vom Fenster, was es noch so spät gäbe?
Sie hörte, dass eine fremdartig klingende, das Deutsche etwas gebrochen mit polnischem Accent sprechende stimme sagte, hier wäre ein Billet vom Prinzen Egon, das man der gnäd'gegen Frau morgen ganz in der Frühe beim Erwachen geben sollte.
Wie schlug Paulinen das Herz, als sie diese Worte hörte!
Man nahm das Billet durch das Gitter. Der Fremde, der kein Bedienter war, ging ...
Es wird Louis Armand sein! dachte sie ... Sie kannte von Helenen die Umgebungen Egon's. Es wird der Sänger sein, der dem Prinzen durch seinen Gesang verriet, dass die Freunde wachten!
Sie schellte wiederholt ...
Franz kam.
Eben wurde ein Brief vom Prinzen Egon abgegeben, sagte sie. Ich will ihn sogleich lesen.
Franz kehrte um und nahm Ernsten erstaunt das eben empfangene Billet ab.
Sie erbrach es hastig, wandte sich von den verschlafenen, zurücktretenden Dienern ab und las:
"Gnädige Frau, erst eine Stunde lang hab' ich in den Blättern meiner Mutter gelesen und den Rest überflogen. Dennoch bin ich schon zu der Überzeugung gekommen, dass ich Sie morgen in aller Frühe, um neun Uhr, wenn ich darum bitten darf, sprechen muss. Ich erkenne, was Sie sagten: Die Selige liebte nur Gott und sich. Vergeben Sie mir, dass ich so stürmisch, so wahnsinnig war! Ich fühle, dass ich des Rates einer weisen, vom Schicksal geprüften Frau bedarf, einer Frau, die über den gewöhnlichen Standpunkten des Lebens erhaben ist!"
Pauline nickte, als sie geendet hatte, einige Male voll tiefster Genugtuung mit dem kopf.
Fühlst du's nun, Prinz Egon Waldemar von Hohenberg! rief sie, die Bedienten nichtachtend, triumphirend aus. Krümmst du dich nun vor Paulinen von Harder, stolzer Jüngling, den die Schönheit Helenen's nicht so fesseln wird wie hinfort der alten Pauline Geisteskraft? Zittere nicht, Egon! Ich bedarf deiner, so wie du meiner bedarfst, und wenn du weise bist und mir deine starke Hand zur Stütze für den Rest meines Lebens leihst, so will ich dir zeigen, dass ich dich mehr liebe, als Helene d'Azimont, mehr, mehr als selbst Amanda, deine eigne Mutter!
Franz stand in der Ferne und harrte noch auf einen Befehl.
Um sieben Uhr wecken! sagte Pauline, erschrekkend, dass sie nicht allein war.
Franz ging.
Pauline aber verriegelte die Tür, las das rasch hingeworfene Billet beseligt noch einmal und noch einmal, entkleidete sich und warf sich heiter, beruhigt, ja lachend auf ihr Lager. Sie entschlief unter der süssen, reizenden Vorstellung eines neu für sie beginnenden Lebens.
Im Bunde mit Egon und seinen geisteskräftigen Freunden ... was hoffte sie nicht Alles! Was konnte sie nicht Alles wagen und noch vom Schicksal erwarten!
Ende des fünften Buches.
Sechstes Buch
Erstes Capitel
Sylvester Rafflard
Helene d'Azimont bewohnte in einem sogenannten Hotel garni das erste Stockwerk.
An Beschränkung nie gewöhnt, bedurfte sie nicht nur aus angeborenen Rücksichten ihres Standes, sondern zur Ausdehnung ihrer ganzen überströmenden natur grosser Räumlichkeiten. Diener und Wagen hatte sie mitgebracht, aber diesen "Train" jetzt noch weit über den Bedarf vermehrt. Jede Woche mussten Gärtner die Zimmer mit neuen Blumen schmücken. Ihr Empfangsalon war ein kleiner Dahlien-Flor. Was sie bei Wanderungen durch die Magazine, selbst bei einer flüchtigen Vorüberfahrt an den glänzenden Schaufenstern der Hauptstrassen nur an Vasen, Porzellan, Kunstwerken, Bronzesachen Gefälliges entdeckte, musste, wenn sie sich davon einen Effect versprach, sogleich, ganz nach Goete's Teorie vom Besitze des Schönen, angekauft und in ihren Zimmern aufgestellt werden. Wie sie denn in Allem das Weib des unmittelbaren Instinctes schien, die lebendiggewordene Unruhe und Beweglichkeit des nur durch die Liebe aufrechtgehaltenen Frauensinnes, so musste sie, was ihr gefiel, besitzen, was sie dachte, aussprechen, was ihr in den Sinn kam, vollenden. Eine Entsagung ohne sofortigen Ersatz würde ihr die grösste Qual gewesen sein.
In den sechs Wochen, dass Egon krank war, von Andern gehütet, ihrer sorge vorentalten wurde, litt sie unsäglich. Sie hatte das nimmerrastende Bedürfniss der Aufopferung. Sie wäre im stand gewesen, wie eine in Lohn verdingte Krankenwärterin Egon zu pflegen. Der Mann, der sie erfüllte, war ihr die ganze Welt. Wie konnte sie leben, ohne seinen Atem zu hören, ohne sich in seinen Augen zu spiegeln, selbst wenn diese vom Fieberwahn umschleiert wären und sie nicht erkannt hätten! Von dem Abend an, wo sie bei ihrer Ankunft in später Nacht vor Egon's Fenstern hielt und zu ihnen wie eine Verstossene sehnsüchtig hinaufblickte und bitter weinte, ruhte sie nicht, sich dem Freunde bemerklich zu machen. Erst als sie erfuhr, dass er ganz krank, dann völlig bewusstlos war, unterliess sie diese nächtlichen Aufblicke zu seinen Fenstern. Aber Blumen schickte sie, Erkundigungen zog sie ein, setzte sich mit der dienenden Umgebung, mit den Ärzten in Verbindung. Sie litt peinliche Tage, in denen sie nur von Paulinen, die durch Amanden's Memoiren wieder Kraft und Fassung errungen hatte, aufrecht erhalten, getröstet wurde. Wie viel Tränen weinte sie an der Brust dieser Freundin, die sich für mitfühlend erklärte, aber ihren Schmerz nur studirte, wie der Künstler an der Armut vorübergeht, ihr Almosen spendet, aber seiner Phantasie auch die Geberden