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. Stromer hörte das Klappern von Tassen schon seit Jahren ausserordentlich gern. Es wurde ihm dann immer so behaglich, dass er sogleich anfing, Streckverse über das Sieden eines Teetopfes, über das Singen eines gebundenen Wassergeistes und den angenehmen Zusammenhang zwischen einem kalten Septemberabend und einer Tasse braunen Peccotees zu jeanpaulisiren, wobei er nicht fürchtete, sich zu wiederholen. Er hatte ähnliche Empfindungen an dieser Stätte schon mehrfach ausgesprochen, sprach sie aber heute wieder aus ...

Die Ludmer hatte seit Jahren ein Zeichen, das ihr sagte, ob sie ein tête-à-tête oder eine grössere Gesellschaft der Geheimrätin durch ihre Anwesenheit störte oder nicht. fand sie das feine battistene Taschentuch Paulinen's in ihrer linken Hand, so durfte sie bleiben; fand sie es in der rechten, so hatte die Gebieterin Ursache, ihre Entfernung zu wünschen. Da sie das Taschentuch heute in der linken bemerkte, so blieb die Ludmer und sorgte für den Tee, scheinbar dem gespräche nicht folgend und doch sehr bei ihm interessirt. Denn sie war keine Freundin der literarischen Bestrebungen Paulinen's. Sie fand in dem Umgange mit Schriftstellern nichts ihrer Würdiges. Sie hatte auch Scharfsinn genug, sich zu vergegenwärtigen, dass diese Art von geistiger Tätigkeit zuletzt eine Unsumme von Verlegenheiten bereitet und sie wusste dann, was die nächsten Umgebungen der Geheimrätin zu leiden hatten, wenn die Schwierigkeiten wuchsen und sich alle Ausgänge verstopften und die Rückzüge sich versperrt fanden. Sie bereitete den Tee, schwieg, hörte aber mit scharfem Ohr auf jedes Wort, das hier gesprochen wurde.

Man erörterte die Stellung, die künftig das "Jahrhundert" in den fragen der Zeit, dem Wirrwarr der Parteien einnehmen sollte. Pauline tadelte die schwankende bisherige Haltung dieses Blattes, das zwar sehr leserliche, aber wenig entschlossene Artikel brächte.

Irgend etwas muss gesagt werden, erklärte sie. Die Artikel müssen auf eine gewisse Pointe zurückkommen. Jeder Gedanke muss seine eigentümliche Spitze haben. Werdeck müssen Sie versuchen für die Artikel über Militairreform zu gewinnen, Justus, den Heidekrüger, für gutsherrliche und bäuerliche Verhältnisse, Schlurck kennt die Mängel unsres Gerichtsverfahrens, Gelbsattel ist sehr verstimmt, sehr, sehr, der Hof nimmt keine Rücksicht mehr auf die alte Tonangabe, die man ihm in früheren zeiten gestattet hatte; das Alles sind Elemente, die Sie gewinnen müssen und woraus man eine Zeitschrift für Misvergnügte bilden kann. Glauben Sie mir, die würde grossen Anklang finden!

Stromer nippte an seinem Tee und brockte Zwieback. Wenn er aufrichtig war, musste er sich gestehen, dass er in keiner Weise für solche Unternehmungen der Mann war. Es fehlte ihm jede Unterordnung unter fremde Denkweise. So sehr er eine Aufgabe daraus machte, alle Menschen in ihrer Art gelten zu lassen, so war es ihm dabei doch nur um eine gewisse Kunst der Charakteristik und den Schein der politischen Milde zu tun. Zu objectiven Wahrheiten vollends wusste er sich nicht zu erheben.

Dürft' ich nicht eine Ansicht äussern, gnädige Frau? sagte er jetzt in seiner alten Art, die wir von Hohenberg kennen, in jenem leisen, vorbereitenden, die Aufmerksamkeit erzwingenden Piano.

Sprechen Sie! sagte die Geheimrätin.

Die Ludmer horchte.

Ich gestehe doch aufrichtig, sagte Stromer, dass ich mir eigentlich gedacht habe, ob man nicht in dem "Jahrhundert" jede Parteiung umgehen könnte. Wo man hinhört, wird der Hass gepredigt. Wenn nun einmal Einer aufstünde und das Evangelium der Liebe predigte? Ich verlange Schonung für jede Ansicht, unter der Bedingung, dass sie sich nur geistig ankündigt.

Ah! Ah! rief Pauline ablehnend. Sie fallen in den Ton zurück, der meiner guten Freundin, der Fürstin Amanda, so sympatisch war! Unsere Zeit verlangt Farbe.

Sagen Sie Das nicht so entschieden, gnädige Frau! Unsere Zeit verlangt den Regenbogen des Friedens ... Und im Regenbogen sind alle Farben vereinigt.

Gelb und Rot herrschen vor. Krieg! Krieg! Bester Pfarrer!

Für unser Auge, für unsere dunstige Atmosphäre, gelb und rot. Aber an klaren Tagen sieht man mehr das Rot und Grün hervorstechen ...

Ohne eine Partei, ohne eine Gesinnung hält sich keine Zeitung! Nein, nein, Stromer!

O fern sei es von mir, zu sagen, flüsterte Stromer erregter, dass ich keine Gesinnung hätte! Das aber eben ist meine Gesinnung, dass ich die Extreme verabscheue. Nur der Willkür und der Gedankenlosigkeit wollen wir den Krieg erklären, Das aber, was sich in einer Form der Schönheit und einer gewissen individuellen notwendigkeit ankündigt, Das müssen wir gelten lassen, wenigstens eine Zeitlang prüfen. Vom Berge Sinai kommt der Bote des Herrn, der Gesetzgeber seines Volkes. Wie er aus den Wolken tritt, siehe da! sein Herz ist bekümmert. Sein Volk tanzt um ein güldenes Kalb. Der Gott, den ihnen Moses aus den Wolken bringen sollte, zögerte ihnen zu lange. Sie zwingen Aaron, ein güldenes Kalb zu giessen, das sie faute de mieux ihren Gott nennen. Moses, voll Entrüstung, nimmt die Tafeln des geschriebenen Gesetzes, das er mit sich herunterbringt, und wirft sie nach dem Götzenbilde. Die Tafeln zerspringen und alles Volk eilt herbei, die Scherben zu sammeln. Jeder hat nun einen teil der Wahrheit, Jeder hat nun ein Stück des Gesetzes und jetzt bedarf es der Mässigung, Ruhe, der Verständigung, um die Scherben wieder aneinander zu setzen und aus den Trümmern wieder des Herrn lebendiges Wort zur Auferstehung zu bringen.

O das