1850_Gutzkow_030_452.txt

wieder nach der Seite des Lichtes hin! Ich will Louison's Andenken nicht entweihen und von ihrem Kusse sprechen. Aber Das kann ich ihren Zärtlichkeiten nachsagen, Louis, dass sie die Eingebungen des Herzens waren. Was das Raffinement des Verstandes, die kalte leidenschaft, die gemeine Erfindung, die Liebe entweihend, an Mysterien der Hingebung nur ergrübeln kann, das kam unsrer armen Louison wie ein Einfall der Schalkhaftigkeit und Laune. Ich behaupte, jede Zärtlichkeit eines Weibes, die nicht der Herzensgüte entstammt, ist ein Gift und rächt sich durch den Überdruss. Ich hasse das stürmische, hastige Naschen vom Baume der erkenntnis. Aber ekel sieht die Asche der verglühten leidenschaft aus! Ah, Louison! Du hattest ein geheimnis, das so Wenige verstehen: Du schwiegst, wenn du liebtest! O wie beredtsam war dies Schweigen! Wie genügte diese ruhige, stille, stundenlange träumerische Umarmung! Dieser einzige blick, wenn sie zu meinen Füssen sass und nur aufschaute und sagte: Rühr' dich doch nicht! Ich brauche nur deine Augen zu sehen! Und Das tat sie stundenlang, hielt meine Hand und schwieg. Und nun schweigt sie für ewig!

Die Einfahrt in die lebhafte Vorstadt, der Hinblick auf die eben aufblitzenden Gasflammen der dunkeln inneren Stadt brach diese wehmütige Wendung des Gespräches ab.

Egon ermannte sich, dankte den Brüdern Wildungen für den freundlichen, ihm bereiteten Tag und bat nur entschuldigen zu wollen, dass er mit seinem Freunde Louis die Ruhe suche. Er fühle sich erschöpft, bedürfe für morgen gestärkter Kräfte und dann zu Louis sich wendend, sagte er:

Mit Heunisch wirst du vielleicht noch heute sprechen, nicht wahr?

Lass mir jede sorge, Freund! antwortete Armand.

Ihm und Zeisel übertrage das Delogement der wiedereroberten Andenken an meine Mutter! Ich nehme die Sachen nach Hohenberg. Gnaden und Herablassungen dieser Art muss man so nehmen, wie sie geboten sind, sonst ängstigt man den Geber und lässt ihn glauben, man fühle sich durch seine Güte verletzt oder wisse sie nicht zu schätzen.

Es trat eine Pause ein. Man hatte zuviel erlebt, zuviel Eindrücke führte man mit sich heim ...

Der Wagen rollte pfeilschnell ...

Doch sagte Egon, gleichsam um der Bekanntschaft des ihm so wohltuenden Siegbert die letzte Weihe zu geben:

Sprechen Sie noch heute die Fürstin Wäsämskoi?

Siegbert bejahte.

Nun, so bereiten Sie mir daselbst für morgen einen günstigeren Empfang vor, als ich nach der schlimmen Meinung der Kinder scheine erwarten zu dürfen. Jedenfalls muss ich Rudhard sehen, dessen Namen ich so verehre, dass ich mich in Frankreich nach ihm nannte. Sagen Sie ihm Das! Ich habe viel von Dem, was meine Mutter ihn so übel empfinden liess, wieder gut zu machen und sind auch meine Mittel gering, so gehört er, das weiss ich, zu Den Menschen, die sich auch durch Gesinnung belohnt fühlen.

Nahe beim Palais des Prinzen stiegen Dankmar und Siegbert aus und mussten versprechen, morgen bei Egon zu speisen.

Wir haben auch wegen der Deputirtenwahl zu reden, sagte der Fürst lächelnd.

Wohl, erwiderte Dankmar, diese Angelegenheit kann nicht schnell genug betrieben werden.

Als Louis den Schlag von innen zudrückte, gab ihnen Dankmar, dem Arbeiter wie dem Prinzen, mit gleicher Herzlichkeit die Rechte.

Die Brüder sahen dann dem Wagen nach, wie er rasselnd in das Portal des Palais einfuhr ...

Bist du befriedigt? fragte Dankmar, als sie allein waren.

Vollkommen! erwiderte Siegbert. Dieser Egon besitzt den Stoff zu einer grossen Zukunft!

Was ich tun kann, ihn hochzuhalten, soll geschehen und müsst' ich selbst der Schemel dazu sein; sagte Dankmar.

Warum sprachst du nichts von unserm Process? fragte der Bruder.

Bei günstigerer gelegenheit. Wir sind ihm noch zu ideell ... Und nun: Guten Abend, Bruder! Du gehst zu ...

Wohin anders als zu meinen Kranken, sagte Siegbert fast wehmütig. Denn Das sind diese Wäsämskoi's! Sie bedürfen meiner um zu leben und ich fühle, wie qualvoll die Leiden ... eines Magnetiseurs sein mögen.

Die Kleine ist lieblich, voll Charakter, reif zu einem Roman! sagte Dankmar voll Herzlichkeit, die schmerzliche Wehmut des Bruders wohlverstehend. Warum weinte sie? Gewiss nicht deshalb, weil du nicht mit ihr fuhrst ...

Sie weinte, sagte Siegbert bebend, weil sie glaubt, dass ich die Mutter liebe ...

Richtiger, sagte Dankmar ernst und voll Schmerz, weil diese Mutter dich in Wahrheit liebt!

Siegbert schwieg ...

Beide Brüder standen sich so voll innerstem Anteil gegenüber.

Ich gehe nach Haus, sagte Dankmar, um für uns zu lesen, zu schreiben, zu arbeiten. Vielleicht auch noch etwas auf das Café Richter!

Komm' nicht zu spät!

Die Brüder trennten sich mit innigem Händedruck ...

Hätten sie noch einige Minuten gewartet, so würden sie noch Louis getroffen haben, der eben rasch, verstört und in grosser Unruhe aus dem Portale trat ...

Was war ihm begegnet?

Nichts, als dass er den Prinzen die Treppe hinaufführte und ein Licht aus einer der dienenden hände nahm, um Egon in ein schon dunkles Zimmer zu begleiten ... Wie er an das letzte kam, dem Egon, um sich auf seine weichen Polster zu werfen, mit rechtem Verlangen schon näher entgegentrat, hörte er drinnen den jubelnden Ausruf einer weiblichen stimme: Egon da bist du! .