1850_Gutzkow_030_486.txt

aller Stille das Fenster geöffnet, um sich, ohne einen laut von sich zu geben, auf den Hof zu werfen. Murray, von dem plötzlichen Gedanken, den Niemand geahnt hätte, überrascht, hätte sie mit Riesenkraft ergriffen und zurückgehalten. Dann lag sie, erzählte Franz, bis zum Abend wieder im Starrkrampfe. Endlich hätte sie speisen genommen und einige Worte, aber verworren, gesprochen; sie hätte fortgewollt, man hätte sie gehalten. Murray verliess sie keinen Augenblick. Man hätte den Arzt gerufen und dieser eine Beruhigung verschrieben, nach der sie einschlief. Seit heute früh spräche sie still, aber verwirrt, dann hätte sie geweint, sich gesammelt, aber den ganzen Abend wäre sie so gefährlich irr gewesen, dass man sich hätte entschliessen müssen, sie in das Narrenhaus zu schaffen. Franz wäre gerade angekommen, als man einen Wagen holte und Murray sie mit schönen kostbaren Kleidern, die er irgendwo hätte holen lassen, mit Gold und Silber putzte, in einen Fiaker schaffte und sie selbst begleitete. Er hätte ihr gesagt: Es ginge auf den Fortunaball! Da hätte sie gelacht und mit der Zunge geschnalzt, als ging' es zum Tanze. Ihre Kleider musterte sie lachend im Spiegel, alle die Ringe, die Brochen, die Armbänder, die sie plötzlich vor Wochen trug, wären zum Vorschein gekommen und so wäre sie lachend und als ging' es zum Ball oder zu einer Hochzeit mit Murray in's Irrenhaus gefahren. Franz, schloss die Ludmer, hat mir die geschichte so erzählt, dass es mich selbst kalt überlief ... und nun hier diese Scene noch, dieser Überfall wie von Räubern und Mördern!

Du bist schauerlich, Charlotte, sagte Pauline entsetzt ... Gute Nacht, Charlotte!

Es ist erst neun Uhr, bemerkte die Ludmer.

Ich gehe zu Bett! Gute Nacht, Charlotte!

Die Ludmer kannte gewisse determinirte Stimmungen ihrer Herrin. Sie versparte alle Erörterungen auf morgen und fragte, ob sie das Kammermädchen rufen sollte.

Pauline schüttelte den Kopf.

Die Ludmer, die jetzt mit einem male die lästige Nichte losgeworden war, mit einem male auch die Spannung zu dem Prinzen Egon sich lösen sah, ging ziemlich erleichtert zu Franz zurück, der ihr das Vorgefallene wiederholt erzählen sollte ...

Pauline riegelte sich ein, entkleidete sich rasch und warf sich erschöpft auf ihr Lager.

Als sie im Dunkeln war, trat ihr im Halbschlafe Egon's Gestalt entgegen. Sie seufzte auf und hätte ihn an's Herz ziehen mögen, weil er ihr Erinnerungen wachrief, die zu ihren teuersten und schmerzlichsten gehörten. Ihr unruhiges Blut liess sie nicht schlafen. Sie musste aufstehen, wieder Licht machen. Zuviel, zuviel der Vergangenheit trat ihr gespenstisch entgegen! Es war ihr, als wenn die alten Brustkrämpfe wiederkämen. Röchelnd erhob sie sich, als läge ein Alp auf ihr. Sie wollte klingeln ... unterliess es aber, da sie hörte, dass man noch im haus wachte. Der Geheimrat kam aus dem Teater. Sie hörte sogar die Schüsseln seines Nachtessens klappern, das man in sein Zimmer oben hinauftrug. Das beruhigte sie wieder. Sie dachte an Schlaf. Aber er floh sie. Bilder aus Italien, aus der Schweiz traten ihr entgegen. Eben lieblich und schön, dann verzerrt und beängstigend. Eine Gestalt schien sie besonders zu ängstigen. Sie erinnerte sie durch eine seltsame Gedankenreihe an wasser, an einen übergetretenen, hohen Fluss. hülfe! hülfe! glaubte sie gerufen zu haben. Dann fuhr sie auf und sah sich um, fand Alles ruhig und legte sich auf eine andere Seite. Aber nun kam ihr Auguste Ludmer vor die Augen. Sie sah sie im Ballstaate mit geschminkten Wangensie sah KerzenKronenleuchteralle Tanzenden waren wahnsinnigder Mann mit der schwarzen Binde, den sie so oft hatte nennen hören, führte Augusten in ihre Nähe, und diese knixte vor ihr und sagte ihr in wahnwitziger Rede: Schöne Dame, gib doch meinem Baron seinen Sohn! Es war dann wieder, als wäre Mangold Der, der dies Mädchen führte ... und ebenso rasch gaukelte ihr ein Bild vor die Augen, wo Auguste zerschmettert auf dem Strassenpflaster lag und Franz mit einem Lichte drüber her leuchtete, und als sie nachsahen, war es eine edle reine Gestalt, die wie ein Engel schlummerte, ganz verklärt, ganz verändert, und sie sagte sich: Das ist ja Selma, aber mit Engelsflügeln! Ach! Sie schläft still und ruht sich von einem Leben aus, das ein ewiges Opfer war!

Dazwischen dann hörte es Pauline deutlich von den Stadttürmen herüber zehn, elf schlagen. Aber es schlug schon halb zwölf und sie schlief noch nicht ... Sie stand ungeduldig auf, machte wieder Licht, nahm Brausepulver, wollte lesen und kleidete sich an.

Kaum hatte sie eine Weile in das erste naheliegende Buch geblickt, als es heftig an der Tür schellte, die von der Strasse in den Vorgarten führte. Die Glokke war gross und es schellte mächtig. Pauline ging an das Fenster und sah einen Mann an der Tür, der eben zum zweiten Male schellte.

Um zu sehen, ob noch ihre Bedienung wach war, zog sie ihre Glocke.

Lange dumpfe Stille ...

Der Mann, den sie durch eine Ritze ihres halbgeöffneten inneren Fensterladens unterscheiden konnte, schellte zum dritten Male.

Sie zog wieder ihre Glocke.

Endlich regte sich etwas im haus. Man ging und fragte