalb, weil er mit einigen guten Eigenschaften des civilisirten Menschen ein unverantwortliches Spiel treibt. Liebe und Hingebung sind himmlische Tätigkeiten der menschlichen Seele, aber sie haben ihre Grenzen. Sagen Sie selbst, ob nicht in jener Monarchie, zu deren Erhaltung und Unterstützung der Reubund gestiftet wurde, das eigentliche Hinderniss freier entwicklung die tief in den Institutionen und den Erinnerungen des volkes wurzelnde Eitelkeit das Hinderniss der wahren Freiheit ist? In diesem staat entwürdigt sich der Mensch als Gattungsbegriff, um sich als bürgerliche person hochzustellen. Das Individuum will bedeutend sein auf Kosten des Geschlechts. Oder woher