, willst du sagen, meinte die Ludmer. Nimm zwei trockne, Franz, du musst sogleich in die Stadt ...
Könnte nicht Ernst ... sagte Franz verdriesslich. Der Doktor ist in einer Droschke gekommen.
Ernst oder Franz, polterte die Alte, die wohl einmal, aber nie zwei mal schmeichelte; Einer geht sogleich nach der Königsstrasse und erkundigt sich, was sie treibt! Ob sie wieder mit dem mann in der schwarzen Binde gesehen wird, wie damals auf der Fortuna oder ...
Sie geht mit Mangold –
Mit Mangold ist's nichts mehr! Franz ... geh' selber zu ihr ... Mangold ist dahintergekommen. Sie ist bösartig gegen Euch! Ernst hat nicht Mut genug. Geh' Fränzchen!
Franz, so cajolirt, sagte, er wollte selbst gehen. Die Geheimrätin lobte ihn für seinen Eifer. Die Ludmer knitterte ihren Brief zusammen, nahm den Bleistift und ihre culinarischen Notizen und entfernte sich durch das Schlafzimmer und das hintere Boudoir, um einige Anstalten für den Tee zu treffen ... Diejenigen Bedienten, die sich treu erwiesen, hatten es gut in diesem haus.
Guido Stromer war seit einigen Wochen schon fast der tägliche Hausfreund der Geheimrätin von Harder. Er verdankte seine Einführung dem Justizrat Schlurck und einem artigen Schutzbriefe, mit dem ihn Melanie selbst empfohlen hatte. Melanie hatte gesagt: Hier ist ein Mann, gnädige Frau, der in die Residenz kommt und nach Geist dürstet! Er hat die Torheit, diese Quelle in meiner Nähe zu suchen und schöpft und schöpft und schöpft vergebens. Ich hab' ihm gesagt, ich will ihm den rechten Waldgrund zeigen, wo es in der Tiefe mächtig rauscht und siedet und gährt und siehe! so kommt er zu Ihnen.
Seitdem hatten Guido Stromer's Aufsätze im "Jahrhundert", einer grossen, einflussreichen Zeitung, schon Manchem gefallen. Zwar hatte man ihm für seine etwas verworrenen Anschauungen erst nur noch das untere Stockwerk, das Feuilleton, eingeräumt, allein für andre Leser, wie Pauline, war Dies gerade eine Auszeichnung. Man sprach allgemein davon, ob Guido Stromer nicht steigen, in die politischen Spalten avanciren würde, aber es fehlte ihm noch die Grundlage positiver Tatsachen, wie er's nannte, Kenntnisse, wie Dankmar es genannt haben würde. Er war reich in Principien, arm in praktischen Fingerzeigen. Zufällig waren unter den Eigentümern des "Jahrhunderts" Differenzen entstanden, die sich am Besten ausgleichen liessen, wenn irgend eine bedeutende politische Macht etwas daran wagen und das Blatt kaufen wollte. Guido Stromer interessirte Paulinen für diese idee. Ein Blatt zu haben, ohne dass man ihr dies Eigentum, das auf einen andern Namen geschrieben werden musste, nachweisen konnte, jeden Morgen eine Parole austeilen, jeden Abend in der Welt seine sichere wirkung zu haben, abweisen, annehmen, voraussehen, drohen, belohnen, etwas wissen zu können, was Andere nicht wussten ... sie war entzückt von diesem Plane und hatte dafür nur Stromern, Heinrichson und die Ludmer zu Vertrauten. Heinrichson versprach ihr, über die künstlerischen Bestrebungen so viel geheimes Material zu geben, dass sie im Feuilleton unter einem angenommenen Namen selbst als eine feine Kennerin der Kunst auftreten konnte. Sie schwelgte in dem Gedanken, über die öffentliche Meinung eine herrschaft zu gewinnen, die ihr einen Ersatz für die "kleinen Cirkel" bieten sollte, von denen sie mit so hartnäckiger Consequenz ausgeschlossen blieb.
Guido Stromer trat ein, wie immer mit dem Bewusstsein, in welchem Goete seinen Tasso sagen lässt: Und wie der Mensch nur sagen kann: Hier bin ich! Dass Freunde seiner schonend sich erfreun; so kann ich auch nur sagen:
Nimm mich hin!
Er idealisirte sich nämlich von Tage zu Tage mehr. Der blick seines Auges wurde immer freier und strahlender, die Art, den Kopf auf seinen Schultern zu heben, wurde beweglicher, sein ganzes Wesen erschien wie elektrisirt und im ganzen Gehaben fast überreizt. Eine gewisse Pedanterie war dabei freilich nicht zu vertilgen. Die mangelnde feinere Erziehung, die ihm Fürstin Amanda, die auf den inneren geistigen Kern blickte, völlig nachsah, war durch feinere Wäsche und eine wie aus einem Handbuche studirte Eleganz nicht zu verdecken. Die Grazien waren in seiner Nähe, aber sie neckten ihn nur, sie spielten mit ihm Versteckens, sie wohnten nicht in ihm selbst. Dieser feine Kopf ass jetzt an vielen vornehmen Tafeln, aber er wiegte sich so sonderbar in diesen Genüssen, atmete so den Duft seiner Einladungen ein und aus, wiederholte so sehr Alles, was ihm begegnete, in der Erzählung sprach er so geräuschvoll und nachdrücklich, dass das ganze persönliche Interesse, das Pauline an diesem so urplötzlich aufgetauchten Autor genommen hatte, dazu gehörte, um durch ihn in ihren Nerven nicht empfindlich gestört und verletzt zu werden.
Meine gnädige Frau, sagte Guido Stromer, gleich im Eintreten, während er Paulinen die Hand küsste, ich komme in Sturm und Regen und muss in weiter Ferne von Ihnen bleiben, denn ich bringe eine Atmosphäre mit, die leicht den Katarrh nach sich zieht.
Nun, bester Freund, begrüsste ihn Pauline und bat ihn Platz zu nehmen, wo es seiner diätetischen Sorgfalt für ihre Gesundheit nur beliebe. Was bringen Sie über das "Jahrhundert"?
Vor allen Dingen die heutige Nummer! sagte Stromer, griff in den neuen schwarzen Frack, dessen Hyper-Modernität ihm beinahe komisch stand und breitete das von der Druckerei noch nasse Blatt