1850_Gutzkow_030_467.txt

! stöhnte Auguste, aber doch schon gedemütigt von der mächtigen geistigen Gewalt des Alten und auf die Erde sinkend.

Falte die hände! Bete mir im geist nach, was ich laut sprechen werde! Bete! Bete! Auguste!

Auguste liess das Haupt sinken, hielt die hände, die auf ihren Schooss wie ohnmächtig und leblos niederglitten, so zusammen, wie sie Murray ihr gefaltet hatte und hob die bebenden Lippen, indem ihre Augen starr und wie irr an den Augen Murray's hingen.

Murray sprach:

Nicht zu dir, Herr des himmels, rede' ich! Denn ich kenne dich nicht und meine Augen sind trübe. Zu mir selbst will ich sprechen! Zu meinem eigenen, eigensten inneren geist! In mich selbst will ich blicken, in mein innerstes Herz. Der Gott, der mich geschaffen hat, wird mir zur Seite stehen und mir deuten, was ich jetzt sehe, jetzt fühle. Ich fühle mich elend und ich sagt' es mir nicht! Ich fühle mich in tiefster jammervollster Trostlosigkeit und ich lachte Derer, die mir Erquickung boten. Wer bin ich, Allmächtiger! Ein Haufen Erde, in dem die Würmer wühlen werden, wenn meine Stunde gekommen ist. Ich bin Staub, Asche ... Ein Todtenkopf sieht mich einst an, wenn ich in den Spiegel blicke, und die Lippen, die einst so frevelten, spöttelten, sagen mir jetzt schon: Das ist einst dein Bild! Ach, gibt es eine Schönheit, die unvergänglicher wäre als die eines reinen Herzens? Das fühl' ich doch, wie ein Kind so lieblich und gehorsam in seiner spielenden Welt lebt, die Freude der Menschen ist, auch Derer, denen es nicht gehört und die es nur sehen, nur wie fremd beobachten! Wie schmückt Jeden unter uns die Zier einer friedfertigen kindlichen Gesinnung! Wie schön steht uns zu dulden und nicht zu murren wider das Geschick! Der Himmel hat mir nie lächeln wollen. Ich weine d'rob! Ich armes Kind, das ich unter Unglücklichen und Bösen aufwuchs, die Ältern nicht kannte und mit ihnen nichts vom Jugendglück. Aber prüfe dich recht, mein Herz! Nahmst du nicht jedes deiner Misgeschicke für eine Entschuldigung deiner Fehler? Sagtest du dir nicht: Wie kann ich auf die Zufriedenheit mit mir selbst bedacht sein, hab' ich doch keine Freude, als die flüchtige der Selbstvergessenheit? Ach, es wird die Stunde kommen, Auguste, wo du an deinem Ohre die Worte hören wirst: Wie war sie schön und wie verblühte sie nun! Du wirst hören, dass man Andre preist und Die, die du am meisten verachtetest, weil du ihre Seele kanntest, die werden sich vor dir brüsten und sich rühmen, dass an ihren Blättern der welkende Herbst erst um einige Tage später erscheint! Ach, dann werde' ich nach ewiger Schönheit suchen und sie nirgend finden, als in Bescheidenheit und treuer Liebe. Treue Liebe! Du süssestes Kleinod des edlen Frauenherzens! Treue Liebe! Du Schmuck der Armen, Du, der einzige Stolz der Geliebten, wie das Kind, selbst ein schwaches und unschönes, doch der beste Schmuck seiner Mutter ist! Treue Liebe! Wer bringt mir deinen Hauch, dass ich ihn in meine Seele ziehe, wie einen Duft der Opfer, die dem Herrn angenehm sind, dass ich ihn wieder ausströme in ein Herz, das noch Hoffnung zu mir fassen kann! Ach, dass der Gute, Edle, Vergebende sein sanftes Auge auf mir ruhen liesse! Dass ich die letzten gesammelten Reste meiner bessern natur, die ich doch aus mancher stillen Abendstunde kenne, dem schon früh Geliebten bieten dürfte wie die arme Witwe ihr Erspartes mit der Ärmeren teilt! Weiche nun von mir jede Verstellung! Ich will mein Auge niederschlagen auf der Strasse, ich will Dem, der mich frägt, was mir fehle, sagen: Ich bin krank! Ich will Schmach erleiden, will noch einmal, zum letzten male versuchen, ob eine gütige Hand mich aus diesem Dunkel führt. Und wär' es nichtwäre auf meiner Stirn das Zeichen vergangener Irrtümer zu tief eingebrannt, nimmt er mich nicht hinüber in die Luft, die läutert, an die Quelle, die reinigt ... auch dann, auch dann, Herr des himmels, soll mich nicht die Verzweiflung fassen, sondern nur ... und nur die Reue. Ich will, mein Gott, in mich sehen, will den Trost der Menschen suchen, die mit mir beten und die ein gleiches Bedürfniss trieb, mit seinem eigensten Herzen zu sprechen und auf die ernsten fragen der Seele mit Ernst zu antworten. Dies Beten hört ja nur Gott. Der spottet deiner nicht. Der weint mit dir, der freut sich mit dir! Der ist dein Widerhall! Und hörst du den Widerhall, der aus deinem Herzen tönt, dies stille trösten und diese Ruhe gern, dann ist's Der Gott, der in dir wohnt. Dann ist er dir nahe! Glaube ihm! Vertraue ihm! Hoffe auf ihn! Von nun an in Ewigkeit und die Zeit deines vielleicht nur kurzen Lebens noch! Amen!

Wie Murray dies Gebet geendet hatte, ergoss sich Auguste in einen Strom der bittersten Tränen. Sie, die seit lange nur noch vor Ungeduld geweint hatte, weinte vor Reue und dem Gedanken an ihre tiefste Hoffnungslosigkeit.

Murray, der mit gefaltenen Händen vor ihr gestanden hatte, griff nun tröstend nach ihrer