1850_Gutzkow_030_48.txt

geschichte wieder hervorgesucht, abgestäubt, mit dem Firniss neuer Redensarten überputzt und so zum Gefechte geführt. Kommen wir da weiter? Werden da, wenn diese nutzlosen Kämpfe, die nur Blut, Geld und frivole Gedanken kosten, vorüber sind, nicht wieder dieselben alten Schäden bald zum Vorschein kommen? Oder ist es nicht gleich besser, zu sagen

Fort mit allen Fürsten und reinen Tisch gemacht? fiel der Fremde lächelnd ein.

Dankmar schwieg, weil ihn der satirische und durchdringende blick seines gefährten jetzt plötzlich befremdete. Es spielten ihm um die zusammengekniffenen feinen Mundwinkel soviel pikante Schattirungen, dass er sich plötzlich vornehmen musste, in seinem Vertrauen nicht zu weit zu gehen. Der Fremde strich seinen schönen Kinnbart, der sich rund um das längliche Oval seines edlen Gesichts zog und ihm viel Ähnlichkeit mit Dankmarn selbst gab, und sagte:

Ich muss lachen, wie ich als einfacher Tischler dazu komme, Ihnen, einem studirten Herrn, so ernst entgegnen zu wollen, und doch bin ich nicht Ihrer Meinung ....

Sie wirklich ein Tischler? sagte Dankmar, fast verletzt darüber, dass der Fremde noch jetzt sein Incognito in dieser Weise aufrechterhalten wollte.

Ja! Ja! Ich bin ein Tischler, sagte der Fremde. Warum denn nicht? Ich könnte Ihnen manchen eleganten Stuhl zeigen, den ich zusammenleimte, und noch viel mehr hab' ich mich geübt, Meubles zu zeichnen, hübsche Formen zu erfinden. Doch gesteh' ich Ihnen sehr gern, dass ich auch, wenn ich will, auf meinen arbeiten selbst sitzen darf und sie nicht zu verkaufen brauche. Ich bin ein Tischler, aber ich trage diese Blouse nur, weil es, wie Sie sehen ... stäubt.

Fürchten Sie da aber nicht, dass man Ihnen einen Pass abfodert und Sie ein Incognito, das Sie zu bezwecken scheinen, lüften müssen? fragte Dankmar.

In diesen zeiten fodert man keine Pässe; antwortete der Fremde; ich gehe auch nur bis Hohenberg.

Bis Hohenberg? sagte Dankmar. Hohenberg ist auch mein Reiseziel.

Sie werden früher dort ankommen als ich. Von hier werde' ich noch zehn Stunden zu gehen haben und Sie wohl nur noch sechs zu fahren.

Sie sollten mit meiner schlechten Kalesche vorlieb nehmen, bemerkte Dankmar. Er tat Dies nicht ohne Zögern, da eben Hackert hinter ihnen ungeduldig und lärmend mit der Peitsche klatschte.

Der Fremde sah sich den Wagen an und blieb mit den Worten: Der Staub ist allerdings sehr lästig! stehen.

Hackert rührte sich nicht vom platz, öffnete auch den Schlag nicht, sondern schien ruhig abzuwarten, ob Dankmar ihn ganz als Kutscher behandeln und jetzt sogar zwingen würde, einen wandernden Handwerksburschen zu fahren .....

Beide Fälle, ob nun die blaue Blouse zu Dankmar oder zu ihm gesetzt wurde, waren seinem empfindlichen Ehrgefühl peinlich. Er schnitt die grimmigsten Gesichter, sprach von Ermüdung des Gauls, schlechtem Wege, engem Platz. Der Fremde, erstaunt über die Unhöflichkeit eines Menschen, den er nur nach dem Bock, auf dem er sass, beurteilte, schien einen Augenblick zu vergessen, dass er diesem doch auch nur ein wandernder Tischler sein konnte, und über die von Hackert's Mienenspiel ihm gegebene Andeutung, sich, wenn er aufstieg, vorn zu ihm zu setzen, schoss ihm fast das Blut ins Gesicht; doch schien er sich sogleich zu fassen, als Dankmar, alle weitern Erörterungen mit dem widerwärtigen, ewig nergelnden Hackert abschneidend, diesem den Zügel und die Peitsche aus den Händen riss, sich selbst auf den Bock setzte, Hakkerten und den Tischler auf den Wagen verwies und mit den Worten: Ich fahre gern einmal selbst! vorn Platz nahm und selbst das Rösslein des Pelikanwirtes nun zu rascherm lustigen Trabe anfeuerte.

Neuntes Capitel

Die Visitenkarte des Tischlers

Der Wald war zurückgelegt. Zu dem Städtchen Dassel hinab ging es im raschen Trabe. Einige Regentropfen fielen schon, ohne jedoch sehr zu belästigen.

Dankmar, wie er so dahin jagte über die staubige Strasse, schüttelte über sich selbst den Kopf. Er suchte einen Schatz, der ihn, wie er vielleicht scherzte, zum Millionair machen sollte, und um ihn zu finden, fuhrwerkte er eben eigenhändig einen Handwerksburschen und einen elenden abgedankten Schreiber! Es ging ihm wirklich unwirsch und ärgerlich im kopf hin und her. Auch der Umstand, dass er das Gespräch mit dem geheimnissvollen und ihm jetzt wieder zweideutig gewordenen Fremden gerade da abgebrochen hatte, als erohne das vernünftige granum salis hinzugefügt zu habensämmtliche deutsche Fürsten wie alten Sauerteig ausfegen wollte, drückte ihn .... Es ist so lästig, in extremen Behauptungen ohne Vermittelung dazustehen. Wir Alle leiden ja überhaupt mehr darunter, dass man uns nicht ausreden lässt, als darunter, dass man uns absichtlich misversteht. Man glaubt uns so oft zu verstehen und Das eben erscheint uns so gefährlich! Man unterbrach uns nur oder das Schicksal unterbricht uns in Augenblicken, die uns gerade die wichtigsten waren. Der Tod, welche schreckliche Unterbrechung für einen Menschen, der sich noch aussprechen, seine Gefühle rechtfertigen, seine Gedanken erläutern möchte! Und doch ist der Tod noch der geduldigste unserer Zuhörer. Selten, dass er uns mitten in einer Periode einer Auseinandersetzung für unser ganzes Leben überrascht. Die ungeduldigsten und quälendsten Störer sind aber gerade die, die uns immer vortrefflich verstanden haben wollen und gleich in die Rede fallen. Sie verlassen uns wie in schönster Übereinstimmung und wir bleiben mit dem Gefühle stehen: Der geht