! So reich! So niedrig! So gross! So schwach! So stark! So kindlich! So weise! So offen, so rätselhaft! Wie gelähmt vor Schreck stand sie und betrachtete das funkelnde Geschmeide ... wünschte aber die Nacht herbei, um es dem wunderbaren Nachbar zurückzugeben.
Funfzehntes Capitel
Eine Hexenküche
Der Vorfall zwischen den königlichen Herrschaften und dem Fürsten Egon von Hohenberg auf Schloss Solitüde hatte allgemeines aufsehen erregt. Alle Welt sprach von der rührenden Scene, dem Choral und den Tränen der Königin ... Drommeldei hatte eine Anekdote gewonnen, die mit seinem Wagen die Runde bei all den vornehmen Herrschaften machte, die in chronischen Fällen homöopatische, in acuten allopatische Behandlung verlangten ... Die Trompetta war dem Vorfalle so nahe gewesen, dass sich diese Nähe bald im mund der Wiedererzähler in wirkliche Anwesenheit verwandelte. Hatte sie doch Ursache, vom hof eine Entscheidung über ihr Getsemane zu erwarten! Warum sollte sie nicht dabei gewesen sein, als jene zarte Überraschung eines Sohnes mit den Andenken seiner Mutter vorfiel? Sie gab dem Solitüder Vorfalle erst die mystische Abrundung und Beleuchtung, denn sie war es, die bei ihrer grossen Beweglichkeit Hunderte von Urteilen darüber hörte und diese Urteile in Tatsachen verwandeln konnte. Man pries das Herz des Monarchen, man bewunderte den Takt seiner Gemahlin. Man stritt darüber, welchem Gefühle die Scene am wohltuendsten müsse gewesen sein, und kam darin überein, dass die junge Fürstin wohl die reinste Freude dabei genossen hätte; denn sie war es, sagte man mit der eigentümlichen Sentimentalität jener Regionen, die den König glücklich sah! Lauschte man doch von allen Seiten in des Königs Umgebung auf Momente, wo eine innere Freude aus seinem durch die Zeitverhältnisse eingeschüchterten Gemüte drang! Der König hat gelacht! Ein solches Wort flog oft mit Blitzesschnelle bei einer Cour durch den Mund von hundert Menschen und die "kleinen Cirkel" endeten dann noch einmal so gut; denn die Hoffnung auf eine Lösung der Wirren, die die Krone bedrohten, schimmerte dann doch etwas leuchtender. Man hoffte dann wieder auf energische Befreiung von einem Ministerium, das die Not des Augenblicks dem Regentenhause aufgedrängt hatte. Es war aus entschieden lästigen Bestandteilen, aus Kaufleuten, Fabrikanten und ähnlichen "Emporkömmlingen" zusammengesetzt. Einige renitente Beamte, besonders aus der Richtersphäre, hatten die Verwirrung, die in den höchsten Kreisen herrschte, nur noch vermehrt. Das Vertrauen auf die alte unbedingte Hingebung der Bureaukratie war auch schon bei hof untergraben. Man sah sich da wie auf dem stürmenden Meer nach einem rettenden Ufer, einem Leuchtturm, einem Lootsen um. Das Drängen um die Ehre des Steuerruders war so gross, dass Keiner es besonders kräftig erfassen konnte. Eine allgemeine Ratlosigkeit lähmte den ganzen Staatsorganismus, der neue Formen sich aneignen sollte und noch nicht die Seele für diese Formen hatte. Der bevorstehende Landtag, weit entfernt, einen Halt, eine rettende Planke für die Schiffbrüchigen zu bieten, war voraussichtlich nur die Veranlassung neuer Verwirrungen, neuer Stürme. Man konnte schon jetzt mit Bestimmteit prophezeien, dass sich das so notwendig sich dünkende Ministerium ihm gegenüber nicht würde behaupten können. Und zu militairischem Druck, zu Gewaltmassregeln allein, schämte man sich, jetzt schon zu greifen. Man wollte doch so gern den Schein der Gedankenfreiheit behaupten und manche idee verwirklicht sehen, die ohne Unterstützung der Überzeugungen keine Dauer versprach.
Niemand war von allen diesen Wirren mehr ergriffen als eine vornehme Dame, die wir zwei Tage nach dem im Vorangehenden geschilderten Septemberdonnerstage am Samstag Abend bei trübem und regnerischem Wetter schon um sechs Uhr Abends auf ihrem gelben Sopha bei gedämpfter Beleuchtung einer grossen Lampe ausgestreckt, die Füsse mit einem Shawl belegt und melancholisch genug erblicken.
Pauline von Harder befand sich in ihrem ostensiblen Boudoir, dem uns bereits bekannten Zimmer Gelb in Blau. Sie schlug die arme zusammen und sah auf eine Schreibmappe nieder, die mit einer Feder auf ihrem Schoosse lag. Das Dintenfass war in der Schreibmappe selbst angebracht.
Eine andere Dame, die alte Ludmer, breitete ihr den Shawl auf den Füssen auseinander, damit sie sich des Frostes erwehrte, der sie bei dem trüben und plötzlich sehr herbstlichen Wetter überschauerte. Auch die Ludmer hatte eine Art Schreibanstalt vor sich an dem runden Tische von Mahagony. Auf einem Blättchen notirte sie mit einem Bleistifte.
Wie kalt es ist ... Es ist sechs Uhr und schon finster! seufzte die Geheimrätin.
Der Herbst kommt dies Jahr so früh ... schnarrte die alte Gesellschafterin.
Der Sommer war zu schön und wie wenig hab' ich ihn genossen.
Die Ludmer antwortete mit einer aufrichtigst zustimmenden Geberde.
Ein Bedienter trat eben ein und liess die Vorhänge nieder. Es war Franz.
Bei den Wäsämskoi's drüben auch schon Licht? sagte Pauline.
Stichdunkel! antwortete Franz.
Hat der alte Herr von drüben wieder unser Haus so oft angeglotzt? fragte die Ludmer.
Franz antwortete:
heute früh ging er wohl zehnmal vorüber und schien Lust zu haben, zu klingeln. Immer besann er sich wieder und wandte sich dann nach der Stadt ...
Sollt' er die kühle Visite der Fürstin gut machen wollen? fragte die Geheimrätin.
Was? sagte die Ludmer, die vielleicht jemand Anders im Sinne hatte. Ach, du meinst den alten Hauslehrer?
Franz wusste darauf keine Antwort und ging mit der Bemerkung, der Alte heisse Rudhard, aus dem Zimmer.
Die Ludmer begann jetzt zu plaudern, zu berichten, zu unterhalten. Sie erzählte von dem jungen Maler, der fast den ganzen