Tag dort drüben bei Helenen's Schwester und ihren Kindern wie eingebürgert verweile. Sie erzählte von dem stadtbekannt gewordenen Rendezvous in Solitüde, von grossen Scenen zwischen der Mutter und Tochter ...
Erinnere mich nicht an diesen Tag! sagte Pauline leidend. So sich in seinem eignen mann prostituirt zu sehen! Gegenstand des Spottes in dem Menschen, der unser natürlicher Schutz, Beistand, unsre Ehre sein sollte! Ich kann mir denken, dass in allen Gesellschaften nur von Henning's stupider Miene gesprochen wird!
Die Ludmer richtete ihre stechenden Augen auf die Geheimrätin und sagte voll tiefster Besorgniss:
Ja, ja! Zu unserm Dienstag-Diner haben der Oberhofmarschall und Graf Franken absagen lassen ...
Es sollte mich gar nicht wundern, wenn wir in eine förmliche Ungnade fielen, erwiderte Pauline.
Nur wegen der Solitüde? sagte die Ludmer mit schärferem Blicke zu ihrer Freundin und Gebieterin hinüberschielend und ihre Dose anschlagend.
Ich weiss, was du sagen willst, antwortete Pauline. Man erklärt mein Haus jetzt für den Sammelplatz der Opposition.
Man sagt, ich machte Partei ... Lass sie! Lass sie! Das freut, das ermutigt mich. Siehst du! Ich tue in der Tat nichts, gar nichts, was diesen Vorwurf verdiente und man kann von einer intelligenten Frau nichts Schmeichelhafteres sagen, als dass sie intriguire, während sie doch nichts tut. Ihre Intelligenz ist schon Intrigue! Null, Null soll man sein, ja noch unter Null und zu Weihnachten nur für den Frauenverein sticken oder eine Boutike halten. Das ist Alles.
Nichts tut, Beste? sagte die Ludmer und nahm eine Prise. Ist nicht auch Werdeck wieder zum Dienstag eingeladen? Bist du nicht in offener Ausstellung auf dem Kunstverein in Ekstase geraten über das Bild seiner Frau, und hast diese person wieder an dich gezogen, trotzdem, dass sie Jedermann flieht und du seit ihrer Spionage in Bielau ihr mistraust ...
Wie kommst du auf diese Zufälligkeit? In Bielau? Spionage? warf die Geheimrätin ein. Welches Interesse könnte diese Frau, die aus Polen stammt und in mir ganz fremden Verhältnissen aufwuchs, veranlassen, sich um unsere Vergangenheit zu bekümmern?
Kind! Du weisst nicht, wie sie dich Alle umschleichen und belauschen! Dass zum Dienstag die Trompetta, die Flottwitz, Niemand vom Bundesrat gebeten ist, gibt sogleich Gerede. Bist du nicht ein Herz und eine Seele mit der d'Azimont, die die zweifelhaften politischen Gesinnungen des Fürsten Egon beherrscht und was ist alles Das gegen ... deine neueste Grille ...
Pauline lachte mit der Überlegung eines starken Geistes über einen schwächeren.
Du sprichst, sagte sie, von meinem Ankauf eines gelesenen Journals! Wer allein nennt Das Grille, als eine natur wie die deinige, die sich um öffentliche Dinge nicht kümmert!
Ich dächte, wir hätten an unsern geheimen genug – sagte die Ludmer scharf und sah auf ihr Papier, während sie den Bleistift probirte und aus einem Futteral, das neben ihr lag, eine Brille zog, die keine Bügelbrille, sondern aus alter Gewohnheit ein einfacher sogenannter Nasenquetscher war.
Pauline schwieg eine Weile und kam dann durch eine leicht erklärliche Ideenassociation auf Heinrichson.
Wie selten sich seit einiger Zeit Heinrichson macht! sagte sie seufzend.
Deine Schuld, gutes Kind! antwortete die Ludmer jetzt durch die Brille näselnd. Wie konntest du in dem Grade jugendliche Leidenschaften verraten, dass du mit ihm eine Scene spieltest, als das abscheuliche Ding, die Auguste, ihn in unsern Zimmern wie rasend anfiel?
Pauline schwieg eine Weile und stützte das Haupt auf.
Ich hatte mein Alter vergessen! sagte sie seufzend. Sonst, wenn ich entdeckte, dass meine Freunde treulos waren und nicht Farbe hielten, hob ich Dolche empor. Wo sind diese zeiten hin!
Heinrichson ist doch aufmerksam und weiss, was du ihm bist und wie du ihm nützest. Aber mit ihm zu boudiren ...
Um eine Leda!
Du hast es nun! Er nahm die Scene für Affectation und kommt seltener. Diese Männer wie Heinrichson fürchten sich vor Scenen.
Doch ist er ja wärmer, zärtlicher, als sonst ...
Franz ... hat ganz Recht –
Franz! Lässest du nie dies Spioniren, Charlotte! Franz sieht, was er merkt, was wir gesehen wünschen.
Die Visiten Heinrichson's bei der d'Azimont kann Keiner erfinden!
Verleumdung! Heinrichson arbeitet an ihren Erinnerungsblättern. Soll ich mich vor Helenen fürchten? Dann wäre Treue und Glauben aus der Welt gewichen. Schwelgt sie nicht in dem Entzücken ihrer endlichen Aussöhnung mit Egon! Sie lag heute weinend an meiner Brust! Diese Freudentränen! Dieser Herzensjubel! Die glückliche!
Ah! setzte sie nach einigen Augenblicken hinzu, ich will meine Tagebuch-Notizen machen.
Und ich den Speisezettel für Dienstag, ergänzte die Ludmer trocken und schüttelte den Kopf und behielt die Gedanken, von denen sie sah, dass sie keinen Anklang fänden, für sich.
Sonnabend den 20. September, sagte Pauline halblaut und schrieb seufzend Notizen auf, die sie teils wiederholte, teils nur flüsternd für sich hinsprach ... Elf Uhr ... Besuch Helenen's. Glücklich und entzückt ... Rückfahrt von Solitüde ... Überraschung ... Dunkelheit ... Kindliche Hingebung ...
Die Ludmer sprach aber auch gern etwas laut, wenn sie dachte, und schrieb nachdenklich, als wenn ein Feldherr seinen Operationsplan gegen einen gerüsteten und kriegskundigen Gegner