Gedanken war ich längst gefallen. Seit ich an die Maler dachte, die ihre Bilder nach wirklichen Menschen malen, war mir's am hellen Tage, wo ich ging und stand, als hätt' ich keine Kleider mehr an. Ich wurde rot und wusste nicht worüber. Ich bedeckte mich bis zum Hals und kam mir vor, als müsst' ich mich schämen. Ich sah mich immer, wie mir Heinrichson einmal zugeflüstert hatte, wie er mich so wunderschön malen wolle. Was soll ich sagen? Ich gab ihm doch erst meine Liebe und dann erst meine Scham und Tugend ... Ach, Alter, Das ist ein Teufel!
Er wollte nur deine Schönheit, war herzlos, nachdem er sie gewonnen hatte?
Alter, dem Heinrichson, so toll ich ihn liebte, dem hätt' ich später manchmal das Herz aus der Brust reissen mögen; aber er hat kein Herz! Er nahm mich vom Professor weg, mietete mir eine wohnung, besuchte mich täglich, zeichnete, malte mich ...
Nicht allein, Auguste? Es kamen Freunde mit ihm ... ihr schwärmtet, ihr tranket ...
Ja! Ja! Murray! Aber das Kind war von ihm ...
Welches Kind? fragte Murray erschrocken.
Es ist tot, sagte Auguste dumpf. Es starb zu rechter Zeit. Als Heinrichson von mir eine Mappe voll Zeichnungen und ich von ihm das Kind unter'm Herzen hatte, verliess er mich ... nein, Murray, ich war nicht untreu. Er, er schickte nur die Freunde, die mich zeichnen sollten! Er wollte, dass ich Allen gehörte, gemeinsam war ... wie ein Soldat, ein Kunstreiter, ein Trödler mit einem langen Bart, wo sie zusammenschiessen und Jeder für seinen Taler ihm ein Stück vom leib abzeichnet. Als ich aber das Kind trug, Alter, so nützte ich Keinem ... Ha, ha, da war ich die Venus nicht mehr, um die sie einen roten Purpurmantel schlugen und als ich Mutter war ... hiess es ... meine Schönheit hätte den Rest gekriegt ...
Auguste schluchzte ... Ihre Erzählung erstickte ihre Tränen.
Murray schonte ihren Kummer, so sehr er sich auch nur auf das Gefühl der verletzten Eitelkeit zu stützen schien.
Das Kind starb ... sagte er weich und teilnehmend.
Ha, rief Auguste, aber die Mutter wollte leben, leben, aus Rache um diesen Vater leben! Sie lebte auf! Sie fluchte dem Elenden, der gesagt hatte: Deine Formen nehmen ab! Er nur hatte' es gesagt, weil er zu viel Andere lieben musste und sich nicht teilen konnte. Er nur, der heute bei einer Vornehmen, morgen bei einem Bürgermädchen ein Rendezvous hatte! Der Elende! Sein Kind war tot, aber die Mutter lebte!
Lebte! rief Murray. Nennst du Das Leben, dass du nun einen geistigen Tod starbst? Nennst du Das im Sonnenstrahl aufblühen, dass du nun ein Kind der Nacht wurdest? Den Sonnenstrahl fliehst du, wie er dich auch aufsuchen möge, um dir in's Antlitz zu leuchten und dich an Besinnung und Umkehr zu mahnen! Kehre um, Auguste! Noch stehst du nicht so tief auf der Leiter, die hinunter in den Abgrund führt, dass es sich nicht noch lohnen sollte, wenn du deine letzte sittliche Kraft zusammennähmest und wieder aufwärts stiegest!
Auguste schwieg. Der Gedanke an ihr Kind, an den Anfang ihrer Irrgänge, an Heinrichson hatte sie zu heftig erschüttert. Sie stiess sich den alten Tisch, der in ihrer Nähe stand, mit dem fuss heran und stützte den Kopf auf, dessen zierlicher, wie zur Festesfreude aufgebundener Haarschmuck in einem seltsamen Abstich war gegen ihre plötzlich leidenden und schlaffen Züge ...
Nach einer Weile fuhr sie fort:
Papa, höre, ob sich vielleicht noch etwas aus mir machen lässt!
Sprich, Auguste! antwortete Murray voll aufmerkender Teilnahme ...
Die Tante hat in meinem Elend nichts mehr für mich getan, sagte Auguste. Wie oft fleht' ich sie fast fussfällig an, mich aus dem Jammer herauszureissen! Sie verbot mir, das glänzende Haus des Geheimrates zu besuchen, ja sie untersagte mir, mich ferner nur ihre Verwandtschaft zu nennen. Der Geiz, der sie brennt und aufzehrt –
Ist sie so geizig, die Ludmer?
Geizig wie du! sagte Auguste ...
Murray lächelte.
Der Geiz und die Sparsamkeit für den Oberkommissair Pax, den sie ihren Vetter nennt – als wenn der mein Bruder wäre! – machte, dass sie mir jede Unterstützung entzog. Heinrichson mocht' ich nicht bitten; den hasste ich. So führte mich das Elend soweit, als du mich angetroffen hast. Die Tante drohte schon oft, mich gewaltsam von hier wegbringen zu lassen ...
Ist sie so tugendhaft die Ludmer ...
Haha! Wenn sie wie ihre herrschaft ist!
Wie Pauline?
Heisst die Pauline?
Die Geheimrätin von Harder ...
Die ist alt und hässlich und nimmt doch noch auf, was ich wegwerfe ...
Was du wegwirfst?
Vor Eurer Ankunft, Papa, war mein Elend am höchsten gestiegen. Ich wollte fort, nachdem ich die Tante so auf's Blut gereizt hatte, dass sie in ihrem Zorn ein Bund Schlüssel nach mir warf, die mir fast das Auge ausschlugen.
Sie ist wild!
Da kamst du,