sagte Murray, und sein Auge leuchtete mild und voll Hoffnung.
Wie mein Vater starb, erzählte Auguste, und bald nach ihm, wie wir von der Festung hierherzogen, meine Mutter, war ich eine Waise von etwa sechs Jahren. Die Leute, die mich weinen sahen, erkundigten sich nach meinen Angehörigen und sie erfuhren denn, dass ich eine Tante hatte, die Schwester meines Vaters, der seinen Dienst der Gnade verdankte, dass diese stolze, vornehm gewordene person sich einmal seiner erinnerte. Es war die einzige gewesen. Später aber kam eine Zeit, wo sie besonders wieder freundlich und zutunlich sein sollte ...
Die Zeit meiner Gefangenschaft ...
Dann zog sie aber wieder ihre Hand zurück ...
Die Zeit meiner Flucht!
Hier, als ich Vater und Mutter verloren hatte, sträubte sie sich mit Gewalt dagegen, etwas für mich zu tun. Ein altes Kleid gab sie zuweilen her, das für mich verschnitten wurde. Eine halbe Bettlerin bekam mich in Obhut und Pflege und erhielt dafür nicht mehr als ein Almosen.
Wie hiess diese Frau?
Ah, wir nannten sie nur die alte Lene. Sie ging bei der reichen Frau von Harder ab und zu, bettelte, trödelte.
Murray schien auf einen Namen gewartet zu haben, der offenbar nicht mit der alten Lene übereinstimmte.
Auguste fuhr fort:
Der Lene gaben sie mich mit wie einen alten ausgetretenen Schuh. Sie sollte sehen, was aus mir noch zurechtzuflicken war. Wenn ich klagte, dass ich hungerte, wenn ich zur Tante lief und weinte, tröstete sie mich, sie würde mich noch einmal an einen schönen Ort schicken, in einen grünen Wald, zu einem Förster und einer andern Tante, die sie immer ... o wie nannte sie sie?
Ursula? rief Murray und legte die Binde höher auf die Stirn.
Ursula Marzahn! sagte Auguste selbst erstaunt, dass ihr der Name einfiel.
Ursula Marzahn? Und du kamst dortin? In den Wald? In welchen Wald?
Was weiss ich! Welcher Wald! ... Der Mann der Ursula starb, sie sollte wieder heiraten und der Mann, den sie wollte, mochte sie nicht ...
Sie musste damals schon den Funfzigen nahe sein.
Ich kenne sie nicht.
Du kennst sie nicht ... Nun ... Fahre fort!
Ich will in das Jägerhaus, sagt' ich oft, wenn die alte Lene mich geschlagen hatte und zum Betteln zwang. Die Tante gab mir dann wohl einen Groschen, liess mich aber wieder laufen und sorgte nicht für mich. Einstmals, als man mich aufgegriffen hatte, weil ich, als nun schon zwölfjähriges Kind, mit Schwefelhölzern hausiren ging und Auskunft über Die geben sollte, für die ich auf den Strassen und in den Häusern so zudringlich bettelte und die alte Lene genannt hatte, wurde diese festgesetzt. Sie hatte eine förmliche Gesellschaft von Kindern abgerichtet, die alle für ihre Rechnung Schwefelhölzer, Band oder Blumen verkaufen mussten. Jeden Abend um neun Uhr kamen die Kinder in ihre einsame Lehmhütte vor'm Tore, fast im feld, wo sie wohnte, brachten ihr das eingenommene Geld, empfingen einen kleinen Anteil und bekamen neue Waare. Wer des tages nichts eingenommen hatte, bekam keine Vorräte mehr. Wer Geld unterschlagen hatte, wurde von ihr mit einem Besen gestäupt und jämmerlich geschlagen. Sie wohnte so einsam, dass die Nachbarn das Geschrei nicht hören konnten, wenn wir oft wohl an zwanzig Kinder, die da- und dortin gehörten, mit unseren Körben standen und ihr beim Scheine einer alten Laterne Nachts im Lehmhofe unsre Pfennige vorzählten. Wie zitterten wir vor der Alten, wenn unsere Ernte nicht reich war, oder wir uns hatten beigehen lassen, etwas zu naschen! Sie wurde aber nun eingesteckt, die Kinder, die sie misbraucht hatte, wurden der schärfern Sorgfalt ihrer Angehörigen, wenn sich welche finden liessen, anempfohlen; ich der Tante Ludmer. Diese vor Zorn, dass ich ihr ein polizeiliches Gerede gemacht hatte, schickte mich, da der Herr von Harder Geheimrat und Aufseher aller königlichen Gärten geworden war, nach Solitüde, wo ich beim Gärtner arbeiten sollte. Eine Zeitlang gefiel mir's da recht wohl. Ich bekam doch zu essen! Ich wurde grösser, stärker und entwikkelte mich. Vom Lernen war keine Rede und Gott sei's geklagt, ich kann kaum meinen Namen schreiben, Alter!
Könnt' ich dir etwas von meiner schönen Handschrift abgeben! sagte Murray und zeigte auf ein Papier, wo er Einiges notirt hatte, was Auguste nicht verstand, auch in ihrer Aufregung nicht erkannt hätte, wenn sie überhaupt lesen konnte.
Ja, sagte Auguste, du bist ein Tausendkünstler. Und gewiss hast du auch einmal deshalb sitzen sollen, weil du falsche Wechsel machtest? Was?
Etwas Ähnliches, mein Kind! sagte Murray ernst.
Bei dem Schlossgärtner, fuhr Auguste fort, blieb ich zwei Jahre. Er trieb auch Landwesen. Das gefiel mir Alles recht wohl. Ich kann es sagen, dass ich in ein solches Geschäft Lust und Geschick habe. Schon auf den Wald, von dem die Tante immer sprach, hatte' ich mich gefreut! Ich kannte das grüne Feld nur von den Schlägen her, die wir draussen in der Lehmhütte der alten Lene bekamen, Gärten nur von den zusammengemausten Blumen, die wir verkauften. An Solitüde denke' ich gern zurück. Ich war zwei Jahre draussen, freilich nur als gemeine