hatte ein Verbrechen begangen, das nur aus dem Hochmute kam. Aber es gab Menschen, die meinen Tod wünschten. Menschen, die mich geliebt hatten, weil ich nicht immer so gebückt schlich, Auguste, wie jetzt. Menschen, die mich geliebt hatten, weil ich Geist, Talent, weltliche Liebenswürdigkeiten aller Art besass. Und da ich sie betrog – nein, was sag' ich – da sie sich selber betrogen hatten, hassten sie mich. Sie fürchteten meine Auferstehung von der Schande, meine Flucht, mein Ausbrechen aus dem gefängnis, und wollten sich diesen Augenblick in der Zukunft sichern. Sie befahlen – sie hatten die Mittel dazu – sie befahlen, dass man mir einen gewissen Kerker in Bielau anwies, der so ungesund, so durchgiftet und verpestet war, dass man in kurzer Zeit dahinsiechen, vom Faulfieber verzehrt werden musste. Neun Monate des Jahres stand in diesem Kerker das wasser eines schmuzigen Flusses und Jeder, der nur einige von diesen Monaten in ihm zugebracht hatte, war dahingestorben. Ich wurde auf rätselhaften mir aber erklärlichen Befehl gerade in dies Verliess geschleppt. Nach drei Wochen schon, wo ich auf einem verfaulten Strohlager ruhen sollte, wo ich es, um es vor der aus den Wänden sickernden Feuchtigkeit zu schützen, bald hier-, bald dahin breitete, verfiel ich in Krankheit. Man brachte mich in einen gesunderen Gewahrsam. Ich genas, ich hoffte auf Abführung in eine entfernte, gemeinsame Strafanstalt. Aber nein, wieder der Befehl, mich in jenes unterirdische Gemäuer zu bringen, dessen einzige trockene Stelle eine Nische in der felsendicken Wand war. Warum man mich nicht in der Strafanstalt arbeiten, mich nicht unter die übrigen Gefangenen dieser kleinen Festung mich mischen liess, war mir wohl begreiflich. Man wollte meinen Tod! Ich erzählte mein Leid deinem Vater, der Gefängnissschliesser war, und Schaudern ergriff ihn, als er wohl einsah, dass es Menschen gab, die einen Entehrten, aber Reuevollen, tödten wollten, und er kannte diese Menschen mehr als Andre! Er wusste, was sie im stand waren; er wusste, was sie ja von ihm selbst verlangten ... Hiess doch dein Vater Ludmer! War er doch der Verwandte ... Doch genug! Auguste! Dein Vater war besser als sein trauriges Amt. Er liess mir, ob aus Menschenliebe, ob aus Zorn, dass er Ludmer hiess und nur Gefangene hüten musste, weiss ich nicht, die Mittel, die Nische zu erweitern, zu durchbrechen, zu entfliehen. Er sah nicht, wollte nicht sehen, dass ich an meiner Befreiung in den Nächten arbeitete. Furchtbar stieg für mich die Gefahr. Denn der Kerker stand unter dem Spiegel des Flusses und nur die Nische lag höher. Ach, zuweilen bei hohem Wasserstande kam die Flut von draussen auch dieser Nische gleich und in einer stürmischen Frühlingsnacht, wo ich die letzten Steine wegrückte, brach der ganze Strahl des Wassers durch die glücklichgewonnene Öffnung! Erschöpft von der Arbeit, zum tod erschreckt von der nun unmittelbar vor meinen Augen schwebenden Gefahr, sank ich nieder; furchtbar strömte die schmuzige Woge durch die Lücke der Mauer. Da stopfte sie sich durch irgend etwas draussen plötzlich von selbst. Ich langte hinaus, soweit ich über das wasser noch sehen konnte. Ich fasste etwas Hölzernes, einen Gegenstand wie ein sich vorlegendes Bret. Aber das Bret liess sich zurückdrücken, es schwankte. Es war ein Kahn, den dein Vater hatte herantreiben lassen, als wäre er etwa losgerissen durch die Frühlingsstürme. Freude und Furcht wirkten gleich entsetzlich auf mich. Denn wie, wenn ich durch die Öffnung hindurch gekommen wäre und hätte zwar den Kahn, aber nur in der Entfernung gesehen! Der Abfluss durch die Öffnung machte gerade, dass der Kahn zu mir herantrieb ... Ich griff hinaus und drückte das eine Bord des Fahrzeuges fast schon mit letzter Anstrengung so herab zur Öffnung, dass eine Weile das Einströmen gestopft war. Dann hielt ich mit dem linken arme mit Riesenanstrengung das Holz der Planke fest und erweiterte mit der rechten die Öffnung ... immer mächtiger strömt das wasser ... aber die Öffnung wächst; endlich dränge ich mich durch die Ritze ... sie ist weit genug die Schultern durchzulassen ... schon bin ich mit dem Vorderkörper in dem Kahne, die beiden blutenden hände langen nach der Weitung des Fahrzeuges, ich fasse mit letzter Anstrengung die gegenseitige Planke, liege halb über der Höhlung und drücke den Kahn in die Wogen nieder ... aber nur mühsam zieh' ich den ohnmächtigen Körper durch die Mauer ... die Hüften bleiben in der engen Öffnung stecken ... ich brauchte eine halbe Stunde um neue Kraft zu schöpfen ... dabei der Sturm, dabei das Brausen des Flusses, das Niederprasseln von Fensterscheiben, die in dem Wetter zertrümmern, das Rufen der Wachen und Ablösungen, das Schlagen der Uhren aus dem Städtchen unterwärts des Flusses, der verzweifelnde blick auf das Morgengrauen ... ach, ich dachte zu sterben, denn meine Kräfte drohten gänzlich zu schwinden. Da versuch' ich eine letzte erneuerte Anstrengung. Der Körper zwängt sich durch, ich sinke der Länge nach in den Boden des krampfhaft von mir festgehaltenen Kahnes, der, befreit vom herunterziehenden Druck meiner hände, aufschnellt und mich in der Dunkelheit der Nacht von dannen führt. Ich schwamm dem Städtchen zu, geriet unter eine Menge kleiner Schifferbarken, die festgebunden in dem Hafen des kleinen Flusses lagen ..