1850_Gutzkow_030_453.txt

.. Er trat ahnend näher, das Licht erlosch, er hörte den feurigen Kuss einer sehnsuchtsvollen, zur rasendsten Ungeduld gesteigerten Begrüssung ... er fühlte eine weiche Hand, die einen elektrischen Schlag auszusprühen schien, die seine ergreifen und ihn mit einer einzigen Bewegung fast an die Tür zurückschleudern ... Er trat von selbst zurück. Die Tür fiel in's Schloss und wurde von innen verriegelt ...

Louis stand eine Sekunde im Dunkeln, besann sich und suchte mit raschem Entschlusse, weil sein beklommenes Herz zu ersticken fürchtete, das Freie.

Vergebens sah er sich nach den Brüdern um, von denen er nichts mehr entdeckte. Ein ferner Donner rollte und helle Blitze zuckten ... Dennoch langsam und tiefaufseufzend ging er der Wallstrasse zu, um Heunisch's Abreise noch um einen Tag zu verhindern und sich durch einen freundlichen, Franziska dargebrachten Abendgruss für seine Befürchtungen über die Aussöhnung zwischen Egon und Helene d'Azimont zu trösten.

Vierzehntes Capitel

Wahre innere Mission

Als an demselben Tage Mittags Louise Eisold nach haus gekommen war und sich in ihrem Hinterhofe auf der Brandgasse die steile Treppe an dem glatten Seile hinaufgeleiert hatte, wenn man einen Ausdruck der Mägde am Brunnen auf die Erleichterung des Emporsteigens über eine so halsbrechende Treppe anwenden will, waren ihre Kleinen über den Ausgang, der doch eine Stunde gedauert hatte, ungeduldig genug geworden.

Das Jüngste, die kleine Johanna, wollte sich von Friederike und Heinrich nicht beschwichtigen lassen, und schon auf der Treppe, wo ihr eine Nachbarin, der sie die Aufsicht übertragen hatte, sagte, dass Alles gut stände, hörte Louise doch den kleinen Schreihals, den sie schon auf der Galerie durch laute Schmeichelworte beruhigte, ehe sie noch eintrat und das nach ihr verlangende Kind auf den Arm nahm.

Das einfache Mahl war schon früh Morgens zubereitet und stand bei der warmen Asche auf dem Feuerherd. Der Brei für das weinende Kind war bald gewärmt und mit hundert Liebkosungen und Schmeichelworten, mit hundert scherzenden Anklagen ihrer selbst, auf ihrem Schoosse ihm dargereicht.

Als der letzte Löffel voll verspeist war, tat es auf ein paar Strophen vom schwarzen und weissen Schäfchen die Äuglein zu und schlief ein.

Jetzt kamen Riekchen und Heinrich an die Reihe des Speisens. Der kleine Zweijährige lärmte auch und jammerte. Dem gab Louise es aber schon derber mit Anwendung der Strafrechtsprincipien nicht auf sich, sondern den Kleinen selbst. Aber Heinrich beruhigte sich erst, als er die Löffel klappern hörte und Riekchen das Salzfass brachte, das Louise immer zu vergessen pflegte. Nun fehlten freilich noch Linchen und Wilhelm, aber auf diese kleinen Zeitungsträger war nie sicher zu rechnen. Oft blieben sie über Mittag ganz aus und halfen sich durch Brot und schlechten Kaffee, den sie sich dicht bei der Druckerei in einem Keller geben liessen. Karl, der Älteste, ass draussen in der Willing'schen Maschinenfabrik.

Als Louise gebetet, vorgelegt, Brot geschnitten, sich und die Ihrigen mit der einfachsten Kost gesättigt hatte, deckte sie wieder ab und besorgte die Wiederherstellung der Reinlichkeit in der Küche. Dann lüftete sie das Fenster, um den Essgeruch zu vertreiben. Hannchen schlief, auch Heinrich streckte sich jeden Mittag noch etwas in dem alten Lehnstuhl des seligen Urgrossvaters. Riekchen hatte im Zimmer keine Geduld, sondern kletterte die Stiege hinunter und hüpfte in dem Hof und auf der Strasse umher. Louise aber ging an ihren Stickrahmen und eilte sich, das Versäumte nachzuholen. Heute nach der Anregung durch Franziska, durch das Gedicht, durch die Erinnerung an Hackert ging die Arbeit ganz besonders flink. Und die Aussicht auf die Waldpartie am nächsten Sonntag machte ihr die hände vollends noch einmal so rührsam.

Das äussere Leben armer Menschen, die fleissig sind, ist einfach. Eine Viertelstunde in Einem weg das Haupt gebeugt, immer den rücken gekrümmt, dann einmal ein blick durch die bleigefugten kleinen Fensterscheiben, ein blick nur, ein ganz kurzer ... Es gibt immer etwas zu sehen. Ein Spatz fliegt an's Fenster, ein Käfer brummt in den paar bescheidenen Lack- und Resedastöcken draussen auf einem seit langer Zeit verwitternden Blumengerüst. Drüben auf dem dach klettert behend eine Katze und schleicht mit ihren sammetweichen Pfoten behutsam um den grossen Hauslaufknollen herum, der unter einer Dachluke wild hervorgewachsen ist. Bei jedem Blicke, den sich Louise alle Viertelstunden einmal gönnte, blieb immer etwas haften, was sie von der wogenden unruhigen inneren Welt, die in ihr lebte, ein klein wenig tröstend und beschwichtigend abzog und sollt' es nur die Freude über den blauen Himmel sein. Die bösen Wölkchen, die sich von der Terrasse in Solitüde sehen liessen, brauchten lange Zeit bis sie in dem kleinen Gevierte von Himmelsluft, das man von diesem Hinterhofe aus überschauen konnte, gesehen oder auch nur geahnt wurden.

Ein Besuch fand sich hier oben, seit der alte Urgrossvater in das grosse Kunstwerk der Weltenuhr blickte und keine irdischen Zeitmesser mehr zu regieren brauchte, selten ein. Bei Herrn Murray nebenan war es so still, wie es bei Hackert gewesen war. Schmelzing, der für Dichter, Schauspieler, Advokaten und die Polizei Copiaturen fertigte, war auch nicht mehr da. Der war oft verliebt zu ihr gekommen und hatte sie mit seinen Zärtlichkeiten belästigen wollen, ihr aber mit seinen Schreiberärmeln nur ihre arbeiten "verwuschelt." Einen Gast, der sich auch um die Mittagszeit zuweilen einfand, den grauen Herrn Bartusch, liess sie kalt und um so spröder an, als sie in ihren spärlichen Finanzen Ordnung