sagte, dem Jahrhundert lebe' ich wohl und möchte' es aus seinen Angeln heben; ich fühle alle Schmerzen der Zeit und ringe, sie zu heilen. Da kam die Aufklärung, dass nur von der Zeitung die Rede war. Er lächelte, schien aber völlig bereit, ganz einverstanden und teilte mir offen mit, dass er bis zur Erledigung seines Processes sich durch literarische arbeiten die Existenz fristen müsse, ohne darum mit Goete zu sagen: Wer nie sein Brot in Tränen ass ... ich fand einen Charakter, einen Mann in ihm.
Die Ludmer rümpfte die Nase, als wollte sie sagen: Welch' ein Umgang! Nichts als Lumpen! Die Geheimrätin aber, in dem zug, in dem sie nun einmal war und der Tage gedenkend, wo sie einen Heinrich Rodewald liebte, von dem sie oft sagte: Titan, du spielst mit der Weltkugel Fangball! rief: Fahren Sie fort! Fahren Sie fort! Und nun, fuhr Stromer fort, kam ein Vorschlag Wildungen's zur Sprache, über den ich doch erst die Ansicht meiner verehrten Gönnerin vernehmen muss. Der junge, leidenschaftliche und von allen Verhältnissen unterrichtete Advokat machte mich darauf aufmerksam, dass der ihm, wie doch auch mir so nahestehende Prinz Egon sicherlich eine bedeutende politische Rolle spielen würde. Der an drei Orten gewählte Volksmann Justus hätte sich sogleich erboten, die Wahl des ihm benachbarten Prinzen für einen der Wahlorte, den er refüsiren müsse, zu beantragen und man könne gewiss sein, dass nun Prinz Egon von Hohenberg in die kammer träte. Er wäre von einer seltenen politischen Reife, besässe Kenntnisse, ausserordentlich neue und befruchtende Grundgedanken und wenn man ihm noch den Nachdruck gäbe, dass er eine Partei bilden dürfe, dass er eine Zeitung, immerhin das "Jahrhundert", zur Verfügung bekommen könnte ... Hier brach Stromer ab, denn die Geheimrätin schien in der grössten Aufregung. Schon seitdem Dankmar Wildungen genannt war, fingen ihre Gedankenräder sozusagen zu schnurren an. Die Ludmer hatte dafür ein ausserordentlich feines Ohr. Sie kannte Paulinen, wie sie grübelte und kombinirte, wie sie der Zerstreuung, Anlehnung an lebendige Naturen bedurfte, wie sie ihr Ohr an das Sausen und Brausen der Zeit zu legen liebte. Als aber Egon genannt wurde und sie ihr Lächeln, ihre Spannung, ihr Interesse bemerkte, hätte sie mit irgend einem andern gegenstand das Gespräch unterbrechen mögen und wäre es das Niederwerfen der Tassen gewesen. Eben wollte sie wenigstens in die Verwunderung der Geheimrätin persönlich miteinstimmen, als diese in ihrer Unruhe sich von der kalten, nur horchenden, nur ihre Glut dämpfenden Horcherin so belästigt fühlte, dass sie das Taschentuch mit Entschiedenheit aus der linken in die rechte Hand warf und diese rechte Hand weit über den Tisch streckte. Das war das ominöse Zeichen! Ein Signal, dass sich die Ludmer entfernen sollte! Mit welchem Widerstreben ging sie! Mit welchem durchbohrend warnend Blicke! Nun sollte sie gehen! Jetzt! Jetzt, wo vielleicht eine furchtbare Torheit eingefädelt wurde, eine Quelle bittrer namenloser Reue angebohrt für eine nur noch kurze Zukunft, jetzt ...
Aber ... sie ging.
Als die Geheimrätin und Stromer allein waren, sagte jene:
Ich freue mich, Stromer, dass Sie so praktisch werden und so ernste Anstalten für unsre gemeinschaftliche Sache treffen. Allein mit Prinz Egon hat es seine Bedenklichkeiten. Ich schätze sein Verdienst. Nach Dem, was ihm in Solitüde begegnete, sind Aller Augen auf ihn gerichtet. Aber ich habe keine Beziehung zu ihm, und wenn eine Beziehung, schwerlich eine günstige.
Ich war darauf vorbereitet und habe deshalb sorge getragen, mich genauer zu unterrichten; antwortete Stromer, der die Verfeindung zwischen Pauline und Egon's Mutter kannte und einst in Hohenberg dem Geheimrat von Harder die Ursachen derselben bitter genug angedeutet hatte.
Sie haben mich doch nicht schon genannt? unterbrach Pauline die etwas verlegen stockende Rede.
Gnädigste! Was denken Sie von mir! Ich bin ein Neuling in dieser papiernen Welt, aber nicht in der wirklichen. Vollends weiss ich, dass Sie mit dem Prinzen gespannt sein müssen ...
Mit ihm? Warum mit ihm? Mit seiner Mutter war ich's. Warum mit ihm?
So rasch gehen Sie über die Empfindungen eines Sohnes hinweg? Ich muss leider der Wahrheit gemäss berichten, dass ich mir selbst manchmal, wenn ich hier bei Ihnen sitze, wie ein Mensch vorkomme, der sich als seinen eigenen Antipoden fühlt. Die Fürstin würdigte mich derselben Teilnahme wie Sie, gnädige Frau und bei allem milden Sinne Amanden's muss ich gestehen –
Dass sie mich hasste?
Ich kenne die Veranlassungen nicht und fürchte, dass sie die Abneigung auf den Sohn vererbte.
Haben Sie davon Proben?
Da ich vorgestern von Wildungen eine so beachtenswerte idee empfing, war ich heute in der Frühe beim Prinzen. Ich wollte discret sein und war es. Er empfing mich nicht freundlich. Er hat seinen alten Lehrer Rudhard wiedergefunden, drüben bei der Fürstin Wäsämskoi ...
Ich kenne den Alten – seine neugierigen Blicke auf mein Fenster belästigen mich genug – nun? Nun?
Die Folge dieses Wiedersehens sind Erinnerungen an die alten zeiten gewesen. Ich konnte den Prinzen nicht in einen irgend wärmeren Ton gegen mich bringen. Wie sehr muss mich Das bekümmern, wenn ich daran denke, dass mein Urlaub von ihm abhängt, dass er die Wahl eines zeitweiligen Stellvertreters, den ich in einem jungen mann, Namens Oleander, gefunden zu haben