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ist ein Myte! rief Pauline. Das ist sehr poetisch, Pfarrer! Ein solches Gleichniss an die Spitze des Jahrhunderts gestellt, als Einleitung des neuen Programmesals Ankündigung kann Das Glück machen; aber ...

Dennoch fühl' ich, fuhr Stromer fort, dass wir im Vorhofe solcher Allgemeinheiten nicht dürfen stehen bleiben. Ja wir müssen uns an die Tatsachen wagen. Aber noch heute nahm ich Veranlassung, zu Gelbsattel zu sagen: Warum streiten wir nur über die Frage, wer regieren soll? Ist es erhört, dass unsere Zeit den Königen nur das Regieren überhaupt zu- oder abspricht und Niemand denkt mehr daran, wie regiert werden soll? Das Schiff fährt dahin über die Wogen. Der Mann am Steuerruder lenkt seine Bewegung. Er hat doch ein Ziel! Er hat doch entweder nach Kolchis zu segeln, um das goldene Vliess zu holen oder er trägt schon eine Beute und will zurück zu der Heimat Strand. Einst gab es Könige, die nicht an's Regieren überhaupt dachten, sondern nur daran, dass sie gut und gross regierten. Ihr Minister und Volkshäupter streitet über das Regieren. Wer regiert! Ei, so halte dich nicht auf, du Mückenseiher, ei so tummle dich doch in der Bahn und zanke nicht, wie sie gezogen sein soll! Ich will regieren, sagt der Fürst. Regiere nur! Aber rasch, gross, bedeutsam! Was ist Das für ein Staatenleben, wo es immerdar nur heisst: Wir leben in einer Maschine, wo das Recht des ersten Druckes Dem, das Recht des Gegendruckes Dem gebührt! Ist der Staat ein wiederkäuend Tier, ein jämmerlicher Selbstzweck? Sind die Könige nur da, um Könige zu sein? Mein Seherauge lehrt mich aus meinem Scherben am fuss des Sinai eine tiefe Wahrheit enträtseln. Ich lese etwas von dem Satze in der ewigen Offenbarung: Die Könige regieren! Aber sie sollen regieren, gut, weise, gross und schaffend! Sie sollen regieren nicht um der Ewigkeit ihres Stammes, sondern um dessen Zeitlichkeit willen! Sie sollen regieren, um die Völker reif zu machen, sich selbst zu regieren! Die Könige sind die einzigen berufenen legitimen Apostel der Republik.

Vortrefflich! rief Pauline und reichte dem geschickten Gedanken-Eskamoteur, diesmal im Style von Hamann, die Hand, dass er sie ergriff und küsste.

So weit ihr Verstand reichte, war ihr Das neu und im grund nicht sehr gefährlich. Es nützte allen Parteien.

Was sagte Gelbsattel? fragte sie dringend, zum Entsetzen der alten Ludmer, die über die Art, wie ihre Freundin auf ihre alten Tage da so in der Politik schwamm und plätscherte, in Verzweiflung geriet und sich nur helfen konnte, indem sie an die Zubereitung der Schüssel: Filet von Seezungen à la maitre d'hotel dachte.

Er ist verdriesslich, antwortete Stromer, Gelbsattel ist verstimmt, hat häusliches Leid, er mag nichts Neues mehr denken. Der alte Apparat, der so viele Jahre bei ihm gehalten hat, ist ihm zu bequem geworden. Passt eine neue Denkform nicht in diese alten Modelle seiner Dialektik hinein, so weiss er nicht mehr viel mit ihr anzufangen und hat gleich seine Bezeichnungen wie: Unpraktisch! Mystisch! Naturphilosophisch! zur Hand und glaubt die Sache damit abgetan. Wenn ich noch erwähne, dass ihn der berühmte Process wegen der Johannitererbschaft verdriesslich stimmt, so tu' ich Das mit Bedacht, weil ich dadurch veranlasst werde, noch einer möglichen Verbesserung unseres "Jahrhunderts" zu gedenken. Sie kennen Dankmar Wildungen, gnäd'ge Frau?

Nur dem Namen nach! antwortete Pauline gespannt und die Ludmer horchte auf.

Dieser junge Mann, fuhr Stromer fort, interessirt alle Welt. Wo man ihn sieht, zeigt man nach ihm und Viele wetten, dass er den merkwürdigen Process gewinnen wird

In der Tat?

Schlurck, Gelbsattel, sind nicht umsonst so verstimmt; das Ministerium verfolgt die Schritte der Gebrüder Wildungen nicht umsonst mit so scharfem Augeist doch sogar eine Haussuchung bei ihnen vorgenommen.

Die Ludmer und Pauline schlugen die Augen nieder.

Ich lernte Dankmar, sagte Stromer, in Hohenberg kennen. Man hielt ihn für den Prinzen Egon und durfte es, wenn Unternehmungslust, Feuer, edle Haltung von dem Wesen einer in der Gesellschaft hervorragenden Erscheinung unzertrennbar sind. Ich nahm schon damals an ihm Interesse und habe kürzlich, vorgestern, an einem öffentlichen Orte, auf's neue seinen Scharfsinn, seine hervorstechende Eigentümlichkeit bewundert.

Vorgestern? fragte Pauline lächelnd. Im Café Richter?

Woher wissen Sie

Wir sind allwissend, lieber Stromer.

In der Tat! Es war acht Uhr. Wildungen sprach lange in einem einsamen entlegenen Zimmer mit einem mir unbekannten mann ...

Mit rötlichem Bart? In grünen Kleidern?

Wohl! Wohl! Ei!

Fahren Sie fort ...

Ich habe nichts zu sagen, als dass er nach der lebhaften Unterhaltung mit diesem mann, der sich bieder, doch in grosser Aufregung ihm die Hand schüttelnd, bald entfernte, in die besuchteren Zimmer kam und so angeregt war, so sprühend und lebendig sich über die Angelegenheiten des Tages äusserte, dass ich die alte Bekanntschaft mit ihm gern erneuerte und ihn veranlasste, sich gleichfalls dem neuen Aufschwunge des "Jahrhunderts" zu widmen.

Mein Freund, rief Pauline entzückt. Sie werden praktisch!

Die Ludmer sah auf Pauline bedeutungsvoll ängstlich hinüber, doch nahm diese keine Notiz.

Was antwortete er? fragte sie.

Es gab erst ein Misverständniss. Er