. Ich war gerettet, durch Gott, aber auch durch den Verstand, den Vorschub, die Güte deines Vaters. Er hatte meine arbeiten an der Nische wohl bemerkt, er hatte sie wohl verschwiegen; er hatte mich spitze Instrumente auf einzelnen Erholungsgängen finden lassen. Er hatte die Gefahr des Durchbruches überlegt. Deshalb der Kahn! Ich entfloh und konnte ihm nichts zurücklassen als die Gefahr der Strafe für ihn selbst. Ich schrieb ihm einige male von Amerika. Ich schickte Geld, erhielt aber nie eine Antwort. Wie wollt' ich ihm danken, jetzt nach meiner Rückkehr aus Amerika! Ich find' ihn tot, sein Weib tot, nur dich, sein Kind, find' ich wieder. Ich finde dich ohne Schutz, ohne Liebe, ohne Halt im Leben, gesunken, elend, Auguste ...
Murray schwieg. Die Hörerin schien gerührt. Doch diese Stimmung währte bei dem abgestumpften Gefühle des Mädchens nicht lange. Bald sagte sie:
So könntet Ihr mir die Mittel geben, bester Murray, dass es mir gut ging. Euer Geld ist nie angekommen.
Nein, Auguste! sagte schmerzbewegt der von seiner Erzählung mehr als Auguste erschütterte Alte; was sind Mittel? Vergängliche kleine Schutzwehren! Womit hätt' ich die Bresche in der Mauer stopfen sollen, dass der Strom mich nicht überflutete! Einen rettenden Kahn trieb der Abfluss der Woge heran. Den packt' ich mit diesen Händen, an dem krallt' ich mich ein und von ihm wurde' ich fortgetragen. Denkst du denn, dass ich in Amerika mich dadurch geändert habe, dass ich auf meinen alten Wegen blieb und mir nur vornahm, nicht glänzend leben zu wollen? O, nein! Die alten Wege mussten ganz und für immer vermieden werden. Eine ganz neue Bahn nur sichert vor den alten Irrwegen. Wer hat die Macht, nach seinem Willen gut zu sein? Wer kann sagen: Ich bekämpfe, zähme, fasse mich! Wenige nur. Nur Die Menschen können's, die schon gut sind und nur noch ganz weise werden wollen.
Aus Schwarz in Weiss übersetzen wir uns nicht! Und was ist Grau? Ein jämmerlich Mittelding!
Du glaubst, Murray, sagte Auguste, dass ich nicht mehr auf die Bälle gehe, nicht mehr Liebhaber annehme, nicht mehr Schulden mache und Champagner trinke, wenn ich mir drei Freudentage durch siebenundzwanzig Fastentage erkaufe?
Das glaube' ich ...
Du willst durch die drei Tage mich nur reizen, dass ich mir die andern gefallen lasse?
Das dachte' ich ...
Und diese drei Tage sollen die prächtigsten von der Welt sein?
Wie sie keine Tänzerin sich besser wünschen kann, Auguste ...
Auguste schwieg eine Weile und schien sich den Vorschlag Murray's, den sie schon oft erwogen hatte, ja sogar schon einmal eingegangen war und beim ersten Neuheitsreize fast durchgeführt hätte, noch einmal zu überlegen. Sie sah sich das Zimmer an, das Bett, den Wasserkrug ... dann aber schüttelte sie den Kopf und erklärte:
Bester, Das haben wir schon Alles gehabt! Hier in Nr. 17 dieses schändlichen Hauses wohnte ich ein paar Monate und wollte arbeiten ... es ging nicht. Ein Alter, hässlich wie du, aber verliebter, besuchte mich und belog mich mit einer Menge Verheissungen, die er nicht wahr machte. Da brannt' ich hier durch und wollte nach Hamburg. Dann kamst du. Ich hörte dir gern zu, wenn du von der Besserung sprachst, du klimpertest dabei in der tasche mit Geld und machtest mir Komplimente, wie ich sie nicht immer höre. Du wolltest meinem Vater dankbar sein. Der Vater ist früh gestorben, die Mutter nach ihm ... ich hörte dich gern von ihm erzählen und die Tante, die mich erziehen sollte, hasstest du, wie ich ... Da freut' ich mich, in ein Ohr, das geduldig zuhörte, mich recht austoben zu können. Ich ging auf deinen Vorschlag aus Zorn ein. Du weisst, wie er schon am Morgen des dritten Tages abgelaufen ist. Ich war erst wütend auf dich. Ich wollte abwarten, dass du mir deine Geschenke wiederschicktest; sie kamen nicht, du liessest mich einladen, hierherzuziehen und unsere Abrede auszuführen. Ich lachte dich aus. Da ist denn etwas gekommen, was mich ganz von dir abzog ... Ich war neulich bei der Tante ...
Auguste stockte. Murray horchte.
Bei der Ludmer? sagte Murray, und man sah ihm an, wie ihn dieser Name entflammte.
Das Mädchen fuhr fort:
Eines Tages, vor drei Wochen, war ich bei der Tante ...
Du sprachst zur Ludmer von mir, Auguste? Tatst du Das? rief Murray.
Ich spreche zu Niemanden etwas von Dingen, die mir als geheimnis anvertraut sind, sagte Auguste nicht ohne Stolz.
Was tatest du bei der Tante? forschte Murray sich beruhigend.
Die Maler-Guste schwieg einen Augenblick, dann fing sie leiser und fast lächelnd an:
Höre mir zu, Alter! Ich will dir jetzt auch eine geschichte erzählen. Es ist leicht möglich, dass du deine Absicht, meinen Ältern im grab eine Freude zu machen, indem du mich auf andere Wege führst, noch erreichst, aber hörst du, Alter, auf andere Art. Jetzt pass Acht!
Ich lerne gern. Ich weiss, Gott hat viele Wege, uns zu bessern. Sprich!