hielt und sich vor ihm nicht zu demütigen brauchte. Gestern erst hatte sie ihm gesagt, er möchte sie mit seinen Besuchen, die immer mit soliden Dingen anfingen und mit versuchten garstigen Zumutungen endeten, verschonen. Ja sie ging sogar in ihrer jeweiligen kleinen Malice so weit, dem alten unverbesserlichen und von seinem Temperamente wahrhaft geplagten Herrn zu sagen, sie wolle die Maler-Guste, die Frau Ratsdienerin Spiess und ähnliche Favoriten Seiner Gestrengen nicht auf sich eifersüchtig machen. Dass sie ihn bei alledem doch nicht ganz ungern kommen sah, lag darin, dass er Manches über Menschen plauderte, die ihr lieb und wert waren. Von Hackert hatte er ihr zu ihrem Schrecken erzählt, dass er wirklich beim Oberkommissair Pax arbeitete und vielleicht bald in einem "feurigen" Kragen am Rocke einherstolziren würde, was sein Haar nur noch angenehmer heben würde. Schmelzing unterstütze ihn. Wo Das hinaus solle, wisse noch kein Mensch. Erst vor einigen Tagen wäre er beim Justizrat mit einem fremden Prediger gewesen, der bei einer russischen herrschaft lebe und hätte den Justizrat wie ein Staatsprokurator über eine alte Bildergeschichte förmlich zu Protokoll genommen. Über Melanie, Lasally, über den Process der jungen Türinger, die er hier bei Hackert an jenem Abende getroffen, über alle diese Gegenstände der Tageschronik plauderte Bartusch bei Louisen immer so lange, bis er die gelegenheit für günstig hielt, sich für seine unterhaltenden Mitteilungen eine Zutunlichkeit erlauben zu dürfen. Damit kam er aber denn doch immer übel an, sodass ihm Louise zur Erkenntlichkeit nicht einmal ihrerseits Rede stand, wenn er von Danebrand, von Murray, von der Auguste Ludmer, die sie nie genauer gekannt hatte, etwas wissen wollte. In der Äusserung, dass sie doch zu beklagen wäre, neben einem so zweideutigen mann zu wohnen, wie dieser Engländer mit der schwarzen Binde wäre, musste sie ihm Recht geben, fügte aber hinzu, dass er ihr noch keine Ursache zu irgend einem Verdachte gegeben. Dieser Sonderling wäre ein stiller, gedrückter Mann, der von Morgens bis Abends spazieren ginge, viel englische Bücher lese und sich im Zeichnen übe, das ihm, in zeiten, wo ihm noch nicht die Hand gezittert hätte, sehr gut von Statten gegangen sein müsse.
Alle diese Gedankenreihen von gestern und heute durchfliegend, fiel Louisen in einem Glase, das auf der Commode im Eck stand, eine Karte auf.
Sie griff darnach und sah, dass es eine Visitenkarte war, die auf den Namen "Sylvester Rafflard" lautete.
Wo kommt diese Karte her? dachte sie.
Die Karte war so glatt, so frisch, so neu, als hätte sie Jemand eben erst abgegeben.
Sie wird für Murray sein! dachte sie und wollte ihrer "Riekele" rufen, falls die im hof war. Sie von der Strasse zu rufen, war sehr umständlich und kostete Zeit.
Von der Galerie, dachte sie, werde' ich ja sehen.
Damit ging sie hinaus, die Karte zufällig in der Hand haltend.
Draussen beugte sie sich über die Brüstung der alten baufälligen Galerie, sah Riekchen nicht, hörte aber Jemand mühsam die Treppe heraufsteigen. Sie ging einige Schritte vorwärts und erblickte schon Murray's zerknitterten Hut. Ein grosser goldener Siegelring an der weissen zarten Hand des Alten stach sonderbar gegen den Strick ab, an dem sich die zuerst sichtbare Hand hielt.
Ah! sagte der Alte, als er oben war. Das ist steil! Gesegnete Mahlzeit, mein liebes, gutes Kind! Ich weiss schon, was Sie in der Hand haben.
Ich war nicht daheim und finde die Karte. Galt der Besuch Ihnen, Herr Murray?
Das kleine Riekele hat mir's schon unten erzählt. Wer ist's denn –
Damit war er an seiner Tür, holte Atem, schob seine über einen Draht gezogene Taffetbinde etwas höher und las gegen das Tageslicht, das etwas spärlich auf die dunkle Galerie fiel, jene Karte.
Dabei fuhr er sich über die Stirn und hob die schwarze Perrücke etwas höher.
Wer ist Herr Sylvester Rafflard? sagte er, hielt sich aber mit diesem Forschen nicht auf, sondern schloss schon sein Zimmer auf; Nr. 68 mit den noch immer vergitterten Fenstern.
Kann ich Ihnen etwas helfen, Herr Murray? fragte Louise Eisold. Das wasser wird nicht frisch sein? Sind Sie mit irgend etwas unzufrieden, so sagen Sie es nur!
Danke! Danke! Mein gutes Kind; antwortete der Alte, immer freundlich und mild. Aber die Miete ist fällig.
O bitte, Herr Murray ...
Nein, nein, Pünktlichkeit in Geld- und Liebessachen. Nicht wahr, liebes fräulein?
geben Sie mir nicht zu hohe Titel, Herr Murray! sagte Louise. nennen Sie mich schlechtweg, wie ich heisse, Louise Eisold.
Darf ich denn Louischen sagen? fragte Murray, den Hut wegstellend und seine Handschuhe, die er schon ausgezogen hatte, hinlegend.
Wenn's Ihnen bequem ist, Herr Murray! plauderte Louise bei noch halb offener Tür.
Gut, Louischen, kommen Sie her, ich muss Ihnen die Miete zahlen!
Dabei zog Murray eine Schublade, die er inzwischen aufgeschlossen hatte, ganz hervor. Sie war zu Louisens Erstaunen so schwer, dass er Mühe hatte, sie nur herauszubekommen.
Louise mochte nicht näher treten und über die gebückten Schultern des Alten hinwegsehen. Aber sie hätte schwören mögen, wenn sie näher träte, müsste sie nichts als grosse Geldrollen sehen, so wälzte sich Das in