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, dass ich in Ihrer Nähe, liebe Madame Ludmer, jetzt wieder einem kind zufällig ein Auge ausgeschlagen hätte; nach meiner jetzigen Art sag' ich Ihnen aber nur, dass es ein Irrtum von Ihrer Seite ist, liebe Madame Ludmer, wenn Sie geglaubt haben, dass ich zu dem verlornen Rufe Ihrer Nichte, Auguste Ludmer, wie zu einem Brunnen den Deckel hätte abgeben können. Ich frage nicht: Wie konnten Sie wagen, Frau, einem ehrlichen, unbescholtenen mann zuzumuten, eine Auguste Ludmer zu heiraten? Wie konnten Sie es wagen, auf meine Leichtgläubigkeit, Dummheit und von den Städten zurückgezogen lebende lebendige Einfalt hin, mir eine Partie vorzuschlagen, die ewig meine Ehre würde gebrandmarkt haben? Wie konnten Sie so hinterlistig Veranstaltungen treffen, um mich und meinen guten Namen in diese schändliche Falle zu locken? Ich sage das Alles nicht auf alte Art, weil ich ... möglicherweise ein in der Nähe befindliches Kinderauge fürchte. Lassen Sie sich denn also mit der einfachen Nachricht genügen, dass ich jenes schöne und in vieler Hinsicht angenehme Mädchen vom Grund meiner Seele aus bedaure, dass ich selbst über einen gewissen Beweis menschlicher Schwäche und die Erbärmlichkeit eines gewissen herzlosen grossen Künstlers in dummer Einfalt hinweggekommen wäre, allein die Wahrheiten, die ich sah, als mir ein Ehrenmann, Namens Dankmar Wildlingen, auf dem Café Richter gestern die Schuppen von den Augen nahm; diesen Überfluss der Schande und des Elends kann ich in keinen Wald der Welt mitnehmen, in keinem Sansregret der Welt verbergen, das Laub würde darüber verderben und die Jahreszeiten könnten mir in Unordnung geraten. Ich hab' es dem Mädchen noch am selben Abend in Ruhe gesagt. Ein alter Verehrer von ihr stand dabei. Eine schwarze Binde an seinem Auge erinnert zwar nicht an Amor, den blinden Gott der Liebe, aber er soll reich sein ... er mag sie trösten! Sie sah mich starr an und lachte.. Da sie nichts erwidern konnte, sagt' ich ihr ein ruhiges Lebewohl und gingwohin ich vor zwanzig Jahren nicht gegangen wäre, nicht zu Ihnensondern nach haus, in mein Kämmerlein und dankte Gott, dass er mich vor ewiger und zeitlicher Gefahr behütet hat. Leben Sie wohl, Madame Ludmer, und suchen Sie sich andre Deckel für Ihre unsaubern Töpfe aus! Es gibt Viele, die so dumm sind wie ich und nicht sehen was darin ist. Aber es gibt nicht zuviel, die, wenn sie einmal gesehen haben, nicht gern dumm bleiben wollen ... Ihr ergebenster u.s.w.

Madame Ludmer war von diesem Briefe sehr geärgert. Sie zerknitterte ihn, wie sie den Schreiber hätte zerknittern mögen. Ihre Gebieterin lachte fast und nahm die Sache leichter. Sie begriff nicht, warum ihre Führerin und langjährige, auch im Dienen nach Rafflard's Teorie herrschende Freundin sich über diesen Ausbruch einer gereizten Stimmung so aufregen konnte.

Wer ist nur dieser Alte mit der schwarzen Binde? sagte die Ludmer. Mit ihm ist sie arretirt wordenRafflard erzählte uns, dass er nach einem Besuche im Gefängnisse diesen Engländer für einen der unternehmendsten und schlauesten Bösewichter halte, die jemals die Aufmerksamkeit der Behörden in Anspruch genommen hättenwird sie nicht in Gemeinschaft mit einem solchen Beistand Alles unternehmen, um sich für diesen Affront, den ihr Mangold antut, zu rächen? Seit sie in deinem Verehrer einen Menschen erkannte, den sie hasst, hat sie ja angefangen, uns empfindlicher als je zu quälen. Kann es mir recht sein, dass mein Name von ihr im Schmuz herumgezogen wird? Ist nicht selbst vorauszusehen, dass ihre nach Rache gierige Wut sich allmälig bis in die Erinnerungen ihrer Kindheit zurückwühlt und mit hülfe männlichen Beistandes bis zu den Tagen ankommt, wo wir in Bielau, wie du weisst ...

Schweige doch! rief Pauline und richtete sich nun gross und lang auf. Welche düstern Phantasieen! Ist es das Wetter, das dich so aufregt oder was? Ängstigen dich die Kastanien, die im Regen draussen von den Bäumen platzen? Der Brief soll uns nicht gleichgültig sein. Ich erstaune sogar, wieder den Namen Dankmar Wildungen, den jungen Mann, der jetzt soviel aufsehen erregt, in Angelegenheiten genannt zu sehen, die mich berühren. Ich wünschte, Stromer beruhigte mich über diesen wie es scheint gefährlichen Charakter, der so sonderbar immer in der Nähe von Dingen ist, die sich auf uns beziehenWas Stromer lange bleibt! Es ist bald sieben! Lass diese Grillen! Denke, wie glücklich die Angelegenheit mit den Denkwürdigkeiten Amanden's abgelaufen ist. Wir erwarteten Rache, Verleumdung, Wahrheit sogar. Und was fanden wir? Die mächtigste Waffe in der Hand Dessen, der den Mut nicht verliert! Wenn ich einst diese Waffe schwängewenn ich diese Memoiren hingäbe und sagte: Da! Les't sie! Ich weiss, es sind Dinge darin, die auch mich vernichten würden, aber ich hätte die triumphirende Genugtuung, dass in meinen Sturz ich eine allgemeine Verwirrung hineinzöge und Die, die mich gedemütigt glaubten, vielleicht selbst ihr Haupt nie wieder erheben könnten.

In dem Augenblicke meldete Franz Herrn Guido Stromer ... Doktor Stromer, nicht mehr Pfarrer Stromer.

Soll willkommen sein! sagte Pauline.

Die Ludmer hielt Franz zurück ...

Noch ein Wort! Franz ... Sie besann sich und wie einen Entschluss fassend sagte sie: Was ist für Wetter?

Die Bäume triefen wie Regenschirme!

Wie nasse