glaube, zu billigen hat! Heute tadelte er die Entfernung von meiner Familie; er verriet in jedem Worte, dass Rudhard's strenger und unromantischer Rigorismus ihm wieder nahegekommen war. Er fragte dann nach meinem Umgang. Ich nannte aufrichtig Sie, gnäd'ge Frau. Ich wollte hören, was sich da für ein Widerhall von seinem Herzen würde vernehmen lassen. Ich gestehe Ihnen, es war der rauheste!
Lächeln Sie nicht, gnädige Frau ... er sprach in Drohungen gegen Sie –
Fahren Sie nur fort! antwortete Pauline gespannt und sehr ruhig.
Er sagte mir, er wisse, dass Sie ihm eine Feindin wären, seit er auf der Welt wäre –
Seit er auf der Welt ist? Da hat er Recht! sagte Pauline träumerisch, doch kalt.
Rudhard, fuhr er fort, hätte ihn auf's neue gewarnt ...
Rudhard?
Dem alten Freunde seines Hauses wäre es gelungen, schlimme Dinge zu entdecken, die Sie gegen ihn unternommen hätten –
Ich gegen Egon?
Wohl verschweige ihm sein väterlicher Freund und Führer Manches, was ihm auf dem Herzen läge, aber es käme gewiss zum Vorschein, wenn erst zwischen ihm und diesem edlen Alles klar und rein gelichtet wäre – noch lägen zuviel der Wolken zwischen ihnen –
Helene d'Azimont eine Wolke? Hoffentlich eine rosige Wolke!
Gnädige Frau, ich war nicht im stand, die Saite länger zu berühren. Ich ergriff ein auf dem Tische liegendes Exemplar der Nachfolge Christi von Tomas a Kempis. Er sagte mir, dass er dies Buch liebgewonnen hätte, es wäre eine Erbschaft seiner Mutter. Ich entgegnete, um ein harmloses Gespräch zu beginnen: Durchlaucht irren wohl! Ich kenne alle Ausgaben dieses lieblichen Buches, die die selige Fürstin besass, alle! Dies Exemplar war aber nie in ihrer Bibliotek! Ich glaube' es wohl, sagte er, dass Sie dies nicht kannten. Es befand sich hinter jenem Bilde! Damit zeigte er auf ein Pastellgemälde der seligen Fürstin in Medaillonform –
Pauline war schon längst erblasst ... ihre Lippen öffneten sich und blieben starr und unbeweglich stehen. Dann hauchte sie so hin:
In jenem Bilde ...
Befand sich, behauptete der Fürst, fuhr Stromer, dem diese Unruhe und Änderung der Stimmung nicht besonders auffiel, fort, eine Verlassenschaft seiner Mutter, auf die sie ihn kurz vor ihrem tod aufmerksam gemacht hätte. Er hätte Mitteilungen, Ermahnungen, Denkwürdigkeiten gehofft. Sein ganzes Leben hätte sich auf dieses Bild bezogen. Er hätte seine Ehre, Alles dafür gewagt und jenes Bild hätte dies Buch von der Nachfolge Christi entalten. Er wollte mich mit Vorwürfen überhäufen, dass ich das Irrlicht seiner Mutter gewesen wäre. Ich drängte auf einen andern Gegenstand. Indem hatte' ich das Exemplar wieder angesehen und musste ihm sagen – Durchlaucht –
Nun Durchlaucht?
Stromer horchte ...
In dem Augenblicke, als Pauline auf's Äusserste gespannt, auf Stromer's Erzählung harrte, vernahm man einen rasch anfahrenden Wagen, der auf dem vom Regen knirschenden Kieselsande dicht vor dem Portale zu halten schien.
Sie bekommen Besuch, gnädige Frau? sagte Stromer, sich unterbrechend.
Nein, nein. Was sagten Sie dem Prinzen?
Durchlaucht, sagt' ich, das ist ja ein sonderbarer Vorfall! Diese Ausgabe des Tomas a Kempis ist niemals auch nur berührt worden von der Hand der seligen Fürstin; denn überzeugen Sie sich selbst, hier auf dem Titelblatt –
Aber Sie bekommen Besuch!
An der äussern Glocke wurde eben ausserordentlich stark geschellt.
Pauline, von Stromer's Erzählung auf's Äusserste gespannt, jede Unterbrechung verwünschend, war aufgestanden und wollte klingeln, um zu sagen, dass sie Niemanden empfange.
Aber sie war so begierig auf Stromer's Erzählung, dass sie selbst diese Weisung an ihre Diener nicht ausrichten mochte, sondern nur sagte:
Und? Und? Auf dem Titelblatt?
Überzeugen Sie sich, Durchlaucht, sagt' ich, fuhr Stromer, der gleichfalls aufgestanden war, fort; unter diesen Arabesken des Titelblattes steht ja ganz in Perlschrift die Jahreszahl des Druckes. Diese elegante Ausgabe des Tomas a Kempis ist ganz in der Art, wie die Fürstin solche Einbände liebte. Aber dies Exemplar ist erst ein Jahr nach ihrem tod im Druck erschienen. Wie ich Das sagte –
Indem hörte man draussen Türen gehen.
Wie Sie Das sagten? drängte Pauline.
Trat Rudhard ein ... Egon entliess mich in einer mir allerdings erklärlichen Aufregung; denn wie konnte jenes Buch von der Fürstin selbst –
Weiter trug Stromer seinen Bericht nicht vor; denn die Tür wurde aufgerissen, die Ludmer, leichenblass, stürzte herein und rief mit erstickter stimme:
Prinz Egon von Hohenberg lässt sich melden!
Wie? sagte Pauline und hielt die Hand krampfhaft an die Sophalehne.
Er selbst! Er lässt sich nicht abweisen. Er will dich sprechen –
Pauline riss sich, wie von einer Natter gebissen auf, stürzte an die Tür und verriegelte sie.
Es war das Werk eines Augenblicks.
Welche Stunde! rief die Ludmer. Ist ein solcher Überfall erhört? Er ist ausgestiegen, dem meldenden Bedienten auf dem fuss gefolgt – er wartet im Empfangzimmer.
In der Ferne hörte man durch die hallenden Zimmer her eine männliche stimme sich räuspern und einen kräftigen Schritt auf und abgehen.
Pauline stand eine Weile unschlüssig ... Jetzt war der Augenblick da, wo sie einer "Seherin" gleichen konnte. Sie begriff diesen Moment, richtete sich entschlossen