Standpunkte der gemeinen Neugier, der Sie mich vielleicht zeihen, auf einen höheren führen. Denken Sie an die Stunde, wo Sie einst Helenen d'Azimont am See von Enghien zum ersten Male entgegentraten oder der Tage, da Louison Armand an den Ufern der Rhone Sie zum ersten Male sah!
Egon machte eine Bewegung ... nicht der Rührung, sondern des Unmutes. Er mochte von Paulinen an Verhältnisse nicht erinnert werden, zu deren Kenntnissnahme sie ihm nicht würdig schien: von Jedem vielleicht, von Paulinen nicht.
Pauline, seine Kälte wohl bemerkend, fuhr fort:
Mein Prinz, seit dem Tage, als ich in dem kleinen Abteigarten von Ragaz mit meiner Führerin, Charlotte Ludmer, lustwandelte und der Blumen mich erfreute, die dem steinigen Boden an einem kleinen Springbrunnen entsprossen, als mir Heinrich Rodewald da zum ersten Male entgegentrat, in seiner hohen, männlichen Schöne, in braunen Locken, in edler, freier Stirn, halb noch etwas Militairisches in seinem Wesen, halb der sinnende Gelehrte ... und ein Ton aus seinem mund drang, ein Organ, ein Klang, ein Hauch, würdig, die Worte eines Geistes zu tragen, der immer tief, immer lieblich und eigentümlich in seinen Wendungen war ... werden Sie nicht ungeduldig, Prinz! O, es wird eine Stunde kommen, wo jedes Atom der Erinnerung an Heinrich Rodewald Sie erschüttern wird ...
Ich höre ja! Ich höre ja! sagte Egon ungeduldig; aber was soll mir Heinrich Rodewald? ...
Rodewald, fuhr Pauline scharf und den Ton jetzt desto schärfer auf diesen Namen legend, fort, Rodewald war jünger als ich. Unser Verhältnis war erst Wertschätzung, dann Liebe und als ich Elende von meinen Leiden gefoltert wurde, war ich selbst von der Freundschaft beseligt, die einer Liebe folgte, deren Band durch eine neue Ehe zu heiligen von manchen Vorurteilen der Welt verhindert wurde. Ich muss mir leider versagen, Ihnen zu schildern, wie ich mit Rodewald stand, als ich nach neun Jahren des innigsten Zusammenhanges mit ihm, der sich auch nach der Rückkehr aus Italien von Weltvorurteilen nicht stören liess, in einem tirolischen Badeorte Landeck, die Freude hatte, mit meiner geliebten Amanda, damaligen Gräfin Hohenberg, zusammenzutreffen. Welche Frau! Wie sanft und gut! Wie weich und zart! Prinz ... werden Sie nicht ungeduldig, es ist Ihre Mutter ... ich darf wohl hinzufügen, dass die Gräfin Hohenberg sehr unglücklich verheiratet war. Ich lasse über diese Saison von Landeck, über die Folgen derselben einen Schleier fallen ...
Warum? Erzählen Sie! Ich kenne das unglückliche los meiner Mutter –
Mein Prinz, ich schweige. Sie wissen nichts von dem Allen. Ich will Ihnen nur sagen, dass die Freundschaft zwischen mir und der plötzlich zur Fürstin erhobenen Amanda sich nicht erhalten hat. Ich war von meinen Brustkrämpfen dem tod oft nahe und glaubte zu sterben. In Ems erwartete ich mein Ende. Meine Schwester Anna kam, sie kam mit ihrer Tochter, einem Engel von sechszehn Jahren, einer halben Waise (der Vater war soeben gestorben) Rodewald stand mir zur Seite ... man erwartete meine Auflösung. Anna hatte sich nur losgerissen, um mich noch einmal zu sehen. Sie musste zurück zur Ordnung ihrer Erbschaft. Ich bat sie, mir ihr Kind Selma zur Seite zu lassen. Sie willigte ein. Die Ludmer bedurfte einer Unterstützung in meiner Pflege. Ich starb aber nicht ... ein Jahr lang glaubt' ich, dass jeden Tag mein Ende nahe. Rodewald und Selma sollten, Das war noch mein letzter Wille, noch meine heiligste Lebensaufgabe, sich dauernd vereinigen ... Selma und Rodewald sollten ...
Egon hob sein Haupt und erstaunte über die Verwirrung, die sich Paulinen's plötzlich bemächtigte. Sie war schon längst aufgestanden, atmete laut, machte einen gang durch's Zimmer, rückte an den Sesseln, warf sich auf ein Canapé, drückte den Kopf auf ein Kissen und bat um eine Minute Zeit, sich zu erholen.
Ist Ihnen nicht wohl, gnäd'ge Frau? fragte er und wollte klingeln.
Nein, nein, stöhnte sie. Ich erhole mich ...
Nach einer Weile fuhr sie fort:
Ich gestehe Ihnen, Fürst, dass ich mir damals einbildete, eine Heroine, ein Engel an Kraft und Entsagung zu sein. Ich wollte Selma und Rodewald verbinden, ich wollte, dass sie einig würden, ich lenkte das Herz des Kindes meiner Nichte mit Gewalt, ich zwang sie, in Heinrich das Alles schon zu finden, was sie vielleicht noch nicht suchte. Ich kann, ich darf Ihnen nicht sagen – Ihnen nicht, Prinz – was mich bestimmte, von der Welt scheidend die Beruhigung mitzunehmen, dass Rodewald und nur Selma sich liebten, keine Andere, keine Andere ...
Warum mir nicht? Warum Ihr Zorn? Ihr neu entflammter Hass? Wen sollte Rodewald nicht lieben..?
Dringen Sie nicht in mich, Prinz! Ich will nichts erzählen, nichts aufklären, ich will Sie nur auf Wege führen, wo Sie achtung und Schonung für mich lernen sollen, Prinz! Ja, es mag Rache gewesen sein, dass ich Rodewald und Selma wie die Schlange am Baume des Paradieses verband. Aber der Himmel strafte mich! Strafte mich durch seine Gnade! Ich genas, Prinz! Ich genas! Ein kluger und kundiger Arzt lehrte mich eine Diät