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, die ich nie gekannt hatte. Die Bäder von Ems linderten den Reiz meiner Nerven. Ich genas, Prinz! Völlig! Völlig! Die natur hatte sich gefunden. Und als ich froh in's Leben zurückkehrte, nun wieder nach Rodewald dem Geliebten suche, ist er entflohen, mir entflohen. Selma war ein Kind. Sie, dachte' ich, wird von ihrer leidenschaft bald geheilt sein. Aber mein Freund? Wo ist Rodewald? Er war verschollen. Nicht die Liebe zu Selma, die ihn wohl nie innerlichst ergriffen hatte, hatte ihn fortgetrieben von unsern Wohnungen; Überdruss am ganzen Leben, Ekel, schrieb er mir einst, an Allem, Ekel aber am meisten an dem weib, Ekel am weib! Vielleicht der Kummer und Unmut über Erfahrungen, die Sie einst noch entdecken werden ... aber Selma liebte ihn. Ich Törin hatte die Knospe ja selbst entblättert! Das Kind lebte nur für Den, den ich es gelehrt hatte, als einen menschgewordenen Gott zu verehren. Rodewald, aus Motiven, die ich nur ahnen kann, floh mich, floh alle Welt, er war sich selbst zur Last, zur Qual geworden und mit den Worten: Läuterung! Läuterung! nahm er schriftlichen Abschied nach einer Gegend, wo ich ihn nicht mehr sehen sollte und wohin er mit Selma, die nicht mehr von ihm lassen wollte, auf immer verschwunden ist.

Aber meine Mutter? bemerkte Egon und verriet auf's neue die Ungeduld, auf die Bahn ihrer Denkwürdigkeiten einzulenken.

Ihre Mutter? sagte Pauline vor sich hin und machte eine Miene voll Bitterkeit ...

Dass Ihre Schwester Anna von Harder Sie hassen musste, tödtlich hassen muss, erkenn' ich, sagte Egon. Sie haben die Blüte des jungen Gefühls ihrer Tochter vergiftethaben, wie Sie, mir unbegreiflich, sagen, aus Rache die Genugtuung haben wollen, dass Rodewald, durch den Tod von Ihnen getrennt, nur Selma liebt ... Sie haben einer Mutter ihr Kind geraubt ... Selma von Harder? Selma ... Wer erinnerte mich einst an eine Selma ...

Egon konnte sich nicht besinnen, dass man ihm von einer Selma Ackermann gesprochen hatte ...

Pauline fuhr fort:

Meine Schwester hasst mich nicht. Sie gehört zu Denen, die überwunden haben. Weiss sie doch, dass unter dem Raube ihres Kindes Niemand furchtbarer litt als ich. Ich hatte das Leben wieder und das Licht meines Lebens war ausgelöscht. Was war mir die Welt ohne Rodewald? Er war dahin, für ewig! Das Gefühl, das mich ergriff, war nicht das der inneren Vernichtung, der zerschmetterten Ohnmacht. Wie konnte' ich auch? Ich war ja gesund! War ja dem Leben wiedergegeben! Ich raste. Ich hatte keine Besinnung mehr. Ich glaubte, im Strudel der Welt meinen inneren Schmerz betäuben zu können. Ich warf mich in diesen Strudel und beging Torheit über Torheit; denn die Menschen sollten sehen, dass ich lachen konnte. Alle Welt kannte den Vorfall mit Selma, meiner Nichte, die ich zu meiner eigenen Mörderin erzogen hatte. Anna, Witwe, ihres Kindes beraubt, vermied mich und trauert bis diesen Augenblick. Zehn Jahr mocht' ich so gegen mich selbst gewütet und die Freude gesucht haben, um nur nicht zu hören, dass man lachte und meine Tränen sah ... als ich endlich ermattet niedersank und Einkehr halten wollte. Amanda, Anna, alle meine Freundinnen hatten schon seit Jahren diese Einkehr begonnen. Ach, sie hatten sich Alle Irrtümer vorzuwerfen, Alle waren sie von der damaligen grossen wogenden Frühlingszeit ergriffen und das Blut hatte ihnen in den Adern gerollt, wie aus Sympatie mit dem grossen Wachstum der Zeit und der Geister ... Prinz, ich gestehe Ihnen, dass ich die Art von Läuterungen, die damals Sitte waren, nicht begreifen konnte. Beten, hinter gemalten Glasfenstern knieen, das Orgelspielen lernen, das dies irae vierstimmig singen helfen ... diese Läuterungen waren die Wiederkehr der alten Eitelkeit, nur in andern Formen. Ich wurde bitter über die Vergangenheit, über mich, über Andre. Ich heiratete zum zweiten male. Ich schrieb ... Ich schrieb "Amaranta".

Eine Satyre gegen meine Mutter ...

Sagen Sie nicht, gegen Ihre Mutter! Sagen Sie, eine Satyrenein, auch Das ist nicht das Worteine Anklageschrift, ein Zorngericht über die Seelen, die Alle, Alle gesündigt haben und durch Heuchelei die Vergebung des himmels antizipirten ...

Meine Mutter war schwach, aber sie heuchelte nicht! antwortete Egon.

Sie war schwach, Das ist das Wort, Prinz! SchwachSie meinen doch wohl an Charakter? Aber diese Schwäche an Geist gaben diese Büsserinnen, diese Cantatensängerinnen für Stärke aus; Das forderte mich heraus. Ich warf ihnen den Handschuh hin, "Amaranta", die Allen galt, nicht nur Ihrer Mutter, auch meiner Schwester, Allen, die empfindsam wurden, weil sie nicht mehr empfinden konnten ...

Egon war zu scharfsichtig, dachte zu klar über seine Mutter, zu klar über Das, was er Alles in Genf erlebt hatte, um Paulinen von Harder nicht im grund der Seele Recht zu geben. Er sah da eine leichtsinnige, aber stark-begabte, sehr merkwürdige Frau vor sich, die ihm in dieser aufrichtigen Busse, die sie sich durch ihre Geständnisse auferlegte, sogar schon eine gewisse achtung abgewann