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entwirft, über das bevorstehende grosse Dienstagsdiner folgende Ideen nieder:

Pürée von weissen Rüben mit Filets von Enten und Parmesan-Croutons ...

Egon's Eindruck bei hoffuhr wieder ihrerseits Pauline fort ... Mein Lächeln fällt Helenen aufIch lächle über michWarum? – Weil ich mir manchmal wie die Sibylle vorkomme, die in einer Höhle sitzt und die Menschen in ihrem Wahne sich durchkreuzen sieht, während ich im buch ihrer Schicksale lese

Spanische Pasteten von Rebhühnern, sagte die Ludmer und fügte still für sich, aber mit Nachdruck hinzu, von Rebhühnern en Salbicon

Wüssten alle Menschen, was ich weisswüssten sie, wie ich auf meinem Dreifuss sitze, der Priesterin von Delphi gleichich lächle und warte meine Zeit ab

Die Ludmer in der Hoffnung, den Pflegling ihrer Liebe von diesen quälenden Träumereien und Tagebuchsschmerzen abzubringen, flüsterte:

Rinderbrust, glacé, mit Chalotten ...

Helene fürchtet für die Zukunft ... liess sich Pauline nicht irre machen ... trotzdem dass sie den Augenblick besitzt. Egon will die politische Carrière beginnen. Nichts ist den Frauen gefährlicher als der Ehrgeiz der Männer. Ein Mann, der den Ruhm liebt, opfert ihm gewöhnlich zuerst sich selbst und dann auch Alle, die ihn lieben. Helene fürchtet die Umgebungen Egon's und hofft, dass Rafflard sein Versprechen, sie sämmtlich zu entfernen, das ganze Nest aufzuheben, wahr macht.

Die Ludmer hörte etwas hinüber zu den ihr nicht ganz gleichgültigen Tatsachen, die die Geheimrätin niederschriebund sagte dann freudiger notirend:

Gänse à la Broche mit farcirten Gurken à la Sauce ...

.. Die Geheimrätin hatte aber trotz ihrer idealen Anschauung gleichfalls nicht unterlassen, auch auf die Ludmer manchmal hinzuhören und zu prüfen, was die erprobte Erfindungsgabe der Freundin zusammensetzte. Sie nahm jetzt das Blättchen und las die schriftstellerischen Produkte der Ludmer. Die Ludmer nahm eine Priese.

Ist Das der erste gang? fragte Pauline.

Der erste gang!

Ich vermisse, sagte die Geheimrätin, die gleichfalls gastronomische Phantasieen hatte, eine Kennerin der Tafelfreuden und längst zu der erkenntnis gekommen war, dass man sich viele und gerade die geistreichsten Menschen dauernd und wahrhaft treu leider nur durch Diners und die sinnige Wahl ihrer Leibgerichte verbindet; ich vermisse, sagte sie, ein Hochepot von Wurzeln à l'Anglaise für meinen guten Justizrat, der seine Frugalität immer drollig genug zu beweisen sucht, dass er nach Gemüsen verlangt und von guter Hausmannskost spricht.

Ist der Justizrat denn eingeladen?

Schlurck? Ich denke doch? Der Vater und die Tochter! Ich bin sehr undankbar gegen den ehrlichen Menschen und hab' ihm seit seiner edlen Aufopferung für meine Interessen viel zu wenig Aufmerksamkeit erwiesen.

Er war gestern hier, um dich angelegentlichst zu sprechen ...

Wovon man mir nichts sagte? erwiderte die Geheimrätin entrüstet.

Ich mochte nicht ... Der Mann wird alt ... Er zeigte sich ängstlich!

ängstlich? Worüber? Ein Schlurck ängstlich ... du sprachst ihn also?

Es kämen, sagte er, Anfragen, Vorwürfe wegen der übereilten Haussuchung bei den Gebrüdern Wildungenman setze ihm mannichfach zu, wolle Auskunft über Dies und Jeneser quengelte mehr, als ich je von dem mann erwartet hätte

Dann lad' ihn nicht ein! erklärte die Geheimrätin entschieden. Furchtsame Menschen stören unsern Lebensmut. Man wird nie von Paulinen sagen, dass sie ihre Freunde vernachlässige; aber nur keine Entmutigung da, wo man Stärke erwartet!

Von seiner Tochter sprach Schlurck auch, berichtete die Ludmer.

Sie ist verlobt mit Lasally

Noch nicht förmlich ... sagte er. Auch bräche sie solche Verhältnisse ab, wie sie sie anknüpfe. Sie wäre vorgestern gleichfalls, wie es scheint die ganze Welt, in Solitüde gewesen und hätte sich, nach haus gekommen, so gegen Lasally gebehrdet, dass diese Verbindung jetzt wieder weniger Möglichkeiten für sich hätte als früher ...

Sie hat den Prinzen wieder gesehen, Dankmarn, Siegbert Wildungendie alten Leidenschaften regen sichWir wollen Schlurck und Melanie doch einladen. Vergiss es nicht!

Und Werdeck und die Deputirten?

Werdeck und die Deputirten! Justus vor Allen!

Was? Justus? Den Heide ...

Die Ludmer machte eine Miene, als röche es plötzlich nach Dünger. Sie hatte für Politik wenig Sinn und schüttelte den Kopf und drückte wieder die Brille, die sie beim Sprechen abgenommen hatte, auf die gequetschte Nase, dass sie im Sprechen einen schrecklich schnüffelnden Ton bekam.

Die Deputirten! näselte sie.

Pauline fuhr abbrechend fort in ihren Notizen:

Egon lässt sich wählenDankmar Wildungen macht dabei den VermittlerHelene fürchtet diesen Entschluss, fürchtet die Wildungen, fürchtet Louis Armand's Einflussfürchtet Alles, was sie von Egon trenntNachrichten aus Paris – d'Azimont wird immer kränkerEgon spricht viel von der notwendigkeit und dem Glück legitimer Verhältnissesie klagt mir's ...

Die Ludmer hatte eben sehr aufmerksam zugehört und fragte, was legitim wäre?

Pauline lächelte und sagte:

Legitim, liebe Charlotte, heisst, wenn nicht sittlich, doch gedeckt durch die Sitte. Du guter Egon! Wenn du wüsstest, was sich Alles legitim nennt! Du willst für die legitimen Verhältnisse auftreten! Ärmster! Kenntest du die Memoiren deiner ...

Pst! sagte die Ludmer und schrieb satyrisch grinsend und lachend:

Filet von Seezungen à la maître d'hôtel!