sie mit gewaltsamem Entschluss an der Hand zurück, führte sie an's Fenster und riss dies Fenster auf ... es stürmte, es regnete ... die Bäume krachten ... Pauline bebte ... sie wollte sich losreissen, sie wollte schreien ... da intonirte vor dem Garten eine jugendliche Männerstimme ein kurzes Lied.
hören Sie diesen Gesang? rief Egon in wilder Aufregung.
Pauline, von der Kälte der Nacht durchschauert, sah ihn mit Entsetzen an und rang sich von seinen Händen los.
Es ist das Zeichen eines Wächters! sprach Egon, indem er das Fenster schloss. Meine Freunde, drei an der Zahl, sind entschlossen, in dieser Stunde mit mir die Fäden gewaltsam zu zerreissen, die mein Leben umspinnen!
Was bezwecken Sie, Prinz? Um's Himmelswillen! rief Pauline und wollte mit einer raschen Wendung entfliehen.
Egon aber warf sie mit einer Armbewegung zurück und behielt die Tür im rücken.
Ich dringe mit meinen Freunden, die hier in dies Fenster steigen, in Ihr Arbeitszimmer und verlasse es nicht früher, bis wir besitzen, was mein ist. Ein Wink von mir und ich habe die Freunde, die mich unterstützen, hier zur Seite. In Ihrem geheimsten Zimmer, das ich mir bezeichnen liess, bleiben wir so lange, bis wir diesen unerträglichen Intriguen ein Ende gemacht haben.
Das war fast zuviel. Ein Attentat auf ihre Häuslichkeit. Wer hätte hier die Untersuchung aller ihrer Schränke hindern sollen? Die feigen Bedienten? Wer hätte beispringen sollen in diesen einsamen Gartenhäusern? Aber Pauline lächelte jetzt ruhig und sagte:
Wohlan, mein Prinz, so kommen Sie! Wir können es auch anders beschliessen. Ich gebe Ihnen die letzten Geständnisse Ihrer Mutter.
Damit gab sie Egon das Zeichen voranzugehen. Als er öffnen wollte, war die Tür verriegelt. Aha! sagte Pauline. Ihr Überfall stösst doch schon auf Vorsichtsmassregeln. Eine Horcherin hat die Gefahr abwenden wollen und ich bin nicht so verlassen, wie Sie denken! Kommen Sie von dieser Seite, Durchlaucht!
Pauline nahm einen Armleuchter und ging durch eine zweite Tür, durch finstere Zimmer, durch einen gang ... Egon folgte. Die Ludmer stand auf dem Gange mit Franz und einem Gärtner im Dunkeln wie Gespenster, aber ratlose und selbst furchtsame. Doch erschien ihm diese Ludmer wie eine der Dienerinnen Hekate's bei ihren Zauberkünsten, wie eine der Hexen Macbet's. Es war ihm, als sollte er in seine Zukunft sehen und jenen Zauberspiegel in die Hand nehmen, der ihm die geschichte seines Hauses offenbarte.
Pauline ignorirte die zu tod geängstigte Freundin und führte Egon in ihr zweites Boudoir, das geheime. Sie schloss einen Schrank auf und übergab nach mehrfacher Zögerung und erneuertem Andringen Egon's dem Prinzen endlich die Blätter. Dieser erkannte die Handschrift seiner Mutter, küsste sie und sagte zur Geheimrätin:
Also auf die Gefahr hin ... Ihr Freund zu werden! Gute Nacht!
Die Geheimrätin wiederholte lächelnd:
Auf die für mich angenehmere Gefahr hin ... sogar mein Sklave zu sein! Gute Nacht!
Der Prinz verschwand. Bald hörte man Flüstern von Stimmen vor dem Stacket, das Übersteigen seiner ungeduldigen Freunde, das Bellen angeketteter Hunde, das Sprechen, sich Verständigen Egon's mit den Freunden, lachen, Spotten, zuletzt das Rollen seines Wagens im feuchten, knirschenden Kieselsande ...
O, sagte die Ludmer, die erst eintrat, als der Wagen nicht mehr hörbar war, welche Scene! Welche Verblendung, Pauline! Welche Geständnisse! Welche Gefahren! Das Haus war umringt! Wir müssen in die Stadt ziehen. Man könnte uns hier ermorden ...
Lass mich, antwortete Pauline und sank erschöpft auf eine Ottomane.
Nach einer Weile fügte sie hinzu:
Nie traf es sich, dass ich Egon sah. Als ich den ersten blick auf ihn geworfen hatte ... o Gott! Welche Erinnerungen!
Mehr vermochte sie nicht hervorzubringen. Die Ludmer verstand, was sie sagen wollte und versuchte sie auf andre Gedanken zu bringen.
Ich riegelte zu, als ich Franz kommen hörte, sagte sie. Er war bei Augusten und hat mir Schreckliches erzählt. Er kam dort gerade zur rechten Zeit ...
Ehe das Mädchen am gebrochenen Herzen starb, aus Verzweiflung, sich von einem Ehrenmanne verschmäht zu sehen? sagte Pauline mit einem Ausdruck, der die ganze Schwere der Gedanken bezeichnete, die auf ihrer Brust lasteten und ihr jetzt wirklich etwas Prophetisches gab.
Ehe sie in's Narrenhaus gebracht wurde! sagte die Ludmer ruhig.
grosser Gott! rief Pauline teilnehmend. Charlotte, Charlotte! Wie ruhig du Das sagen kannst!
Die Ludmer erzählte, wie Franz gekommen wäre, hätte er schon im haus gehört, dass vorgestern Abend der Fremde, mit dem Auguste seitdem oft ausgegangen wäre, sehr laut und heftig gezankt und dann sich entfernt hätte. Oben hätte Franz den sogenannten Engländer mit der schwarzen Binde gefunden, um Augusten, die auf dem Bette lag, beschäftigt. Der Engländer wäre sehr ergrimmt gegen Franz gewesen. Auguste hätte aber Franzen nicht gekannt. Franz wäre so gescheut gewesen, sich für einen Andern als Den auszugeben, der sie mit Mangold bekannt gemacht hätte. Als Mangold vorgestern gegangen wäre, erfuhr Franz, hätte Auguste nicht ein Wort gesagt, sondern in einem todähnlichen Starrkrampfe dagelegen, bis nächsten Morgen. Murray wäre nicht von ihrem Bett gewichen. Am Morgen wäre sie etwas aufgestanden und hätte in