1850_Gutzkow_030_46.txt

, die leider zu sehr den Schwerpunkt unserer Zustände bilden! Sahen Sie nicht, wie scheinbar uneigennützig dieser Biedermann jeden Anspruch auf persönliche Auszeichnung vonsichwies und wie er doch seine Anforderungen an einen Volksvertreter gerade so nur stellte, dass sie auf ihn allein zutreffen mussten? So machten es Cäsar und Cromwell auch, als sie in Versuchung gerieten, sich krönen zu lassen, und nicht wussten, was ihnen grösser stehen würde, die Krone oder der Schein, sie ausgeschlagen zu haben! Wie schlau und fein durchschaute Schlurck diesen Tartüffe vom land, den deutschen patriotischen Ehrenmann, der nur das "Gute" will und doch den Untergang der Welt von dem Augenblick an datirt, wo man vor dem Zorn seiner zusammengezogenen Augenbrauen nicht in Ohnmacht sinkt!

Ja! Ja! Dieser Schlurck ist ein pfiffiger Spitzbube! sagte der Fremde mit nachdenklichem Ernst.

Und mir mit seinem politischen Nihilismus noch lieber als diese aalglatten Heuchler, diese doctrinair gewordenen Spiessbürger!

Auch der Nihilismus taugt nichts, sagte der Fremde, der sich immer gebildeter zeigte und Dankmarn überraschte. Aus nichts wird nichts. Ein Nihilist bringt ebenso die Welt in Verwirrung wie der phrasenhafte Egoist. Der Nihilist springt von Meinung zu Meinung, gehorcht Jedem, der gerade die Gewalt hat, und ist der rechte Widersacher, der Erzfeind aller guten Dinge. Wir leiden an keinem Übel so sehr, als an der Eitelkeit und an der Genusssucht. Die Genusssucht ist der eigentliche rote Faden der Revolution, der sich durch alle unsere Gesellschaftsschichten zieht. Die Genusssucht stürzt die Staaten im grund um, sie lockert das unterste Gebäude. Sie lehrt jenes Übermass im Siege bei allen Parteien. Paris! Paris! Das ist nicht der Heerd der Gedanken, sondern der Heerd der Genusssucht! Wissen Sie, was die ganze, die ganze Welt regiert? Der Cours der französischen Rente. Ich war in Frankreich. Der Franzose arbeitet bis in sein funfzigstes Jahr. Dann will er noch zwanzig Jahre geniessen. Er kauft sich Staatspapiere und lebt von ihren Zinsen. Um diese Zinsen auf hohem fuss zu erhalten, werden in Paris alle Heiligtümer des himmels und der Erde verraten. Ein plötzlicher Sturm kann den Rentenfuss herabdrücken, man wird soviel lügen, soviel verraten, soviel preisgeben von Dem, was vielleicht die Menschheit aus ihren Nöten hätte herausbringen können, bis wieder die alte trügerische Windstille da ist und zur Beglückung aller in Europa lebenden Gesellschaftsdrohnen, die vom toten Ertrage des Capitals leben, die Renten hinaufsteigen. Die französische Börse, die Vertreterin der lungernden, arbeitsmüden oder arbeitsscheuen Genusssucht, regiert die Welt. Die Capitalisten werden, dazu sind sie zu feig, sich einem grossen Sturm nicht mit Gewalt widersetzen, aber sie werden Alles aufbieten, allmälig wieder die Zügel in die Hand zu bekommen und der Politik eine solche Wendung zu geben, bis sie wieder auf ihrem Lebenstermometer, auf dem Courszettel das Quecksilber der Rente auf dem Grade sehen, wo es in den Tagen stand, wo ein Bankier auf dem Trone Frankreichs sass.

Fügen Sie aber noch Etwas hinzu, sagte Dankmar, ergriffen von der wahren Schilderung dieses gebildeten Mannes, der ihm plötzlich wie verklärt vor Augen stand .... Fügen Sie noch Eins hinzu! Das Unglück der Welt verschuldet Paris auch dadurch, dass das Princip der Genusssucht dort auch Die ergreift, die eine Zeitlang im Dienste der Ideen gestanden haben. Möchte man, wenn man sieht, wie dort die Dinge jetzt gehen, nicht glauben, alle diese tonangebenden Charaktere wären nur so lange ehrlich und heldenmütig, bis sie sich eine Stellung erobert haben und an der Quelle der Gewalt sitzen? Dann schöpfen sie diese Quelle rasch ab. Sie ahnen, dass ein Windstoss morgen sie wieder ins Nichts stürzen kann. Nun soll es im Fluge gehen, dass sie sich bereichern und dem steilen Felsen der Existenz einen californischen Goldklumpen fürs ganze Leben abgewinnen. Nun wird gelogen, betrogen, die alte Gesinnung Lügen gestraft. So kamen die Heerführer der Franzosen einst als Herolde einer neuen Zeit, und diese alten Republikaner waren nur beutesüchtige Genussmenschen, die für ihr Alter Vorräte sammeln wollten. So haben jetzt in Paris alte Demokraten conservative Bedenklichkeiten, ja sogar junge Wüstlinge, Spieler von Baden-Baden, die mit einem kindischen Napoleoniden in Strasburg und Boulogne eine Emeute versuchten, die durch Teatercoups lächerlich wurde, sprechen jetzt vom Jahrhundert, von der Mässigung, von der Philosophie des Bestehenden, von der Grenze der Freiheit. Nein! Die Genusssucht ist ihre wahre Philosophie. Ihre Maitressen sind die wahren Egerien dieser neuen, meist militairischen Numas in roten Hosen.

Der Wanderer in der blauen Blouse nickte beifällig. Dankmar ersah daraus, dass er auch feinere Anspielungen vollkommen verstand.

Welche Mittel gibt es aber dagegen? fragte der Wanderer, dem auch Dankmar zu gefallen schien.

Ich sinne täglich darüber nach. Wo soll man die Besserung suchen?

Ich finde sie in der Heiligung der Arbeit, sagte der Fremde nicht ohne Feierlichkeit; in der alleinigen Bekränzung Dessen, der sich beschäftigt und reelle Werte erzeugt. Es gibt zu viel Geistesarbeiter und zu wenig wahre Handarbeiter. Die Handarbeit muss in den Vordergrund aller unserer politischen Beziehungen treten, ihr müssen die grössten Belohnungen zufallen; denn nur durch die spartanische Erziehung der Menschen zur Arbeit kann sie von Grund aus gebessert werden. Ich bin kein Socialist. Ich werfe gerade den Communisten vor, dass sie die Arbeit viel zu sehr als eine Last, als einen Fluch hingestellt haben, als einen Jammer, der einmal die Menschen drücke und den man