1850_Gutzkow_030_484.txt

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Mein Prinz, fuhr Pauline fort, ich bin zu Ende. Eine andere Zeit ist gekommen, neue Anschauungen haben den Tron der alten umgestürzt. Wer glücklich noch sein will, schliesst sich ab und sehnt sich nach Ruhe. Alle Welt sprach von den hinterlassenen Denkwürdigkeiten Ihrer Mutter ... ich wusste, dass sie mich hasste. Ich mochte nicht, dass der letzte Rest meines Lebens, der an Reue und Verdruss überreich ist, noch verbittert werde durch die Entüllung und Entweihung des Begrabenen. Zehn Jahre nach Rodewald's Flucht heiratete ich Herrn von Harder, meinen eigenen Schwager. Ich war damals schon vierzig Jahre. Sie sehen, Prinz, wie aufrichtig ich in meiner Biographie bin. Mein Gemahl steht dem hof nahe ... es gibt der Rücksichten mancherlei ... ich will Ruhe haben und hasse alle gewaltsamen Erschütterungen ... die Denkwürdigkeiten Ihrer Mutter musst' ich besitzen. Zeitlebens hab' ich immer dienende hände gefunden, die gern für mich eintraten ... man hat viel aus Liebe zu mir getan ... mehr, als ich wollte, mehr, als ich oft mochte, gutiess ... o Gott, es knüpft sich viel an meinen Namen, was nicht ganz aus meiner Seele floss!

Pauline wollte das Haupt senken, aber sie musste aufhorchen. Es war ihr, als hustete im Nebenzimmer die Ludmer ...

Wir werden gestört, sagte Egon und fasste sich kurz. Ich bin vollkommen auf dem Standpunkt, gnädige Frau, den Sie mir bezeichnet haben. Ich denke nicht kleinlich von Ihnen. Ich bin nicht befugt, der Richter Ihres Lebens zu sein. Einen schlimmen Gebrauch von diesen Denkwürdigkeiten werde' ich nie machen. Besorgen Sie Das nicht! Nie! Ich verspreche Ihnen ...

Sie glauben also, Amanda hätte mich angeklagt ... unterbrach ihn Pauline erschüttert von dem Wort, das ihr so gekommen war: "Es knüpft sich Vieles an meinen Namen, was nicht ganz aus meiner Seele floss!"

O ich ahne es, Frau von Harder, rief Egon mit aufwallender leichter Rührung. Sie waren tief beschämt, als Sie diese Blätter lasen und nichts, nichts von einem rachedürstenden Herzen fanden ...

Pauline schwieg ...

Räumen Sie Ihrer Feindin die Gerechtigkeit ein! Sagen Sie, dass meine Mutter grossmütig war!

Sie war grossmütig!

Egon wurde ergriffener und sprach still für sich:

Gute Mutter! Vergib deinem Sohne!

Dann wandt' er sich an Pauline:

geben Sie die Blätter! Noch diese Nacht will ich sie auf meinem Lager mit Tränen netzen.

Prinz, sagte Pauline jetzt mit entschiedener Wendung, diese Blätter! Ich gebe sie Ihnen nicht.

Wie? Das wäre das Ende Ihrer Mitteilungen? rief Egon.

Wenn ich diese Denkwürdigkeiten vernichtet hätte?

Das haben Sie nicht! Nein, nein! Oder doch? Doch? Die grossherzige Liebe meiner Mutter beschämte Sie? Sie vernichteten ein Denkmal Ihrer Scham, Ihres Neides? Sprechen Sie!

Die Blätter existiren. Aber sie sollen, Sie dürfen sie nicht lesen!

Welche Ausflüchte!

Überstürzen Sie sich nicht! Ich meine es gut mit Ihnen, Feuerkopf! Die Blätter lesen Sie nicht!

geben Sie mir das Testament meiner Mutter!

Sie sind ein Ungestüm!

Endigen Sie diese Ausflüchte, diese Verstellungen ... ha, diese Lügen, Madame! rief Egon jetzt knirschend vor Ärger über solche Weitläuftigkeiten. Sie haben mich zähmen, rühren wollen ...

O mein Gott! stöhnte Pauline. Noch denken Sie niedrig von mir! Ich flehe Sie an! Begehren Sie diese Geständnisse einer Frau nicht, die die Welt verachtete, nur Gott liebte und Niemanden, Niemanden sonst ... nicht einmal Sie!

Nicht ihren Sohn? Nicht mich? Madame! Lüge!

Prinz!

In dem Augenblicke ertönte die Glocke des Hauses.

Ha! atmete Pauline auf. Es war ihr, als wäre sie ganz verlassen gewesen, ganz der Wildheit dieses jungen Mannes, der keine Rücksichten kannte, überlassen.

Ich weiche nicht von dieser Stelle, rief Egon, bis ich diesen Spuk, diesen ewigen Eingriff in mein Leben nicht endlich beseitigt habe. Ich bin vor Ihnen gewarnt. Der Vater, die Mutter bezeichneten mir Ihren Namen als den einer Schlange, die sich um mein Leben ringeln wird, um mir das Herzblut auszusaugen.

Pauline horchte eine Weile, wer kam.

Man hörte die tür öffnen.

Vielleicht ist es Franz! dachte sie erleichtert. Es war so still, so dunkel draussen. Sie hörte die Ludmer nicht. Ihre Diener waren nicht alle zugegen. Es regnete draussen in Strömen. Sie war diesem Ungestümen so preisgegeben ...

Noch sagte sie fest und entschieden zu Egon:

Prinz, wenn Sie diese Blätter lesen, droht Ihnen etwas, was Ihnen nach einem solchen Glauben über mich wirklich die Hölle sein müsste ...

Das wäre?

Die Qual ... mein Freund zu werden!

Egon lachte bitter auf und bat um Aufklärung einer solchen Möglichkeit, die allerdings, wie er grausam hinzufügte, ihr ... Bedenkliches hätte.

Erlassen Sie mir, sagte Pauline tiefverletzt, aber mit immer mehr sich beherrschender Ruhe, die nähere Auseinandersetzung. Genug, Sie würden mein Freund werden, ja vielleicht, setzte sie scharf betonend hinzumein Sklave. Also, wohlan! Prinz! Ich verbrenne die Blätter. Gute Nacht!

Damit erhob sie sich, um zu gehen. Egon aber hielt