Vergebung kam?
Die Vergebung!
Auguste! Und Dies zerreisst nicht dein Herz im innersten Busen? Du sankest nicht auf deine Knie und strecktest die Hand zum Allmächtigen empor, der seine Himmel öffnet und schon wieder einen Strahl seiner Gnade zu dir herabsendet? Er vergab dir? Der edle Mann, der nahe seinem funfzigsten Jahre noch auf Liebe und Unschuld hoffte? ...
Ach, Papa, sagte Auguste in der Tat schmerzzerrissen. Was soll ich nun tun! Das Eine vergab er mir, aber das Andre ... ach, es ist so Vieles!
Erzähle mir, warum er dir vergab und ich sage dir, ob ein Engel des himmels auch über das Andre hinwegkommt! Warum vergab er dir, dass du eine Gefallene warst, Mutter von einem kind?
Weil Buchau weit und einsam wäre, sagte Auguste und kein Mensch dortin käme als nur zuweilen der König und die Königin, wenn ihnen die Krone zu schwer würde ... und unter den alten Eichen, wo der Mensch ganz allein sich selber gehörte und nur vor Gott Rechenschaft abzulegen hätte, da vergässe man Vieles und an rechter Stelle nähme sich jeder Baum, auch wenn er schief und krumm gewachsen wäre, angenehm aus, ja an Teichen hätte man es ja gern, wenn die Trauerweiden, die mit ihren langen Hängezweigen hineinlangen, ein bischen gebeugt stünden, und dabei gab er mir die Hand und sagte: Er hätte mich wirklich auch schon als Kind lieb gehabt!
Murray schwieg eine Weile gerührt, dann erklärte er:
Der Teich ist die Busse und die Weiden sind die Reue ... O mein Kind, ich flehe, lache nun nicht mehr! Spotte die Regungen eines bessern Gefühles nicht aus deiner Seele hinweg! Wie ging es denn mir, da dein Vater mich dem Leben zurückgab? Ich trotzte nicht mehr, ich erkannte eine höhere Allmacht und fühlte die starke Himmelshand sichtbar, als wir auf dem Meere von den Stürmen gepeitscht, in den Wellen hin- und hergeschleudert wurden. Ich war noch verstockt, als ich in Hamburg das Schiff bestieg, verstockt, als ich Land sah, die Dünen der Schelde und des Rheins; aber draussen im grossen Ocean wurde' ich demütig und was ich in einem Sturme gelobte, wo eine einzige Welle von dem Schiff fünfzehn Menschen neben mir fortspülte in den Abgrund, Das hab' ich gehalten, habe gearbeitet, gebetet und auf mich selbst gelauscht. Ich bin kein Frömmler. Aber wenn es mir schlecht ging in Amerika, nahm ich zwölf Bibeln von einem Buchbinder, gab meine letzten Kleider auf einen Tag bei ihm dafür zum Versatz und ging mit meinen zwölf Bibeln in die Häuser. Wo eine Dienstmagd am Brunnen wusch, stellte ich mich zu ihr und bot ihr das Buch der Bücher zum Verkauf. Kein Mensch ist so arm, dass er nicht das erste Ersparniss anwendete, sich eine Bibel zu kaufen. In einem Vormittage schon hatte ich bei den Ärmsten zwölf Bibeln verkauft und mit Vorteil; ich brachte das Geld, bekam meine Kleider und konnte am Nachmittag noch neue zwölf absetzen. Ich machte aber kein Geschäft daraus. Nur immer wenn ich ganz darbte, wenn nichts mir übrig blieb, als betteln zu müssen, dann half ich mir mit den zwölf Bibeln. O, mein Kind, ich frömmle nicht; ich bin nur ein Mensch, der da fühlt, dass er die Welt nicht hat erschaffen können. Wer Das sich sagt, Dem hilft die grosse Hand, die mit dem Erdball wie mit einem Kreisel spielt! Mädchen, halte sie fest, diese ersten Schauer innerer Einkehr! Wenn sich ein edles Herz fände, das dich erlöste ...
Auguste schien zwar erschüttert, zuckte aber doch schon wieder spöttisch mit den Lippen.
Mädchen, rief Murray erregt. Trotze nicht ewig so gegen dich selbst!
Auguste wollte nun aufstehen.
Nein, Auguste, du bleibst! Hörst meinen Worten! Verflüchtigst die bessere Regung nicht! Gib diesem Hämmern in dir, diesem klopfen deines Gewissens Gehör!
Auguste versuchte aber zu trällern und wollte nun fort.
Nieder! rief jetzt Murray und warf die Binde auf die Stirn.
Herr Gott, was willst du, Papa, antwortete das zitternde Mädchen, das gleichsam nur sich selbst entfliehen wollte.
Auguste erschrak vor Murray, fürchtete sich nun fast vor ihm. Er hatte ihre beiden hände ergriffen. Er drückte sie mit Gewalt auf den Stuhl. Sie, von Furcht gepackt, fast zitternd vor Angst, fast auch über sich selbst, drängte von ihm loszukommen. Er bat, er flehte, sie sollte jetzt eingestehen, dass sie elend, eine Verworfene, eine Sünderin wäre. Sie stiess ihn zurück. Da warf er die Binde ganz von seinen Augen. Flammend und gross brannten zwei mächtige Augenkerzen auf sie nieder. Sie hätte schreien mögen.
Lass mich! flehte sie und wollte fort. Den Hut hatte sie schon in der Hand ...
Murray aber schleuderte den Hut und den schwarzen Flor, den er vorm Auge trug, von sich und rief:
Nieder, Auguste! Nieder! wiederholte Murray und schlug seine beiden Augen so voll und so hell auf, dass sie wie zwei Flammen in der Nacht leuchteten.
Was hast du? Was sollen meine hände? Was tust du?
Falte die hände! rief Murray fast wie ein Tierbändiger in einem Käfig einen Panter ergreifen und auf die Erde schmettern würde.
Du zerbrichst sie ... Lass! Lass