aus, das Pauline gierig ergriff und durchflog.
Im Büreau war ich nicht, fuhr Stromer fort, nachdem Pauline sich etwas orientirt hatte ... denn zu sprechen, während Jemand etwas vielleicht – von ihm las, dazu war er zu – taktvoll ... Das Büreau ist zu entlegen. Einem kleinen Mädchen kauft' ich es an einer Strassenecke ab. Das Kind stand im Regen da wie der zitternde Strauch auf einsamer Heide ... Ich weiss, Ihr Exemplar kommt erst später.
Schröpfer war da! warf Pauline im Lesen und blätternd fast neckisch und wie zur Anregung hinein.
Ah, gnädige Frau, sagte Stromer, ich wusste es, ich hab' ihn selbst gesprochen. Die Sosier sind keine Freunde der Aktienunternehmungen, welche Zeitungen stiften. Auch die kleinen Buchhändler auf der Strasse sollen weggeschnappt werden. Kind! fragt' ich das kleine Mädchen, das die Blätter feil bot, liest du denn schon und verstehst du auch, was du verkaufest? Meine Schwester erzählt es uns manchmal; sagte das Kind. Hast du eine Schwester, kleine Proletarierin? fragt' ich. Welchen Schriftsteller liebt sie denn am liebsten in dem Blatt, das du da verkaufst? ... Stromer hielt inne; denn die Geheimrätin war so vertieft, dass sie sowohl sein Bild von dem auf der Haide im Sturme fröstelnden Strauche, wie seine Unterredung mit der kleinen Line Eisold überhört hatte. Er wartete, bis sie sich gesammelt hatte.
Ah, sagte sie dann und blickte zu Stromer, um ihn zum Weiterreden zu ermuntern.
Denken sie sich, gnädige Frau, fuhr dieser fort, wie man populair wird! Und dein Ruhm wird ertönen auf der lauten Gasse! Jesaias würde mich beneidet haben, wenn er Das gehört hätte. Wohl weiss ich, dass auf der Gasse nicht bloss Glocken tönen, sondern auch Schellen klingeln und alte Töpfe krachen, die man in Scherben zerwirft, aber auch ein solcher Polterabendruhm klingt einem Ohre süss, das bestimmt schien, nur im Umkreise eines ländlichen Nachtwächterhornes seinen Namen bekannt zu wissen.
Im Umkreise eines ländlichen Nachtwächterhornes! wiederholte das Bild anerkennend Pauline, indem sie weiter blätterte und nicht ganz bei der Sache war. Wovon sprachen Sie denn?
Diese kleine fliegende Buchhändlerin sagte mir, der liebste Schriftsteller, von dem ihre Schwester sich etwas abschriebe, wäre ihnen Guido Stromer! Gnädige Frau, Das so zu hören im Sturme eines nassen Herbstabendes, an einer Strassenecke unter Wagengerassel, wie Macbet sein Schicksal am Wege von den Hexen zugerufen bekommt. Poesie mitten in der Alltäglichkeit!
Nun erst sammelte sich Pauline von Harder. Sie hatte das Blatt durchflogen, sich über den Stand der Parteien orientirt, die neuesten telegraphischen Depeschen gelesen, einige kleine durch Stromer besorgte Notizen von eigener Hand gefunden ... nun erst hörte sie halb, was Guido Stromer sprach und fragte:
Also was sagte Schröpfer? Merkte er unsere Absicht?
Guido Stromer war doch stark betroffen, dass die gnädige Beschützerin seiner Zwischenreden so wenig Acht gehabt hatte. Er hatte in solchen Fällen die Gewohnheit, den Ton ganz leise einzusetzen und mit gezogener Empfindlichkeit und einem gleichsam nur seinem eigenen Genius genugtuenden gelinden Strafverfahren so wie hier zu wiederholen:
Was.. Herr.. Schröpfer.. gesagt ... hat?
Ja, Sie sprachen doch ...
Wohl! sagte Stromer seufzend und gelassen, wie ein angeschmiedeter Prometeus; wohl! Frau von Harder will zur Literatur zurückkehren, sagte der edle Sosier, sie will vielleicht ein Blatt begründen! Aber vom "Jahrhundert" war keine Rede.
Ah! Ich habe mir, begann Pauline die arme übereinander schlagend und den einen Fuss auf ihr Sopha legend, ich habe mir mancherlei von den Einrichtungen einer solchen Unternehmung erzählen lassen, von Druck, Papier, Versendung, Abonnentenzahl und dergleichen mehr. Ich glaube, dass die dreitausend Abnehmer des "Jahrhunderts" ungefähr nach allem Kostenabzuge einem Capitale von 10.000 Talern gleich kommen.
Höher nicht? fragte Stromer, der wie alle überfliegenden und haltlosen Naturen auch in solchen praktischen Verhältnissen von dem Werte der eigenen Tätigkeit chimärische Begriffe hatte.
Finden Sie die Summe so unbedeutend?
Das Capital ist bedeutend. Die Rente klein ... antwortete Stromer, und eigentlich müssen wir hinzufügen, dass ihm Capital und Rente neue Begriffe waren, die er nicht ohne einige Genugtuung seinem bisherigen üblichen Sprachgebrauche einverleibt hatte.
Es ist mir nicht um die Rente, sagte Pauline, die in Geldsachen geläufigere Praxis hatte, sondern um den Einfluss, um die Unterhaltung und manchen nützlichen Gedanken, der sich wird fördern lassen. Durch wen besorgen wir nur den Kauf? Wer leiht seinen Namen her, um den unsrigen zu decken?
Ich habe an Herrn Schlurck gedacht ... meinte Stromer.
O sehr gut! Schlurck! Er ist ...
Doch zuverlässig?
Wie Gold! Aber ... seit der Hohenberger neuen Generalpacht scheint er mir etwas en décadence.
In der Tat? Man speist doch bei ihm wie bei einem Lucullus.
Seine verlorene Curatel der Hohenbergischen Güter hat ihm in der grossen Welt geschadet. Es ist erstaunlich, wie ansteckend das Glück und wie noch anstekkender das Unglück ist. Beim Glücklichen versucht sich Jeder, den Unglücklichen flieht man. Das soll mich aber nicht veranlassen, diese Torheit mitzumachen. Ich will Schlurck bestimmen, das "Jahrhundert" für meine Rechnung anzukaufen ...
Indem trat die Ludmer ein, hinter ihr folgte sehr bald Ernst mit dem Teeservice ..