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des Hungers einprägt.

Pauline gab sich ganz auf die "grossen Gefühle" ihrer jungen Freundin gestimmt; aber Helene mit ihrem überflutenden, liebesiechen Herzen, war ihr doch nur eine Studie jener Autorschaft, an die sie zuweilen zurückdachte, seit sie durch Guido Stromer, den vacirenden Pfarrer von Hohenberg, den entpuppten Schmetterling der schönen Phrase und des irren, von Allem geblendeten Idealismus, wieder in literarische Beziehungen kam! Helene, im Jammer um Egon, erkannte Niemanden mehr, der bei Paulinen verkehrte. Ein blick des Schmerzes und sie wandte sich jeder Begegnung ab. Nur Melanie blieb ihr von dem ersten Abend her in Erinnerung als ein "schönes Mädchen". Als "schöner Mann" hätte sie Heinrichson fesseln dürfen; allein sie erbat sich nur die Unterstützung seiner kunstgewandten Hand, um Erinnerungsblätter an ihre Egon-Liebe, die sie zeichnete, an ihren egoistischen Egonismus, wie der witzhaschende Heinrichson dies verhältnis nannte, zu einer grösseren Vollendung zu bringen.

Kümmerte sich Helene während dieser Trauerwochen um Niemanden, als wer sie aufsuchte, verschloss sie sich jeder Beziehung zu ihrer Schwester Adele Wäsämskoi, die sie ihres kleinen und engen Herzens wegen verachtete, zu Rudhard, der ihr ein lästiger, gefühlstrockener Pedant war, so musste es auffallen, dass sie Sylvester Rafflard nicht gleich das erste mal, dass er sich bei ihr melden liess, abwies.

Helene glaubte sonst keinen grösseren Feind zu haben!

Von Osteggen, dem Gute ihrer Ältern, war dieser Rafflard plötzlich entlassen worden; in Genf hatte er Ursache, Egon zu hassen, den er später zu Paris in ihren Armen wiedersah. Die alte Gräfin d'Azimont, Helenen's Schwiegermutter, mit ihrem Ehrgeize und ihrer weltverachtenden Bigoterie, hatte die Wahl ihres Sohnes schon damals gemisbilligt, als Graf Desiré am Schwarzen Meere in Helenen eine Protestantin wählte. Welche Clauseln wurden nicht alle in dem mit Paris über Berlin und Petersburg verhandelten Ehecontracte erfunden, um den Folgen dieses Misverhältnisses vorzubeugen! Anfangs nahm die strenge Bewohnerin des Faubourg St.-Germain ihre Tochter mit gnädiger Herablassung auf, bald aber zeigte sich, dass die alte jesuitische Klassizität der Mutter mit der romantischen Ketzerei der Tochter sich nicht vereinigen liess. Welche Cirkel suchte Helene auf! Welche Menschen fand sie interessant! Wie verworren sah es in ihrem Salon aus! Der "Horreur", den die Mutter durchweg vor der Tochter empfand, steigerte sich, als Helene die Rücksichten auf ihren kränkelnden, blasirten, überbequemen Gatten völlig aus den Augen liess und sich mit ihm sogar auf eine Art Freundschaft, auf den Fuss einer gegenseitigen Schonung und Duldung setzte! Der Graf wurde der Vertraute seiner Gattin. Er musste sorgen, helfen, vermitteln, wenn ihr Herz litt. Und er gab sich dazu mit der ganzen modernen Philosophie, die Sitte und Gesetz auf den Kopf stellt und das Herz zum Gott, dessen Eingebungen zur Offenbarung macht, bereitwilligst her, zum grossen Unmut der Mutter, die diese neuromantische Ehe mit keinen Kindern gesegnet sah. Durch Zufall war der Neophyt Sylvester Rafflard der alten Gräfin nähergekommen und der Vertraute ihrer Wünsche geworden. Die alte Dame hatte immer einen solchen zuverlässigen Hausfreund nötig gehabt und hielt sehr treu zu ihm, falls er sich bewährte. Seit einer Reihe von dreissig Jahren waren es Jesuiten gewesen, Priester oder Affiliirte, die ihr nahe standen. Der letzte ihrer Vertrauten, Abbé St.-Dor, ein Priester aus dem Convicte der Gesellschaft Jesu in der Rue Jean Jaques Rousseau, starb und empfahl ihr Sylvester Rafflard, einen Genfer, der in Turin gläubig, aber nicht Priester geworden war und sich nur als ein in weltlichen Dingen dienender Bruder zu den ehrwürdigen Vätern hielt, die ihm seine Existenz machten.

Rafflard war nicht mehr jung, aber von einer unverwüstlichen Regsamkeit seiner fast tierischgebauten Constitution. Der grosse affenartig gebaute Kopf mit dem gewaltigsten hervorstehenden Unterkiefer sass wie auf dem Nacken eines Stiers. Die Schultern waren breit und rund wie die eines Lastträgers. Die Beine lang und weitausholend, die arme fast über die Proportion ausgreifend und mit Händen begabt, die sich wie die ausgespreizten Füsse eines watschelnden Wasservogels machten. Dieser Mensch verband die Giraffe mit dem Rhinoceros. Die ganze natur Rafflard's war die Sinnlichkeit nicht nur des Magens und des Herzens, sondern auch die Sinnlichkeit der Augen, der Ohren, der hände, des ganzen Menschen.

Sein Wesen war wie das Schnalzen des Fisches. Er war die Aufdringlichkeit selbst. Seine grossen hände reichte er Jedem zum Grusse; er umarmte, er küsste Jeden, er floss in einem Strom von salbungsvollen Liebesworten über und bot Jedem seine Freundschaft an. Er hatte sich von einer gewöhnlichen Herkunft allmälig emporgeschwungen durch das Princip, die ganze Menschheit wäre zu gewinnen durch die Süssigkeit der Vorstellungen, die das Gegenteil unsrer Existenz in Jedem zu wecken pflege. Er näherte sich den jungen Mädchen und sprach mit ihnen von der Ehe; den Frauen und sprach mit ihnen von dem gebundenen Schicksal ihrer unabänderlichen Wahl. Jungen Männern malte er die süssesten Träume des Glücks aus, den Alten spiegelte er den Glauben vor, man hielte sie noch für jung. Jedem aber, den er leiden, unbefriedigt sah, nahte er sich mit der Versicherung, er errate sein verfehltes Geschick, er ahne seine wahre Bestimmung. Die Frauen gewann er durch die teilnehmende Entdeckung, dass ihr Geist gebunden, gefesselt, an Gemeines entwürdigt wäre. Die Männer belauschte er in der geheimsten sehnsucht ihres Ehrgeizes und beglückte die Strebenden mit glänzenden Bekanntschaften, die er in der Tat