jeden kleinlichen Gesichtspunkt aufzugeben! Ich sage Ihnen, dass ich die Denkwürdigkeiten besitze –
In der Tat!
Sie müssen mir aber ein aufmerksames Ohr leihen.
Wozu? Weshalb ist Das nötig? Warum soll ich ... Sie achten? rief Egon voll Zorn und voll geheimer Freude, die fast die Miene des bittersten Übermutes annahm.
Übermut war aber für Paulinen zuviel. Sie erhob sich und schleuderte einen durchbohrenden blick auf den jungen Mann, der jetzt das Recht zu haben glaubte, sie verächtlich zu behandeln.
Ich kenne diese Denkwürdigkeiten, wiederholte sie mit stolzer Miene, aber wie? wenn ich sie vernichtet hätte?
Wenn Sie mit dieser Möglichkeit nur drohen, Madame ... so existiren sie noch! sagte Egon, und ich schwöre Ihnen, ich verlasse Ihr Haus nicht, bis ich nicht weiss, was meine Mutter mir in ihrer letzten Stunde hat berichten, auf meinen Lebensweg zurufen wollen!
Pauline lächelte jetzt verächtlich.
Ich denke nicht an Drohungen, sagte sie, und ich denke nicht an Rechtfertigungen, aber ich will, dass Sie von dieser Frage jeden niedrigen Standpunkt ausschliessen. Deshalb beding' ich, dass Sie mich hören!
So reden Sie! sagte Egon und nahm, ihr gegenüber an dem gemalten Kaminvorsetzer, Platz.
Auch Pauline kehrte in ihre frühere Stellung auf dem Sessel zurück. Nach einigen Augenblicken begann sie:
Amanda von Bury, Anna und Pauline von Marschalk waren drei Freundinnen, innigst verbunden seit ihrer frühesten Kinderzeit. Fast gemeinschaftlich war ihre Erziehung; gemeinschaftlich waren ihre Erholungen. Ich, die Mittlere unter den drei Freundinnen, wurde von Anna und Amanda nur noch inniger geliebt, weil ich plötzlich kränkelte und kein langes Leben versprach. Dennoch gelang es einer guten Kur, mich von oft schrecklichen Anfällen eines Brustkrampfes zu befreien und mich bis in mein achtundzwanzigstes Jahr wiederherzustellen, wo ich auf's neue die Anfälle jener Krämpfe bekam, von denen man damals glaubte, dass ich sie nicht mehr ein Jahr würde aushalten können. Amanda und Anna verheirateten sich, später als ich, die früher einen Baron von Ried ehelichte. Gerade als Baron von Ried starb, wurde Amanda die Gemahlin jenes berühmten Kriegers, dem unser Fürstenhaus zu ewigem Danke verpflichtet ist. Anna heiratete einen jungen Offizier, der seinen Abschied nahm und eine Landratsstelle bekleidete, den Sohn des Obertribunalspräsidenten, meinen künftigen Schwager. Durch diese Heiraten statt uns zu einen, trennten wir uns. Es ist so der gang aller Jugendfreundschaften. Ich begab mich, als Witwe, wieder leidend, wieder meiner Gesundheit wegen, auf Reisen, meine Begleitung und treue Pflege war der Obhut meiner älteren Dienerin anvertraut, die noch jetzt die Führung meines Hauswesens besorgt. Ich war in der Schweiz, in Frankreich, in Italien. Ich habe ein bewegtes Leben in meine Erinnerungen eingeschlossen und vielfach versucht, das Glück der Erde, das mir nur für kurze Zeit zugemessen schien, wahr und an der Quelle rein zu geniessen. Ich reiste selbstständig und war, wenn man mich nach jetzigem Sprachgebrauch und damaliger Sitte nennen will, halb und halb emancipirt. Der Liebe dürstete mein ganzes krampfhaft bewegtes Herz entgegen: ich suchte, ich wurde gesucht, fand aber nur ein Band, das mich ganz fesseln konnte, einen, den ich liebte. Der, den ich anbetete, hiess Heinrich Rodewald, ein junger Mann von seltener Prädestination. Zu jeder Kunst besass er die Anlage, zu jeder Wissenschaft die Vorkenntnisse. Genial war seine Auffassung des Lebens. Es kommt so etwas nicht wieder in Eurer jüngeren zerstreuten, oberflächlichen Generation! Er hatte erst dem Studium der Rechte obgelegen, war dann in den damaligen heiligen Krieg gezogen, kehrte mit Ehrenzeichen geschmückt heim und wollte zu den Studien zurück. Durch einen Glücksfall erwarb er eine kleine Summe, die er auf eine italienische Reise verwenden wollte. Er bedurfte dieser Anregung, um sein durch die Abenteuer des Krieges in Gährung geratenes Blut, das nicht am Studirtische ausdauern wollte, einigermassen zu beruhigen, den Tumult seiner Adern einigermassen zu bändigen. Er wollte zur Rechtskunde als Lehrer dieser Wissenschaft zurückkehren und gedachte in Italien den alten und manchen eben erst entdeckten Quellen der römischen und mittelalterlichen Rechtssatzungen nachzuforschen. Dabei liebte er Malerei und Plastik und schwärmte wie damals Alle ... Ach, Ihr kennt in Eurem politischen Hader und Eurer Zeitungsbildung die majestätischen Klänge nicht, die damals durch die Herzen der Jugend tönten – Das war ein Ahnen, ein Sehnen, ein Suchen, ein Erfassen! Das war ein Cultus der Musen, ein Forschen nach Wahrheit ... Heinrich Rodewald lebte nur in Goete, in Dante, Rafael, in Schelling. Er kannte die Alten, studirte die mittlere Epoche und lebte fast in derselben entwicklung wie Byron. Er dichtete nicht, aber sein Leben war ein Gedicht. O was preis' ich ihn, da ich ihn doch hassen sollte! Ich begegnete Heinrich Rodewald in dem ahnungsreichen, jugendlichen Rheintale, das zwischen dem Bodensee und Chur den Anfang der Strasse bildet, die durch die Via mala nach Italien hinüber führt. In Ragaz braucht' ich die von Pfäffers an der wilden Tamina hin herabgeleiteten Bäder. O mein Prinz, ich schildere Ihnen diese Erinnerungen nicht, weil ich weiss, dass eine Zeit kommen wird, wo sie Ihnen Wert haben dürften, ich schildere sie Ihnen, um Ihnen zu zeigen, dass zwischen Ihrem Zorn, Ihrem Mistrauen, Ihrem Hass Herzen, Erinnerungen, vergangene Seligkeiten und überwundene Qualen zittern und zu schonen sind. Ich will Sie vom