Hand und zog sie empor. Sie liess willenlos Alles geschehen, was er mit ihr begann. Er ergriff die Binde wieder, reinigte sie vom Staub und legte sie ruhig über seine Stirn. Dann sagte er:
Wann kommt Mangold?
Heute Abend, aber spät! Er isst immer erst irgendwo zu Nacht ...
In diesem Gebete und der Übereinstimmung mit Murray's Worten hatte sich die ganze sehnsucht offenbart, dass Mangold sie von ihrem jetzigen stand erlösen und an seine reine Brust ziehen möchte.
Du wohnst noch in der Königsstrasse? sagte Murray.
Neben dem Café Richter ...
So komm' ich heute, wenn Mangold kommt ...
Auguste stand ermutigter und gestärkter von diesen Worten, dieser Aussicht auf Trost und Beistand und guten Einfluss auf jenen edlen von dem Sessel, auf den sie nach dem Gebete gesunken war, auf, zog ihren Shawl über, trocknete ihre Tränen und suchte ihr feuchtes Taschentuch zu verbergen ...
Sie wollte gehen, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
Murray rief sie aber in der Tür noch zurück.
Auguste, sagte er, ich habe Vertrauen! Glück bessert Torheit, Glück bestärkt die guten Vorsätze! Man muss nicht Alles vom Unglück erwarten. Das Unglück verhärtet, verbittert uns. Du bedarfst nun Glück! Du musst nun nicht darben! Du hast Schulden! Da! Nimm!
Damit hatte er die Schublade aufgezogen und reichte Augusten nach kurzem Suchen ein Papier hin ...
Es war eine Banknote von funfzig Talern ...
Auguste gab ihm aber das Papier zurück, schüttelte schweigend den notdürftig geordneten Kopf und wollte fort. Ihre Augen waren nicht zu dämmen. Es flossen die einmal geöffneten Schleusen des Herzens über. Sie bedurfte der Luft ... sie musste für sich weinen können. Nur weinen ... Nur fort!
Murray drängte ihr nun fast das Papier auf. Sie nahm es aber nicht, sondern ging. An der Treppe blieb sie stehen und wandte sich nur noch, um die tonlosen, erstickten und heiseren Worte zu sprechen:
Unten der Mullrich ... der Wirtin ... schuld' ich vier Taler. Sie lässt mich vielleicht nicht durch ... wenn ich durch die Haustür will ...
Murray gab ihr diese vier Taler ...
Auguste nahm sie, wickelte sie in ihr Tuch und ging ohne aufzublicken, ohne ein weiteres Wort des Abschiedes, ohne eine Phrase, ohne einen Seufzer, still und tiefbewegt von dannen. Sie hatte keine stimme, kein äusseres Leben mehr. Sie ging wie geisterhaft, wie ihrer selbst nicht bewusst ...
Murray kannte diesen Zustand und nannte ihn für sich ... den des gebrochenen Rohres.
Der Auftritt hatte auch ihn erschöpft. Auch er bedurfte frischer Luft zur Stärkung. Es war zu eng um ihn, zu dumpf. Er wollte aus; es dürstete ihn. Er sah nach dem Kruge ... er trank ... das wasser war matt ... Er gedachte des Anerbietens seiner freundlichen Wirtin. Er ging an die Verbindungstür der Küche und klopfte ... Louise Eisold wurde hörbar.
Dürft' ich Sie bitten ... sagte er.
Sogleich! war die Antwort und Louise kam über die Galerie an seine offne Tür.
Was wünschen Sie, Herr Murray? fragte sie.
Dürft' ich Sie bitten ... Haben Sie in Ihrer Küche frisches wasser?
Gewiss! sagte sie und sah nach dem Kruge. Aber das wasser war auch da matt geworden.
Ein Gewitter liegt in der Luft, bemerkte sie. Ich hol' Ihnen frisches ...
Nein, nein, Mademoiselle!
Warum nicht! sagte sie.
Damit ergriff Louise Eisold den Krug und ging, so gefällig sie angezogen war, selbst hinunter, um im ersten hof wasser zu holen.
Murray lehnte sich und sah über die Galerie und beobachtete das Wetter. Er kehrte in sein Zimmer zurück.
Er nahm einen alten Regenschirm, setzte den Hut auf, schloss die Tür und zog auf der Galerie alte hellgrüne, waschlederne grosse Handschuhe an.
In Gedanken versunken ging ihm dies Alles langsam. Er hatte den linken Handschuh an und wollte eben den rechten anziehen, als Louise mit dem Kruge schon wieder da war. Sie nahm ein Glas aus ihrer Küche, schwenkte es und schenkte es aus dem Kruge voll.
Wie Murray so dies freundliche Walten eines gewissensreinen, unbescholtenen Mädchens sah, wie sie ihm das Glas hinhielt, das reine und klare krystallhelle wasser im reinen klaren krystallhellen Glase von reiner unbescholtener Hand, dargereicht mit klarem Auge und sittlichem Ernst, da sagte er, als er getrunken und sich gestärkt hatte:
Glücklich, wer ein Gewissen hat, das sich nur manchmal so trübt wie ein eben am Brunnen gefülltes Glas, das von den tausend Tropfen krystallreinen Wassers beschlagen wird!
Damit gab er Louisen, deren traurige Trübe bei aller Reinheit diesem Bilde entsprach, das Glas. Sie stellte den Krug zur Erde und wollte ihm das Geleite bis an die Treppe geben ... Wie er nun hinunterstieg und fort war und sie in ihr Zimmer zurückkehrte, hörte Louise im Glase, das sie wegstellen wollte, einen sonderbaren Klang. Der prächtige Ring von Gold und Edelsteinen, den Murray am Finger gehabt hatte, lag auf dem Boden des Glases.
Seltsam! dachte sie in längeren Pausen. Hat er ihn vergessen? Oder soll Das ein Geschenk sein? Wer ist dieser Mann? So arm